ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2014Umfrage: Wohin ein Chefarzt wechseln würde

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Umfrage: Wohin ein Chefarzt wechseln würde

Protschka, Johanna

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Die Personalberatung Rochus Mummert wollte von Chefärzten und leitenden Oberärzten wissen, für welchen Krankenhausträger sie bevorzugt die Arbeitsstelle wechseln würden. Einige der Umfrageergebnisse überraschen.

Foto: mauritius images
Foto: mauritius images

Der Ärztemangel macht vor den Führungsetagen der Krankenhäuser nicht halt. Für einen Klinikträger ist es daher von großem Interesse zu wissen, für welche Art Arbeitgeber sich Chefärzte und angehende Chefärzte vorrangig entscheiden. Welche Faktoren spielen für die Präferenzen der Ärzte eine hervorgehobene Rolle? Welche Träger sind die beliebtesten Arbeitgeber? Aufschluss darüber geben die Ergebnisse der Studie „Arbeitgeberattraktivität von Kliniken: Für welche Träger sich angehende Chefärzte entscheiden“ der Personalberatung Rochus Mummert in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Marketing und Gesundheitsmanagement der Universität Freiburg.

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Gleich vorneweg ein entscheidendes Ergebnis der Studie: Wenn sich ein Chefarzt oder angehender Chefarzt entscheiden müsste – unabhängig von seinem aktuellen Arbeitgeber –, würde er sich bevorzugt an einem Krankenhaus in öffentlicher Trägerschaft bewerben. Eine Stelle in einer privaten Klinik wird dagegen als am wenigsten attraktiv angesehen. Warum dies so ist, lässt sich anhand verschiedener Faktoren zu Arbeitgeberattraktivität erklären.

Aufstieg wichtiger als Gehalt

Rochus Mummert hat 239 Oberärzte, leitende Oberärzte und Chefärzte befragt, die in deutschen Krankenhäusern tätig sind. Den Teilnehmern wurden per Zufallsprinzip fiktive Jobangebote von Krankenhäusern unterschiedlicher Träger zugeordnet. Sie wurden auf vier Szenarien aufgeteilt: Mögliche Führungsposition in einem privaten, einem freigemeinnützigen, konfessionellen oder öffentlichen Krankenhaus. Dem jeweiligen Kliniktyp sollten die Befragten auf einer Skala von 1 bis 7 (1 = trifft überhaupt nicht zu, 7 = trifft voll und ganz zu) zudem bestimmte Eigenschaften zuweisen. Grundsätzlich erreichen auf der Skala für die Wechselbereitschaft die öffentlichen Kliniken den höchsten Wert mit 5,27, gefolgt von den freigemeinnützigen (4,59), konfessionellen (4,18) und privaten Kliniken (3,67) (Grafik 1).

Wechselbereitschaft von Chefärzten und angehenden Chefärzten
Grafik 1
Wechselbereitschaft von Chefärzten und angehenden Chefärzten

Was die Arbeitgeberattraktivität betrifft, legen die Befragten besonderen Wert auf die erwartete Jobsicherheit und die wahrgenommenen Karrieremöglichkeiten im jeweiligen Kliniktyp. Öffentliche Einrichtungen können vor allem dadurch punkten, dass sie beim Faktor Jobsicherheit einen Durchschnittswert von 4,8 erreichen. Im Gegensatz dazu erreichen die privaten Träger einen Wert von 2,9.

„Städtische Kliniken und Kreiskrankenhäuser genießen als Arbeitgeber ein höheres Vertrauen, da sie regional verwurzelt sind und in der Regel eine gewisse Größe haben. Sie strahlen Stabilität aus“, erklärt Dr. med. Henrik Räwer, Klinikexperte bei Rochus Mummert. Es sei gerade für kleinere Privatkliniken schwer, damit zu konkurrieren. Überrascht habe ihn bei den Ergebnissen unter anderem, dass die Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten für die angehenden Chefärzte offenbar eine größere Rolle spielten als das Gehalt. Denn: Das höchste Gehalt wurde von den Teilnehmern bei den privaten Kliniken vermutet (4,19), gefolgt von den öffentlichen (3,65), weit abgeschlagen dahinter rangieren die konfessionellen auf dem letzten Platz (3,12).

Obwohl die konfessionellen Häuser im Bereich „soziale Kompetenz“ leicht überdurchschnittlich bewertet wurden (4,62; private Träger 3,21), schneiden sie in puncto moralische Vorgaben negativ ab. Dass christliche Werte – im negativen Sinne – den Arbeitsalltag bestimmen, wird am ehesten in den konfessionellen Häusern vermutet. „Das ist merkwürdig, denn auf der anderen Seite erwarten die meisten Ärzte in den konfessionellen Häusern die höchste Kollegialität im Vergleich zu den Häusern anderer Träger“, sagt Räwer.

Ärztinnen bewerten anders

Ebenfalls sei er überrascht, wie überwiegend negativ der Kennzahlenfokus und die Wirtschaftlichkeit in den privaten Häusern wahrgenommen werde. Die Dominanz wirtschaftlicher Ziele bei den Privaten erhält von den Befragten durchschnittlich einen Wert von 5,36, bei den öffentlichen Trägern liegt der Wert bei genau 4,0. Auch in Bezug auf die wahrgenommene Übereinstimmung eigener Werte mit den Werten des jeweiligen Krankenhausträgers schneiden die privaten Kliniken schlecht ab. Deren Wert liegt bei 3,63 (Grafik 2), während sich die öffentlichen und konfessionellen Träger jeweils über einen überdurchschnittlichen Wert freuen können (5,02 und 4,97). Hier sieht auch der wissenschaftliche Studienleiter Dr. Florian Drevs, Universität Freiburg, einen Knackpunkt im Wettbewerb um Führungspersonal: „Um diesen Nachteil auszugleichen, stehen die privaten Krankenhäuser vor der Herausforderung, ein Arbeitgeberimage aufzubauen, das sich mit den Wertvorstellungen von Ärzten und Ärztinnen in Führungspositionen deckt.“

Wahrgenommene Übereinstimmung eigener Wertvorstellungen mit Trägern
Grafik 2
Wahrgenommene Übereinstimmung eigener Wertvorstellungen mit Trägern

Auffallend an der Studie ist, dass sich unter den Befragten 86 Prozent Männer und lediglich 14 Prozent Frauen befinden. Die Frage, ob andere Ergebnisse zu erwarten seien, wenn im Laufe der Jahre mehr Frauen in ärztlichen Führungspositionen Fuß gefasst haben, beantwortet Henrik Räwer eindeutig mit Ja: „Ich glaube, dass es dann eine positivere Sicht auf die privaten Kliniken geben wird. Mein Eindruck ist, dass Ärztinnen mit straffen Strukturen, auch wenn sie der Wirtschaftlichkeit dienen, besser zurechtkommen − das liegt sicherlich auch an dem engen Zeitplan und der damit verbundenen Bereitschaft vieler Frauen, sich gut zu organisieren.“ Abgesehen davon sei es den privaten Anbietern oft schneller und direkter möglich, innovative Wege, z. B. einer Weiterbildung in Teilzeit, anzubieten, was vielen Ärztinnen entgegenkommen werde. Der Personalberater hat zudem die Erfahrung gemacht, dass die privaten Träger den Frauen in der Vergangenheit bessere Karrierechancen eröffnet haben. Die öffentlichen Träger zögen in diesem Bereich nun nach.

Sich ein eigenes Bild machen

Grundsätzlich rät Räwer, sich ein eigenes Bild von den privaten Kliniken zu machen, man dürfe sie nicht über einen Kamm scheren: „In den meisten Kliniken gelingt es gut, trotz privatwirtschaftlichem Hintergrund im Klinikalltag, den Fokus auf die fachliche Kompetenz zu legen.“ Denn: Die Studie zeige auch, dass Ärzte, die bereits in einem privaten Haus gearbeitet haben, diesen Kliniktyp wieder wählen würden. Diese bilden aber nicht die Mehrheit. Laut Umfrage haben weniger als die Hälfte der Teilnehmer bereits Erfahrungen mit einer privaten Klinik gemacht.

Johanna Protschka

Wechselbereitschaft von Chefärzten und angehenden Chefärzten
Grafik 1
Wechselbereitschaft von Chefärzten und angehenden Chefärzten
Wahrgenommene Übereinstimmung eigener Wertvorstellungen mit Trägern
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Wahrgenommene Übereinstimmung eigener Wertvorstellungen mit Trägern

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