ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Internetpsychotherapie: Qualitätsstandards sind notwendig

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Internetpsychotherapie: Qualitätsstandards sind notwendig

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 295

Bühring, Petra

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Studien zeigen vergleichbare Behandlungsergebnisse wie bei „Face-to-face“-Therapien. Doch kann das Internet den persönlichen Kontakt ersetzen? Ein Symposium beleuchtete einige Fragen.

Therapie- und Hilfsangebote, deren Basis das Internet ist, entwickeln sich auch bei psychischen Erkrankungen rasant. „Wir begrüßen es, dass neue Medien für die Hilfesuchenden zur Verfügung stehen“, sagte die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV), Barbara Lubisch, bei dem Symposium des Verbandes „Geht Psychotherapie online . . .?“ am 26. Juni in Berlin. Denn nach ihren Erfahrungen wünschen sich immer mehr Patienten Rat über das Internet, besonders wenn zunächst Scheu vor dem Besuch bei einem Psychotherapeuten besteht oder sie nicht mobil genug sind, um eine Praxis zu erreichen. Auch aufgrund der aktuellen Versorgungsprobleme erschienen internetgestützte Angebote interessant – nicht nur zur Überbrückung der Wartezeiten auf einen Therapieplatz. „Um Missbrauch mit solchen Instrumenten zu verhindern, brauchen wir aber auch klare Qualitätsstandards und ausreichenden Datenschutz“, sagte Lubisch.

Um mehr Erkenntnisse zu erlangen, führt die DPtV aktuell eine Studie mit den Entwicklern des Online-Selbsthilfeprogramms „Deprexis“ durch. Das Tool, das es bereits seit etwa sieben Jahren gibt, kann innerhalb einer Psychotherapie zusätzlich für Patienten mit unipolarer Depression eingesetzt werden (www.deprexis.de). Die gemeinsame Studie soll nun klären, inwieweit Patienten und Psychotherapeuten von dem Hilfsmittel profitieren.

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Von Studienergebnissen, die auf vergleichbare Behandlungseffekte hinweisen wie bei sogenannten Face-to-face-Therapien, berichte Prof. Dr. phil. Christine Knaevelsrud von der Freien Universität Berlin. In Schweden und den Niederlanden beispielsweise sei internetgestützte Therapie bereits in die reguläre Versorgung integriert. „Die Vorteile der Internettherapie liegen in der erleichterten Selbstöffnung, der Barrierefreiheit, der Flexibilität und der aktiven Einbindung der Patienten“, erläuterte die Psychotherapieforscherin. Internettherapie biete sehr gute Möglichkeiten, unterversorgte Populationen zu erreichen. Sie berichtete von einer Internettherapie in Krisenregionen des Iraks, wo eine Face-to-face-Therapie nicht möglich war. Zehn intensive, hauptsächlich über E-Mails geführte Stunden hätten bei den Patienten schon zu einer deutlichen Linderung der Symptome geführt.

Knaevelsrud wies jedoch auch auf die Nachteile der Internettherapie hin: begrenzte diagnostische Möglichkeiten, keine Möglichkeit zur Krisenintervention sowie keine beziehungsweise eingeschränkte nonverbale Signale auf beiden Seiten. Diese Therapieform sei für den Berater oder Psychotherapeuten auch nicht unbedingt schneller zu bewerkstelligen als eine reguläre Therapie: „Bei den schriftlichen Antworten muss man sehr sauber mit Sprache umgehen – das kann sehr lange dauern“, sagte sie. Die Psychotherapeutin forderte ebenfalls die Entwicklung von Qualitätsstandards, eine Qualifizierung der Berater sowie Richtlinien zum Datenschutz. Denn ihrer Erfahrung nach sei den Patienten die Datensicherheit „häufig völlig egal“. Hierfür müsse Bewusstsein geschaffen werden. Notwendig sei auch eine Überprüfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen insbesondere hinsichtlich der Vereinbarkeit von Berufsordnung und Sozialrecht.

„Grundsätzlich gilt: Was nicht verboten ist, ist erlaubt“, sagte Rechtsanwalt Prof. Dr. jur. Martin Stellpflug, Berlin. Derzeit gebe es kein absolutes Verbot von internetgestützter Behandlung für Psychologische Psychotherapeuten. So besage § 5 (Sorgfaltspflichten) Abs. 5 der (Muster-)Berufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), dass Psychotherapeuten ihre Leistungen im persönlichen Kontakt erbringen. Sie dürften diese über elektronische Kommunikationsmedien nur in begründeten Ausnahmen erbringen unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten. Zu diesen gehöre, sich ein eigenes Bild zu machen und alle Mittel der Diagnostik auszuschöpfen. „Vorstellbar ist aber beispielsweise ein einmaliges Face-to-face-Treffen oder auch die Diagnostik eines Dritten vor Ort zu nutzen“, erläuterte der Justiziar der BPtK. Im Gegensatz dazu dürften Ärzte Patienten nicht ausschließlich über Kommunikationsmedien behandeln oder beraten. ([Muster-]Berufsordnung der Ärzte § 7, Abs. 4).

Sehr kritisch sieht Stellpflug die Kommunikation mit Patienten über Videotelefonie mit der Software Skype. Man wisse nicht, was mit diesen Informationen geschehe. Aber: „Viele jüngere Kollegen haben hierzu im eigenen privaten Bereich fast keine Bedenken.“

Petra Bühring

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