ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014EBM-Reform: Das Geld für Neues reicht nicht

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EBM-Reform: Das Geld für Neues reicht nicht

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 305

Rieser, Sabine

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Erste Analysen zeigen: Noch haben sich die Hausärztinnen und Hausärzte nicht an alle Änderungen gewöhnt. Doch ist schon jetzt absehbar, dass die Finanzspritze für förderungswürdige Leistungen offenbar zu gering ausgefallen ist.

Keine großen Verwerfungen – wenn dies die erste Bilanz nach Veränderungen am Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) ist, sind die Verantwortlichen meist erleichtert. Das gilt auch für Dipl.-Med. Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie sei mit den Ergebnissen der ersten Abrechnungen nach dem neuen Hausarztkapitel im EBM zufrieden, erklärte Feldmann Anfang Juni vor Journalisten.

Neue Gesprächsziffer wurde noch selten abgerechnet

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Der Leistungsbedarf der Hausärztinnen und Hausärzte im neu gestalteten Kapitel drei hat sich im vierten Quartal 2013 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 4,1 Prozent erhöht. Die Spanne reicht von 0,8 Prozent in Hessen bis zu 6,4 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. Der gesamte Leistungsbedarf ist um 2,3 Prozent gestiegen – auch weil die Änderungen auf Wunsch der Krankenkassen weitgehend punktsummenneutral erfolgen mussten. Zu welchen Honorareffekten dies bei den Hausärzten in den einzelnen Bundesländern geführt hat, konnte Feldmann nicht sagen, weil überall andere Honorarverteilungsmaßstäbe gelten.

Bei der Analyse hat sich gezeigt, dass das von den Kassen zusätzlich bereitgestellte Geld für die neuen Leistungen wohl nicht ausreichen wird. Außerdem rechnen die Hausärzte die neue Gesprächsziffer bislang seltener ab als angenommen, offenbar vor allem aus Sorge davor, in Plausibilitätskontrollen aufzufallen. Feldmann verwies aber darauf, dass es sich um ein „Umstellungsquartal“ handele. Das erste Quartal 2014 werde „sicher ein aussagekräftigeres Quartal als das erste nach einer EBM-Reform“.

Im Einzelnen zeigt sich beispielsweise, dass die neue Ziffer für das hausärztlich-geriatrische Basisassessment (03360) mehr als zehnmal so häufig abgerechnet wurde wie zuvor die alte, schlechter bewertete Ziffer (03240). Zusammen mit den abgerechneten neuen palliativmedizinischen Leistungen führt dies nach Angaben der KBV dazu, dass die Unterfinanzierungsquote bei 220 Prozent liege, also mehr als doppelt so viel Honorar, wie finanziert wird, benötigt werde.

Daran zeige sich auch, „welchen Bevölkerungsanteil Hausarztpraxen vor allem versorgen“, erläuterte Feldmann – nämlich ältere Patienten. Sie gab aber auch zu bedenken, dass das Basisassessment nicht jedes Quartal abgerechnet werden kann. Deshalb könnten die nächsten Quartalsergebnisse wieder anders aussehen.

Was die neue Gesprächsziffer anbelangt, so haben zwischen 53 und 76 Prozent der Hausärzte ihr Budget dafür gar nicht ausgeschöpft. Dies sei der Umstellung geschuldet, meinte Feldmann. Erstens müssten sich die Ärzte daran gewöhnen, diese neue Ziffer abzurechnen, wenn sie die Gesprächsleistung erbracht haben. Zweitens hätten sie wegen Unklarheiten zum Teil bis Ende 2013 noch befürchtet, durch eine zu häufig angesetzte Gesprächsziffer bei Plausibilitätsprüfungen aufzufallen. Feldmann geht davon aus, dass die neue Ziffer in Zukunft häufiger abgerechnet wird, aber man auch „keine explosionsartigen Entwicklungen“ zu erwarten habe.

Bei den neuen Chronikerpauschalen sind die ersten Ergebnisse scheinbar widersprüchlich: Einerseits hat die Leistungshäufigkeit in allen Ländern zugenommen, andererseits ist das Honorarvolumen dieser Ziffern um bundesdurchschnittlich zehn Prozent gesunken.

Geld für Chronikerpauschale blieb im Topf liegen

Feldmann erklärte das damit, dass die zweite Pauschale mit 15 Euro zu niedrig angesetzt sei. Deshalb können etwa 40 Millionen Euro an Honorar nicht abgerufen werden, obwohl sie eigentlich in den Honorartöpfen der Hausärzte bereit liegen. Hier sei man in Nachbesserungsgesprächen mit den Krankenkassen, so Feldmann. Aktuell geht es um eine Erhöhung von 15 Euro auf 17 Euro.

Der Deutsche Hausärzteverband nutzte die ersten Analysen, um seine Forderung nach einer umfassenden Kurskorrektur am EBM zu bekräftigen. „Es hat sich gezeigt, dass im letzten Jahr hochgelobte Reformelemente wie die Gesprächsziffer den Hausärzten nicht geholfen haben“, kritisierte der Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt. Vor einer unkritischen Weiterentwicklung des EBM wie geplant warnte er.

Sabine Rieser

DAS HAT SICH GEÄNDERT

  • Das ausführliche hausärztliche Gespräch, das im Zusammenhang mit einer lebensverändernden Erkrankung steht, kann separat abgerechnet werden. Es muss mindestens zehn Minuten dauern (9 Euro).
  • Der Chronikerzuschlag wurde in zwei Zuschläge aufgesplittet: Zuschlag eins (13 Euro) kann bei einem persönlichen Arzt-Patient-Kontakt abgerechnet werden, Zuschlag zwei (15 Euro) ab zwei persönlichen Kontakten.
  • Darüber hinaus wurden neue Leistungen eingeführt oder bestehende verbessert, wofür die Krankenkassen im hausärztlichen Bereich rund 125 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich bezahlen. Beispiel: die geriatrische Versorgung. Neu ist der geriatrische Betreuungskomplex (15,90 Euro) einmal im Behandlungsfall, verbessert wurde das Honorar des geriatrischen Basisassessments (12,20 Euro).

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