ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Kinder und Jugendliche: Bei Jungen ist alles auffälliger

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Kinder und Jugendliche: Bei Jungen ist alles auffälliger

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 310

Bühring, Petra

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Zappelphilipp, Schulversager, Computersüchtiger, Gewalttäter – Jungen sind das problematischere Geschlecht. Jungentypisches Verhalten scheint inzwischen pathologisiert zu werden. Wird die Gesellschaft Jungen gerecht? Eine Tagung

Beim „Parkour“ im urbanen Raum gehen die Jugendlichen Risiken bewusst ein. Foto: picture alliance
Beim „Parkour“ im urbanen Raum gehen die Jugendlichen Risiken bewusst ein. Foto: picture alliance

Diagnose „Junge“ – Pathologisierung eines Geschlechts? lautete der provokative Titel des Symposiums, das die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) am 3. Juni in Berlin veranstaltete. Ja, war die Meinung der Experten – jungentypisches Verhalten scheint in unserer Gesellschaft beinahe als krankheitswertige Störung zu gelten.

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„Jungen sind im Vergleich zu Mädchen das häufigere Geschlecht“, sagte Peter Lehndorfer vom Vorstand der BPtK. Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut präsentierte zunächst viele Zahlen und Fakten, die die BPtK aus diversen Studien (BELLA, KiGGS, Statistisches Bundesamt) zusammengestellt hatte. Häufiger seien bei Jungen tödliche Verletzungen, der plötzliche Kindstod und die Anzahl der gelungenen Suizidversuche. Jungen verursachten 20 Prozent höhere allgemeine Krankheitskosten und bei den psychischen Erkrankungen sogar doppelt so hohe wie Mädchen. Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) würden bei Jungen viermal so häufig wie bei Mädchen diagnostiziert und entsprechend werde häufiger Methylphenidat verordnet. „Hier sollte die Genderperspektive eine deutlich stärkere Rolle spielen“, forderte Lehndorfer.

Bei den externalisierenden Störungen lägen die Jungen vorne, während es bei Depressionen und Angststörungen keine Geschlechtsunterschiede gebe. Jungen erhielten zudem häufiger Antipsychotika. Sie würden auch deutlich häufiger stationär behandelt als Mädchen.

Häufiger Täter und Opfer

In der ambulanten psychotherapeutischen Behandlung sind die unter siebenjährigen Jungen überrepräsentiert, bei den Sieben- bis 17-Jährigen sei das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, bei den über 18-Jährigen seien dann wiederum deutlich mehr Mädchen in Therapie. Das geht aus Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns hervor. Auf der Behandlerseite dominieren hingegen die Frauen: 72 Prozent der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und 61 Prozent der Kinder- und Jugendpsychiater sind weiblich.

Auch im Schulleben haben Jungen im Vergleich zu Mädchen häufiger Probleme: Jungen werden zu 62 Prozent verspätet eingeschult; an Förderschulen werden 64 Prozent Jungen unterrichtet, und von denjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sind 60 Prozent Jungen. Abitur machen mit 55 Prozent in der Mehrzahl Mädchen. Gleichzeitig unterrichten deutlich mehr Frauen an Schulen: An allen Schulformen sind es 71 Prozent, an Grundschulen sogar 86 Prozent. In den Kindertagesstätten arbeiten gerade mal sechs Prozent Männer. Hilfen zur Erziehung und Wiedereingliederungshilfen nehmen ebenfalls mehr Jungen in Anspruch. Und schließlich zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik, dass Jungen deutlich häufiger (72 bis 77 Prozent) sowohl Tatverdächtige sind als auch Opfer (56 bis 62 Prozent).

„Jungen sind problematischer und auffälliger als Mädchen – aber was ist der Maßstab?“, fragte Dipl.-Psych. Thomas Altgeld, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. Grundsätzlich mache Risikoverhalten für männliche Jugendliche Sinn und habe eine geschlechtlich aufgeladene Funktion. „Je machtsamer, cooler oder riskanter die Verhaltensweisen, desto männlicher fühlen sie sich – ‚no sissy stuff‘ ist das Stichwort bei den Jungen“, sagte der Public-Health-Experte. Als extremes Beispiel führte Altgeld „Parkour“ an: eine Fortbewegungsart, deren Ziel es ist, nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers möglichst effizient von Punkt A zu Punkt B zu gelangen. Der Parkourläufer bestimmt seinen eigenen Weg durch den urbanen Raum – auf eine andere Weise als von der Architektur vorgegeben. Die Jugendlichen seien sich der Risiken dabei durchaus bewusst, betonte er. „Es sind die Erwachsenen, die einen anderen Blick auf solches Risikoverhalten brauchen.“

Die Möglichkeit, sich den öffentlichen Raum anzueignen oder ihn zu erfahren, werde den Jüngeren immer mehr genommen, kritisierte Altgeld. Während Jungen sich früher viel freier draußen bewegen, vor der Tür spielen, auf Bäume klettern, Natur erleben konnten, habe sich das Raumerleben komplett verändert. Früher zirkelten Kinder konzentrisch um die Wohnung oder das Haus und zogen je nach Alter und Geschlecht immer weitere Kreise. Heute würden Kinder von der Wohnung aus zur Schule, zu Freunden, zum Sport und sonstigen Aktivitäten zumeist von den Eltern gefahren. „Verinselung“, nennt Altgeld das und machte deutlich, dass er diese Veränderung des Raumerlebens besonders für die Entwicklung von Jungen für nicht günstig hält. Er forderte auch daher grundsätzlich mehr geschlechtsspezifische Kindheitsforschung.

„Wir sollten Risikoverhalten mehr als Teil einer normalen Entwicklung von Jungen und jungen Männern annehmen“, sagte Prof. Dr. phil. Sabine Walper, Dipl.-Psych., Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstituts (DJI), München. Denn Risikoverhalten sei auch das Ergebnis eines biologisch bedingten Ungleichgewichts im frühen männlichen Jugendalter: der Dopaminspiegel erreiche dann Spitzenwerte, die Verhaltenskontrolle sei entsprechend eingeschränkt. Wenn Jungen mit übermäßigem Risikoverhalten sich dann noch Freunde aus ähnlich gefährdeten Peer-Groups aussuchten – was sie Walper zufolge meistens tun – seien die Probleme vorprogrammiert.

Gleichzeitig beeinflusse die für Jungen typische Identifikation mit starken, coolen oder Furcht einflößenden Heldenfiguren wie zum Beispiel Spiderman oder Darth Vader (Star-Wars) das Gehirn. Solche Vorbilder böten wenig Halt und Geborgenheit und seien entsprechend wenig hilfreich für die psychische Stabilität von Jungen. Diese müsse unterstützt werden. „Viele Studien weisen darauf hin, dass Jungen mehr emotionale Sicherheit brauchen als Mädchen“, berichtete Walper. Sie seien empfindlicher und vulnerabler bei Familienkonflikten, Ablehnung durch Peers, bei Umzügen oder bei inkonsistenter Erziehung. „Umso wichtiger ist es, dass Jungen erziehungskompetente Eltern und fürsorglich-engagierte Männer als Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren können.“ Dies seien im Idealfall die Väter beziehungsweise andere Männer in der Familie oder im Umfeld der Mutter. Walper forderte zudem besonders für Jungen eine „geschlechtsspezifische Pädagogik“ in Kitas und Schulen. Und das müsste nicht zwangsläufig von Männern übernommen werden, sondern könnte auch von weiblichen Pädagogen erlernt und angewendet werden.

Streben nach der Angstlust

Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Dr. rer. biol. hum. Hans Hopf zog zunächst Begriffe aus der Psychoanalyse nach Michael Balint heran, um das unterschiedliche Risikoverhalten von Jungen und Mädchen zu erklären. Mädchen seien danach eher „oknophil“ veranlagt, also Nähe suchend, beziehungsorientiert und ängstlich, mit im schlechten Falle anklammernd depressivem Verhalten. Jungen dagegen charakterisierte Hopf mit dem Begriff „philobatisch“; sie vermieden in ihren Träumen Nähe und enge Bindungen, zeigten narzisstische Tendenzen und agierten eher nach außen. „Jungen setzen sich gerne der Angstlust aus“, sagte Hopf. Motorik, Aggression, Sexualität und Lust an der Bewegung seien bei Jungen eng miteinander verquickt. All das dürfe nicht missverstanden oder gar pathologisiert werden. „Wenn das Fass ihrer Gefühle überläuft, werden die Affekte mittels Bewegungsunruhe abgeführt“, sagte Hopf. Auch deshalb werde häufig bei Jungen die Diagnose ADHS gestellt (siehe auch „Das Dilemma der unruhigen Jungen“, PP, Heft 5/2013).

Ein Dritter für die Erziehung

Um Jungen gesundes Aufwachsen zu ermöglichen, sei „der Vater als Grenzsetzer“ notwendig, so Hopf weiter. „Er muss in der Vater-Mutter-Kind-Beziehung eine triangulierende Distanz einnehmen, darf dabei Aggressivität nicht vermeiden und sollte zärtliche Nähe geben.“ Wenn die Eltern getrennt sind, die Mutter dem Kind aber den Raum für und mit dem Vater lässt, könne auch der abwesende Vater eine solche Funktion übernehmen. In seiner psychotherapeutischen Praxis sieht Hopf meist die Fälle, bei denen die Mutter dazu neigt, den Sohn zum Partner zu machen und ihn zu idealisieren. „Es ist bedrohlich, wenn Zehn- bis 16-Jährige im Bett der Mutter schlafen“, sagte Hopf. Eine Ursache für verhaltensauffällige Jungen ist ihm zufolge die Abnahme triangulierender Väter. „Es braucht einen Dritten für die Erziehung, das kann aber auch ein homosexuelles Paar sein.“ Kindertherapeut Lehndorfer ergänzte: „Alleinerziehende übernehmen sich häufig dabei, Vater- und Mutter-Rolle einnehmen zu wollen.“ DJI-Vertreterin Walper hob noch hervor, dass es nicht unbedingt um die psychische Präsenz ginge, sondern um die Einstellung zum anderen Elternteil: „Eine Verdammung des anderen ist für Kinder schlimm, natürlich auch für Mädchen.“

Weitere Gründe für die auffälligen Jungen sind Hans Hopf zufolge die „Angst vor Erziehung“ in vielen Familien. „Aggressive Hemmungen dominieren häufig: Statt sich dem Kind gegenüber durchzusetzen, wird schon mit kleinen Kindern, die damit völlig überfordert sind, über selbstverständliche Dinge diskutiert.“ Auch die zunehmende Missachtung der Generationenunterschiede findet Hopf problematisch: „Eltern sind keine Kumpel.“

Petra Bühring

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