ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Reform der Psychotherapieausbildung: Schwierige Entscheidungen

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Reform der Psychotherapieausbildung: Schwierige Entscheidungen

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 289

Bühring, Petra

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Die Bedenkenträger fanden Ende Juni in Berlin ein Forum – auf der Fachtagung „Reform der Psychotherapieausbildung: Wege – Risiken – Nebenwirkungen“, ausgerichtet von verschiedenen Fach- und Berufsverbänden. So geht Dr. phil. Steffen Fliegel von der Gesellschaft für klinische Psychologie davon aus, dass die postgraduale Ausbildung nicht zugunsten eines Psychotherapiestudiums abgeschafft wird. Denn der wissenschaftliche Konsens der Autoren des vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) in Auftrag gegebenen Forschungsgutachtens zur Evaluation der Ausbildung, die postgraduale Ausbildung beizubehalten, sei nach wie vor aktuell. Zu finden ist das Gutachten von 2009 immer noch auf der Homepage des BMG, obwohl das Ministerium die Ergebnisse ignoriert und seitdem eigentlich für eine Direktausbildung wirbt, in der sogenannten basalen Form mit Approbation nach dem Hochschulstudium.

Fliegel jedenfalls findet die derzeitige Ausbildungsstruktur gut, wenngleich er sich mehr psychotherapeutische Inhalte im Studium wünscht. Die Probleme, die sich aus der derzeitigen Struktur ergeben, wie länderspezifisch ungleiche Zugangskriterien (Master für Psychologische Psychotherapeuten überall und Bachelor für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in einigen Ländern), könnten kurzfristig über eine bundesweite Regelung gelöst werden, schätzt er. Und auch das Problem der fehlenden oder unangemessen niedrigen Vergütung während der praktischen Tätigkeit an Kliniken ließe sich über BAföG, Darlehen, ein Ausbildungsbudget an Kliniken oder Ähnliches lösen.

Ein niedrigeres Qualitätsniveau durch eine Direktausbildung in der basalen Form an Universitäten befürchtet auch der Arzt und Psychotherapeut Prof. Dr. phil. Dr. med. Serge Sulz. Wissenschaftler und Hochschullehrer würden die angehenden Psychotherapeuten an den Hochschulen ausbilden und nicht mehr wie bisher erfahrene Therapeuten. Wissenschaft statt Versorgungspraxis würde dann im Vordergrund stehen. Eine Approbation nach dem Studium findet er zudem viel zu früh: Die jungen Psychotherapeuten seien mit der Patientenversorgung überfordert. Sinnvoller findet Sulz ein Masterstudium der Psychotherapie, das auf die Ausbildung zum Psychotherapeuten an Instituten vorbereitet.

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Am ehesten entspricht das wohl dem Konzept einer „dualen“ Direktausbildung nach Jörg W. Gleiniger. Der Rechtsanwalt hält dieses Konzept für die rechtssicherste Lösung. In der dualen Struktur würde zunächst ein grundständiges Hochschulstudium mit berufsrelevanten Inhalten erfolgen, das mit einer ersten Staatsprüfung nach Bundesrecht abschließt. In diese Zeit könnte – wie im Medizinstudium – ein unvergütetes praktisches Jahr verlagert werden. Danach müsste eine vertieft verfahrensbezogene Qualifikation mit dem Schwerpunkt Erwachsene oder Kinder und Jugendliche an einer staatlich anerkannten Ausbildungsstätte absolviert werden, die mit einer zweiten Staatsprüfung abschließt. Erst damit könnte die Approbation erworben werden.

Die Frage ist also weiterhin: Alles so lassen wie es ist, weil es nicht schlecht ist, allerdings ohne die Probleme der nachfolgenden Generation dauerhaft zu lösen? Oder einen neuen Schritt wagen, vielleicht hin zu einer dualen Direktausbildung? Von der Profession wird eine Entscheidung erwartet.

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