ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Lebenskrisen: Spannende Entwicklungsgeschichte

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Lebenskrisen: Spannende Entwicklungsgeschichte

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 328

Koch, Joachim

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Heute sind Lebenskrisen zum Normalfall geworden. Die Menschen wissen oder erwarten, dass in allen Lebensbereichen Probleme entstehen können, die sich zu Krisen ausweiten. Das gilt für den privaten wie für den öffentlichen Bereich. Das war nicht immer so – das heutige Verständnis von Krisen hat sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Um dies zu erläutern, greift Dirk Knipphals auf die eigene Familiengeschichte zurück und erklärt, warum sein Großvater Lebenskrisen im heutigen Sinn noch gar nicht kannte. Dabei stößt er auch darauf, wie der Großvater Glück definiert hat, nämlich Unfällen und Katastrophen entronnen zu sein. Er, der Enkel, bewertet dieses Lebenskonzept, einfach durchzukommen, allem aus dem Weg zu gehen, was Probleme bereiten könnte, als heute nicht mehr überzeugendes Konzept und stellt fest, dass er so nicht leben möchte: „Dann lieber Lebenskrisen“.

So schreibt der Autor eine spannende Entwicklungsgeschichte der Lebenskrisen. Dafür nutzt er umfangreich kulturelles Material verschiedenen Ursprungs: Romane wie Prousts Recherchen oder Fritz Zorns Mars, Bücher von Philosophen wie Adorno und Habermas und Psychologen wie Erik H. Erikson, Psychoanalytiker wie Sigmund Freud und Filme von Woody Allen oder David Cronenberg. Er resümiert, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Glück jenseits aller Lebenskrisen zu verorten. Denn das Festhalten am Glück oder die Suche danach sind ja gerade Hinweise auf unsere gegenwärtigen Lebenskrisen. So wäre es wohl ein verständlicher Wunsch, einem Jugendlichen möglichst wenige Lebenskrisen zu wünschen, aber ein unrealistischer.

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Denn zum einen sind Lebenskrisen im individuellen Ablauf jeden Lebens so notwendig wie unvermeidlich. Wir befinden uns ständig in Konflikten mit anderen Menschen und unserer Umwelt, aber auch mit widersprüchlichen eigenen Vorstellungen und Wünschen. Weil Menschen heute so viel Unterschiedliches wollen und auch viele Möglichkeiten haben, ist es eher ein Wunder, dass bei all den inneren und äußeren Ambivalenzen immer wieder ein Weg aus der Krise gelingt und ein lebbarer Weg gefunden wird. Zum anderen könnten ohne das Thema der Lebenskrisen („Das Krisennarrativ“) einzelne fast gar nicht von ihren persönlichen Schwierigkeiten erzählen. Während früher die Meinung herrschte, eine gesunde Psyche könne jede Belastung aushalten, ist heute Stress (und der Burn-out als Syndrom) das Kennzeichen einer negativ bewerteten Lebenskrise.

Neben negativen Folgen einer Krise, wie dem Ende einer Karriere, kann aber auch die Fähigkeit erworben sein, sich selbst nicht mehr nur nach den Kriterien zu beurteilen, die die Leistungsgesellschaft vorgibt. Es gibt in der öffentlichen Diskussion aber auch positiv besetzte Lebenskrisen, wie beispielsweise die von Rentnern mit einer Sinnkrise, die von überall her mit Vorschlägen versorgt werden, was andeutet, dass diese Krise als nachvollziehbar und vielleicht auch als notwendig interpretiert wird. Joachim Koch

Dirk Knipphals: Die Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind. Rowohlt, Berlin 2014, 256 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

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