ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Einfluss des Psychotherapeuten auf den Therapieerfolg: Gut untersucht und doch unvorhersagbar

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Einfluss des Psychotherapeuten auf den Therapieerfolg: Gut untersucht und doch unvorhersagbar

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 312

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Fotolia/dalaprod
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Etwa fünf bis zehn Prozent des Therapieerfolgs gehen auf den Einfluss des Psychotherapeuten zurück. Entscheidend sind dabei die interpersonellen Kompetenzen. Berufliche Erfahrung, Verfahren, Geschlecht oder Alter spielen kaum eine Rolle.

Der Erfolg einer Psychotherapie hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Einer davon ist die Person des Psychotherapeuten. Seit einigen Jahren gibt es vermehrte Forschungsbemühungen, um den Einfluss der Person des Psychotherapeuten zu ermitteln. Wie verschiedene kontrollierte Studien und Metaanalysen zeigen, gehen circa fünf bis zehn Prozent des Behandlungserfolgs auf den Therapeuten zurück. Dies scheint nicht viel zu sein, es ist jedoch anzunehmen, dass der Einfluss im Einzelfall wesentlich höher liegen kann.

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Ein weiteres Ergebnis dieser Forschungen ist, dass sich einzelne Psychotherapeuten hinsichtlich ihres Behandlungserfolgs unterscheiden: „Bestimmte Therapeuten ‚produzieren‘ systematisch geringe oder sogar negative Resultate, während andere ihren Patienten durchweg zu ganz erheblichen Besserungen verhelfen“, sagen die Psychologen Prof. Dr. phil. Bernhard Strauß vom Universitätsklinikum Jena und Prof. Dr. phil. Ulrike Willutzki von der Universität Witten/Herdecke. Effektivere Therapeuten zeigen dabei weniger Schwankungen in ihren Behandlungsergebnissen als ineffektivere Therapeuten. Laut einer Studie, die die Wirkprofile von Therapeuten analysierte, erreichten die zehn Prozent besten Therapeuten bei 44 Prozent ihrer Patienten deutliche Verbesserungen und nur bei fünf Prozent Verschlechterungen. Die zehn Prozent schlechtesten Therapeuten erzielten bei 28 Prozent der Patienten Verbesserungen und bei elf Prozent Verschlechterungen. Beim besten Therapeuten verbesserten sich die Patienten durchschnittlich zwölfmal so schnell wie beim schlechtesten. Im Hinblick auf die effektivsten Therapeuten zeigte sich, dass es einerseits Therapeuten gab, die regelmäßig besonders schnell eine Verbesserung erreichten, und andererseits solche, die nicht schneller als der Durchschnitt Fortschritte erzielten, aber dafür besonders große Veränderungen bewirkten. Eine weitere Studie, die sich mit Erfolgsmustern von Psychotherapeuten befasste, ergab, dass knapp ein Drittel regelmäßig sehr gute Erfolge aufwies, während ein breites Mittelfeld nur bescheidene Verbesserungen erzielte. Bei drei Prozent der untersuchten Psychotherapeuten stieg allerdings die Symptombelastung der Patienten an.

Bemerkenswert ist, dass solche Unterschiede zwischen Therapeuten offenbar nicht in Beziehung zur beruflichen Erfahrung, dem Ausmaß an Training, der Grundprofession, dem Setting, den technischen Fertigkeiten oder der theoretischen Orientierung stehen. Es spielt zudem kaum eine Rolle, ob Psychotherapeuten Manuale verwenden oder nicht. Auch Geschlecht, Alter oder bestimmte Persönlichkeitsmerkmale von Psychotherapeuten haben keinen wesentlichen Einfluss auf den Behandlungserfolg.

Einen positiven, wenn auch meistens nur mäßigen Einfluss auf den Therapieerfolg haben hingegen ähnliche Einstellungen von Psychotherapeuten und Patienten. Auch das Wohlbefinden des Psychotherapeuten, eine psychosoziale Grundorientierung hinsichtlich der zu behandelnden Störung sowie eine angemessene Selbstöffnung eines erfahrenen Psychotherapeuten können sich günstig auswirken. Entscheidend sind darüber hinaus die interpersonellen Fähigkeiten eines Psychotherapeuten. Wirkt er verbal und nonverbal empathisch, authentisch, freundlich zugewandt und respektvoll, wird dies von Patienten positiv aufgenommen. Norwegische Psychologen um Anne Grete Hersoug von der Universität Oslo fanden heraus, dass Patienten an einem Psychotherapeuten vor allem eine warmherzige, involvierte, sensitive und unterstützende Art, die dieser sowohl beruflich als auch privat zeigt, schätzen. Außerdem bevorzugen sie es, wenn ein Psychotherapeut gute Beziehungen zu seinen Bezugspersonen pflegt und einen sicheren Bindungsstil aufweist. Viele Patienten honorieren dies mit Vertrauen und einer konstruktiven Zusammenarbeit, was sich wiederum fördernd auf das Arbeitsbündnis und den Therapieerfolg auswirkt.

In dieser Hinsicht spielen möglicherweise auch ein gewisses Talent, Intuition oder schon vor der Ausbildung erworbene Fähigkeiten eine Rolle. Deutsche Psychologen um Dr. Julia Eversmann von der Universität Osnabrück stellten zum Beispiel fest, dass Ausbildungsteilnehmer, die bereits zu Beginn der Ausbildung als interpersonell kompetent eingeschätzt wurden, auch nach der Ausbildung von den Supervisoren diesbezüglich für sehr kompetent gehalten wurden. Diese Kandidaten waren später im Berufsleben ebenfalls erfolgreich und konnten weniger Therapieabbrüche und mehr reguläre Therapieabschlüsse vorweisen als weniger kompetente Kandidaten.

Auch wenn die interpersonellen Fähigkeiten allem Anschein nach einige Unterschiede zwischen Psychotherapeuten hinsichtlich deren Therapieerfolge erklären können, bleibt dennoch vieles offen und ungeklärt. Das liegt zum einen daran, dass sich der Einfluss von Psychotherapeuten als Person nur schwer messen lässt, zum anderen daran, dass sich die verschiedenen Wirkfaktoren, die den Therapieerfolg beeinflussen, meistens nicht gut trennen lassen. Das Zusammenwirken dieser Faktoren, die hohe Komplexität des therapeutischen Prozesses sowie die Individualität von Therapeuten und Patienten bergen immer ein Stück Ungewissheit, das sich bisher auch nicht durch systematische Forschungen und Prognosen eliminieren ließ. Angesichts vieler noch offener Fragen – zum Beispiel derjenigen, wie mit wenig effektiven Psychotherapeuten umgegangen werden soll oder wie sich private Lebensbereiche von Psychotherapeuten auf deren therapeutisches Handeln auswirken – erscheint es notwendig, dass im Hinblick auf die Bedeutung der Person des Psychotherapeuten für den Therapieerfolg weiter geforscht wird.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

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