ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2014Von schräg unten: Autonomie

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Autonomie

Dtsch Arztebl 2014; 111(27-28): [60]

Böhmeke, Thomas

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Ich bekenne mich schuldig. Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, mea maxima culpa, ich bekenne mich hiermit, auf kathartische Wirkung hoffend, in aller Öffentlichkeit schuldig. Denn ich habe mich versündigt am einfühlsamen Umgang mit unseren Schutzbefohlenen, vergangen am informed consent, vergriffen am Arztsein auf Augenhöhe. Verflucht sei mein autoritäres Mundwerk, das meinen schutzsuchenden Patienten den medizinischen Imperativ auf das Auge drückt, sie aus ihrer Welt reißt und einfach in das Krankenhaus schickt. Wie oft habe ich meinen Patienten das Wort abgeschnitten, wenn ein Einwand vorgebracht wurde, der mit meinen Empfehlungen kollidierte. Wie oft befiel mich die akute doppelseitige Schwerhörigkeit, wenn mir eine Bitte vorgetragen wurde, die meinem präferierten Prozedere dazwischengrätschte.

Dabei, so tue ich Reue als Pfand der Einsicht, müsse ich doch sehen, was ich den Menschen antue, wenn ich, die Fanfare des medizinischen Fanatismus blasend, unverblümt und rigoros in ihr Leben platze. Schlimmer noch: Ich mache mich des Raubes schuldig, da ich ihnen die Autonomie stehle, wenn ich den Krankentransportwagen rufe. Ich reiße meine armen Patienten aus ihren häuslichen Abläufen, trenne sie von Heim und Herd, erkläre sie absolut arbeitsuntüchtig.

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Das ist aber nur der Anfang, denn im Krankenhaus sind sie nicht mehr die Abteilungsleiter, in deren Obhut 20 oder 50 Angestellte ihr Werk verrichten oder gar Direktoren, die 500 Menschen Arbeit geben. Nein, dann sind sie Herr Müller aus Zimmer 213, den die Schwesterschülerin eine geschlagene Stunde warten lässt, bis ihm der Blutdruck gemessen wird. Der zu ertragen hat, dass sein Operationstermin immer wieder verschoben wird, obwohl er der Meinung ist, dass ohne ihn in seinem Betrieb alles den Bach runtergeht. Der tatenlos zusehen muss, wie die Zeit verrinnt, während er, eingekeilt zwischen weißen Kitteln und MRSA-Besiedlung, große Verluste schreibt. Ohnmacht mischt sich mit Zorn, Sorgen mit Verzweiflung.

Daher will ich heute, liebe Kolleginnen und Kollegen, ein guter Arzt sein, der auf seine Schutzbefohlenen eingeht, höchst einfühlsam auch die beruflichen und häuslichen, die sozialen und betrieblichen Aspekte minutiös miteinbezieht. Der Nächste, bitte. „Also, mein Hausarzt schickt mich, weil er meint, ich hätte ein belastetes rechtes Herz. Ich weiß gar nicht, was das soll, ich habe keinerlei Beschwerden, mir geht es gut!“ Bei der Ultraschalluntersuchung staune ich nicht schlecht: Ein großer flottierender Thrombus in der Vena cava inferior, ausgehend von der Vena renalis. Meine Güte, wenn der sich löst! Sie müssen sofort ins Krankenhaus! „Aber Herr Doktor! Morgen ist Betriebsratsversammlung, und ich . . .“ Ruhe im Stall! Sie sind verhaftet!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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