ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Kindliche Gewaltopfer: Keine Entwarnung möglich

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Kindliche Gewaltopfer: Keine Entwarnung möglich

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 306

Rieser, Sabine

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Die jüngsten Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik lassen erkennen, dass Maßnahmen zum Kinderschutz weiterhin notwendig sind.

Foto: Fotolia/bramgino
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Gewalt und sexueller Missbrauch an Kindern sind schwere Straftaten mit einem großen, teils lebenslang andauernden Schaden für die Opfer. So dürfen auch die in einigen Deliktsbereichen langfristig sinkenden Fallzahlen keine Entwarnung für uns sein.“ Mit diesen Worten hat der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, Anfang Juni aktuelle Daten zu kindlichen Gewaltopfern aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2013 vorgestellt. Danach wurden im vergangenen Jahr 153 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren getötet, in weiteren 72 Fällen lag ein Tötungsversuch vor. Vor etwa zehn Jahren verzeichnete die Statistik noch 233 Tötungen und 85 Tötungsversuche.

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4 051 Kinder wurden im Jahr 2013 Opfer körperlicher Misshandlungen. Die in der Kriminalstatistik erfassten Fälle des Besitzes und der Verbreitung von kinderpornografischem Material stiegen im Vergleich zum Vorjahr um circa 16 Prozent auf knapp 7 000 Fälle an. Im Bereich sexueller Gewalt an Kindern weist die Statistik im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um knapp zwei Prozent auf etwas weniger als 15 000 Opfer auf. Die Dunkelziffer sei aber in allen Bereichen hoch, besonders in dem der Kinderpornografie, ergänzte Ziercke. Er verwies zudem darauf, dass bei Mord- und Totschlagsdelikten kleine Kinder unter sechs Jahren besonders häufig zu Opfern wurden.

Die größte Gefahr lauert im familiären Umfeld

„Die Angst vor dem Unbekannten im Park, auf dem Spielplatz oder neben der Schule ist dabei nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit“, betonte angesichts der gesamten Daten der Verein Deutsche Kinderhilfe, der die Statistik in Berlin präsentierte und mit Hilfe von Experten analysierte. „Die größte Gefahr für das kindliche Wohlbefinden findet sich dort, wo sich Kinder und Jugendliche geborgen fühlen sollten: in der Familie.“

Der Kinderschutz gleiche trotz mancher Verbesserungen wie der „Frühen Hilfen“ noch immer einem Flickenteppich, monierte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Zur Verbesserung bedürfe es einheitlicher Fachstandards, gerechter Entlohnung sowie der Supervision und einer Entlastung von Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendhilfe.

Wie man Misshandlung und Missbrauch erkenne und welche Handlungspflichten sich daraus ergeben, müsse „verpflichtender Teil der Aus- und Weiterbildung in allen kinder- und jugendspezifischen Berufen sein“, fordert der Verein. Er sprach damit auch die Medizin an.

Becker lobte ausdrücklich Angebote wie die Kinderschutz-Hotline in Mecklenburg-Vorpommern, die rund um die Uhr erreichbar ist. Bei solchen Angeboten müssten sich Kommunen aber auch auf einen größeren Hilfebedarf und höhere Kosten einstellen.

„Das alltägliche Wegschauen, Verharmlosen und Tabuisieren von Kindesmisshandlung durch unsere Politiker muss endlich ein Ende haben“, verlangte der Rechtsmediziner Prof. Dr. med. Michael Tsokos, der zusammen mit seiner Kollegin Saskia Guddat das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ geschrieben hat. Ähnlich argumentierte Prof. Kathinka Beckmann, Professorin der Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz.

„Solange die Kommunen als Hauptfinanzierer der Jugendhilfe seitens der Politik und Gesellschaft eher zum Stopfen der Asphaltlöcher als zum Schließen der Lücken im Kinderschutz aufgefordert werden, bleibt das wohl eine Utopie.“ Beckmann verwies darauf, dass in Berlin ein Jugendamtsmitarbeiter teilweise für bis zu 160 gefährdete Kinder beziehungsweise ihre Familien zuständig sei. So könne man sich um Einzelne nicht mehr ausreichend kümmern, warnte sie. „Eine breit aufgestellte Jugendhilfe – im Sinne angemessen finanziell und personell ausgestatteter Jugendämter – wäre der beste Kinderschutz.“

Sabine Rieser

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