ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Georg Groddeck (1866–1934): Vom pathogenen Keim zu „katapsychesthai“

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Georg Groddeck (1866–1934): Vom pathogenen Keim zu „katapsychesthai“

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 319

Klaes-Rauch, Gabriele

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„Eigentlich das Unbewusste zu behandeln ist für die medizinische Praxis eine ziemlich beunruhigende Konsequenz“, schreibt Georg Groddeck 1917. Foto: picture alliance
„Eigentlich das Unbewusste zu behandeln ist für die medizinische Praxis eine ziemlich beunruhigende Konsequenz“, schreibt Georg Groddeck 1917. Foto: picture alliance

Vor 80 Jahren starb der Arzt und Psychoanalytiker Georg Groddeck, der Wegbereiter der Psychosomatik.

Georg Groddeck muss ein imposanter Mensch gewesen sein, ein Rabelais, wie Freud notierte. Nach Studien bei Robert Koch und Rudolf Virchow realisiert er, dass nicht Antibiotikum und Arzt, sondern Natur und Kranke es sind, die heilen: „Natura sanat, medicus curat. . . Wenn ein Arzt eine Wunde näht, weiß er niemals, ob sie sich schließen wird oder nicht . . . Beim Wundheilen sind zwei Arbeiter nacheinander tätig: der Arzt mit seinem Nähen und die Heilkraft der Wunde. (Und:) Therapie ist ursprünglich das Dienen, nicht das Behandeln. Wer dient, erkennt als Herrn an, wem er dient, wer behandelt, arbeitet mit seiner Hand an einem Objekt. Wer behandelt, wird sich durch das Wort Behandeln zu der Annahme verleiten lassen, dass er führen müsse.“ (1) Und da Kranke in der Krisis der Erkrankung, wie magisch denkende Kinder, einen Menschen brauchen, auf den die Selbstheilungskräfte projiziert werden können, legen sie ihre ganze eigene Kraft in die Hände desjenigen, der ihnen hilft: ein Herr oder eine Frau Doktor, die letztlich Schutzheilige ersetzen. „Weil aber der lebende Körper die Quelle aller Macht ist, wird der Helfer des Körpers ein Mann der Macht, und wer die Mächtigen heilt, wird zentraler Träger der Macht, ein „arch-iatros“, ein ‚Oberarzt‘“ (2). Zeitlebens wirbt Groddeck für ein ärztliches Selbstverständnis als „Heilhelfer“ (3) und die Bedeutung der Beziehungen und deren Gestaltungsmodi.

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Der Spross eines Abgeordneten der preußischen Nationalversammlung und eines Literaturhistorikers von Schulpforta eröffnet 1903 ein Sanatorium, wo er neben der Entwicklung seines psychosomatischen Lebenswerkes soziale Projekte und Bildungsveranstaltungen initiiert, die wiederholt von der Polizei aufgelöst werden, bis er sich am 11. Juni 1934 „sterben ließ“, wie Sigmund Freud in „Das Ich und das Es“ (4) angesichts der ungeheuren Möglichkeiten des Seelischen formuliert.

Als „Fanatiker“ und „Badearzt“ diskreditiert

Angefeindet und während des Nationalsozialismus auf den Scheiterhaufen verbannt, wird der Wegbereiter der Psychosomatik auch in der Nachkriegszeit noch als „Fanatiker“ oder „Badearzt“ diskreditiert, weil er persönlich durchgeführte Massagen empfiehlt, aber vor Prognosen und Diagnosen warnt. Berührung, wie Kinder sie intuitiv praktizieren, um anderer Schmerzen zu lindern, Prognostizierung, die auch Theodor W. Adorno grundlegend als eine Form kritisiert, in der „. . .bereits das Verfügen über die Menschen als Außer-Kraft-Setzen ihrer selbst steckt“ (5), und Diagnosemitteilung problematisierte er.

1913 beginnt Georg Groddecks „zweiter Lebensabschnitt“, die Entdeckung und Integration der Lehre Freuds. Entsprechend der Koinzidenz von Leib und Seele, Bewusstsein und Unbewusstem, verknüpft er in bis dato unübertroffener Konsequenz Physio-Logik und Psycho-Logik zu einem gleichzeitig und gleichermaßen physiologischen und psychologischen Heilansatz. 1917 veröffentlicht er die „Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden“, die in dem Postulat gipfelt: „Die Psychoanalyse darf und wird vor organischen Leiden nicht haltmachen.“ Doch: „Eigentlich das Unbewusste zu behandeln ist für die medizinische Praxis eine ziemlich beunruhigende Konsequenz.“ (6) Und „. . . eine entschiedene Kritik an der Arbeitsteilung zwischen Medizinern und Psychotherapeuten“, stellt Klaus Michael Meyer-Abich (7) heraus.

Groddeck opponiert gegen ein generalisiertes Krankheitsbild, das ärztliches Behandeln sowie das Selbstverständnis der Kranken fatal determiniert: Nämlich dass Krankheit ein anonymes erlebnisunabhängiges, mit der eigenen Person unverbundenes Naturgeschehen sei, in das man zudem eingreifen könne, ohne Auswirkungen oder das Ganze berücksichtigen zu müssen, während diese ‚Störungen’ als leibliche symbolische und sinnvolle Gestaltbildungen dem Bewusstsein entzogener seelischer Konflikte zu verstehen seien – wenn es der körperlichen Inszenierung dieser Konflikte auch nur bedingt gelingt, sich seinen Mitmenschen verständlich zu machen.

Am Ende seines Lebens bekräftigt er mit der Streitschrift „Ich erkälte mich“ nochmals seine Auffassung von der Überdeterminierung jeder Somatik: „Alle wissenschaftlichen Erklärungen gehen von dem Gedanken aus, die Kälte mache den Menschen krank. Die Sprache denkt anders; sie behauptet, der Mensch benutze die Kälte, um sich krank zu machen, er erkälte sich. Engländer und Franzosen drücken den Gedanken noch deutlicher aus, der eine packt die Kälte (he catches a cold), der andere nimmt sie (il prend froid); sie benutzen die Kälte als Werkzeug. … Jeder Mensch besitzt diese Fähigkeit, und jeder verwendet sie in einer Ausdehnung, die man sich gar nicht groß genug vorstellen kann.“ (1) Unter Verwendung des altgriechischen Begriffs „katapsychesthai“, was wörtlich sich abkühlen bedeutet, analysiert er weiter: „Der altgriechische Ausdruck ‚katapsychesthai‘ umfasst gar die ganze Theorie, von der ich spreche, in einem einzigen Wort. Psyche bedeutet gleichzeitig Wind, Atemluft und Seele, die Endung ‚-esthai‘ bezieht sich auf die Person des Handelnden, er tut etwas für sich, ‚kata-‘ heißt hinzu, hinab; der Mensch atmet die Zugluft in sich ein, herab in die Tiefe seiner Seele, er will erkranken.“ (1) Und er ergänzt, „dass der Mensch sich nicht nur erkältet, sondern auch sich ansteckt, dass er sich den Magen verdirbt, dass er sich die Knochen bricht und die Schulter verrenkt, dass man sich Verletzungen zuzieht. Und wer daraus den Schluss zieht, dass ich einen Menschen, der sich ein Bein gebrochen hat, psychisch behandle, hat ganz recht, nur freilich richte ich den Bruch erst ein und verbinde ihn. Aber dann frage ich: Warum hast du dir das Bein gebrochen, du dir?.“ (1)

Vom unbewussten Nutzen der somatischen Krankheit

Groddeck nimmt beim Wort, spielerisch und vorzugsweise mit Selbstironie: Will man wirklich auf eigenen Beinen stehen, wieder auf die Beine kommen? Ist einem etwas durch Mark und Bein gegangen? Geht’s um Vaters Ge-Beine oder das Kreuzbein? Oder erspart die Erkrankung ein Schuldgefühl? – wie laut Ulrich Schultz-Venrath (8), der Mitstreiter Groddecks, Ernst Simmel (9) konstatiert: „Denn auch im Urteil der anderen ist der Kranke nicht schuld, sondern die Krankheit, wenn sein Leid die gesamte Umwelt quält. . . . Krank sein heißt, sich unschuldig fühlen gegenüber einer Objektwelt, gegen die man seine Aggressionen aus dem Bewusstsein verdrängt und doch eben mit Hilfe dieser Krankheit realisiert. . . . Verdrängung verhindert (aber), dass aus ,blinder‘ Wut sozusagen ,wissende‘ Wut werde.“

Trotz Billigung des Rechts auf Krankheit verteidigt auch Groddeck deren Auflösung: „Was not tut, ist, dass das Es zu seiner Tätigkeit angeregt wird.“ (6) „Es gibt nur einen Weg, der zum Ziel führt, aufzudecken, auf welche Weise und zu welchem Zweck die Energie gebrochen worden ist. Im Unbewussten ist etwas vorhanden, was den Kranken zu seinem eigenen ‚Nutzen‘ zwingt, nicht energisch zu sein.“ (10) Anderweitig räumt er ein: „Arzt und Kranker wehren sich wetteifernd gegen die Idee, dass der kaum jemals ganz ‚gesunde‘ Körper von der Seele abhängig sei. Immer noch erscheint es dem Kranken als eine Schmach, wenn man seelische Ursachen für seine körperliche Erkrankung aufsucht.“ (10)

Für Groddeck ist jeder Mensch von einem Es bestimmt: „Das Es lebt den Menschen, es ist die Kraft, die ihn handeln, denken, wachsen, gesund und krank werden lässt, kurz, die ihn lebt.“ (7) Er entwirft früh einen holistischen Es-Begriff, dessen Terminus Freud später uneingestanden von Groddeck übernimmt, wie Studien Bernd Nitzschkes belegen, der auch nachweist, dass der Terminus „Es“ erstmals von Eduard von Hartmann verwendet wird und letztlich auf Georg Lichtenberg zurückzuführen ist – nicht auf Nietzsche, den Freud wie manche seiner Adepten als Entdecker des Es ,präferiert‘. Groddeck beabsichtigt mit seinem Es-Konzept, die Maßgabe eines autonomen Ichs infrage zu stellen, und breitet die Vorstellung eines Es von grundsätzlich lebensbejahender Kraft und integrativer Wirkweise aus. Er besinnt sich „. . . dass ein Stuhl nicht nur ein Stuhl, sondern eine ganze Welt ist, während doch jedes Kind weiß, dass es auch eine Droschke ist und ein Haus und ein Berg und eine Mutter und dass der Daumen der Vater ist, der als ausgestreckter Zeigefinger Erektionssymbol wird“ (11), und empfiehlt erstmals, das Fabulieren, Fantasieren und Assoziieren ebenfalls in der Psychosomatik anzuwenden, um auch Gestaltbildungen vom Erröten bis Erbleichen als symbolisierte Mitteilungen eines Es zu begreifen und der menschlichen Gesetzmäßigkeit symbolischer Interaktion („Psychästhetik“) gerecht zu werden.

Brückenschlag zwischen Körper, Geist und Seele

Mit Benennung eines „Symbolisierungszwangs“ (12) und Praxis der Dekodierung materialer Symbole in der Heilkunde gelingt ihm der Brückenschlag zwischen Körper, Geist und Seele sowie Medizin, Kunst und Psychoanalyse: „. . . bei allen möglichen Sinneswahrnehmungen werden Handlungen vorgenommen, die uns gleichzeitig versteckte Seelenvorgänge aufdecken und bis zum Überdruss beweisen, dass der Mensch nicht weiß, was er tut, dass ein Unbewusstes ihn zwingt, sich symbolisch zu offenbaren, dass dieses Symbolisieren nicht dem absichtlichen Denken entspringt, sondern dem unbekannten Wirken des Es. So darf man sagen, dass alles bewusste Denken und Handeln eine unentrinnbare Folge unbewussten Symbolisierens ist, dass ,der Mensch vom Symbol gelebt wird‘“. (11)

Die heutige Selbstverständlichkeit, Erkrankungen im Sinne einer „Heilung durch den Geist“ (13) auch vonseiten ihrer Symbolik „aufzugreifen“ und zu „besprechen“, dürfte dem umtriebigen Doktor ein Augenzwinkern entlocken. Am 11. Juni 1934 stirbt Georg Groddeck im Sanatorium Schloss Knonau bei Zürich.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2014; 12(7): 319–20

Anschrift der Verfasserin
Gabriele Klaes-Rauch, Dipl.-Psych.,
Raderberger Straße 184 f, 50968 Köln, G.Klaes-Rauch@D-Psych.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/0714

1.
Groddeck G: Krankheit als Symbol. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1990.
2.
Sloterdijk P: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1983.
3.
Groddeck G: Der Mensch und sein Es. Wiesbaden: Limes Verlag 1970.
4.
Freud S: Zur Einführung in den Narzissmus. In: Studienausgabe Psychologie des Unbewussten, Band III, Limitierte Sonderausgabe. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2000.
5.
Adorno TW: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1969.
6.
Groddeck G: Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden. (Reprint der Erstausgabe von 1917). Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern 2009.
7.
Meyer-Abich KM: Was es bedeutet gesund zu sein. München: Carl Hanser Verlag 2010.
8.
Schultz-Venrath U: Ernst Simmels Entwurf einer psychoanalytischen Psychosomatik. In: Meyer AE, Lamparter U: Pioniere der Psychosomatik. Heidelberg: Roland Asanger Verlag 1994: 101–30.
9.
Simmel E: Über die Psychogenese von Organstörungen und ihre psychoanalytische Behandlung. In: Kretschmer E, Cimbal W (Hrsg.): Bericht über den VI. Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Dresden, 14.–17. Mai 1931, Leipzig: Hirzel 1931b: 56–65.
10.
Groddeck G: Groddeck Werke. Vorträge I. Band I. 1916–1917. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern 1987.
11.
Groddeck G: Das Buch vom Es. Wiesbaden: Limes Verlag 1984.
12.
Groddeck G: Psychoanalytische Schriften zur Psychosomatik. Wiesbaden: Limes Verlag 1966.
13.
Zweig S: Die Heilung durch den Geist. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2007.
1.Groddeck G: Krankheit als Symbol. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1990.
2.Sloterdijk P: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1983.
3.Groddeck G: Der Mensch und sein Es. Wiesbaden: Limes Verlag 1970.
4.Freud S: Zur Einführung in den Narzissmus. In: Studienausgabe Psychologie des Unbewussten, Band III, Limitierte Sonderausgabe. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2000.
5.Adorno TW: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1969.
6.Groddeck G: Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden. (Reprint der Erstausgabe von 1917). Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern 2009.
7.Meyer-Abich KM: Was es bedeutet gesund zu sein. München: Carl Hanser Verlag 2010.
8.Schultz-Venrath U: Ernst Simmels Entwurf einer psychoanalytischen Psychosomatik. In: Meyer AE, Lamparter U: Pioniere der Psychosomatik. Heidelberg: Roland Asanger Verlag 1994: 101–30.
9.Simmel E: Über die Psychogenese von Organstörungen und ihre psychoanalytische Behandlung. In: Kretschmer E, Cimbal W (Hrsg.): Bericht über den VI. Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Dresden, 14.–17. Mai 1931, Leipzig: Hirzel 1931b: 56–65.
10.Groddeck G: Groddeck Werke. Vorträge I. Band I. 1916–1917. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern 1987.
11.Groddeck G: Das Buch vom Es. Wiesbaden: Limes Verlag 1984.
12.Groddeck G: Psychoanalytische Schriften zur Psychosomatik. Wiesbaden: Limes Verlag 1966.
13.Zweig S: Die Heilung durch den Geist. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2007.

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