ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Marilyn Monroe: Psychoanalytisch ausgeweidet

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Marilyn Monroe: Psychoanalytisch ausgeweidet

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 330

Moser, Tilmann

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Der schönste und lesbarste Aufsatz stammt von der Herausgeberin des Bandes, der Wiener freudianischen Analytikerin Irene Bogyi. Sie nennt Marilyn Monroe kamerasüchtig und verliebt ins „Posieren“. Sie findet spät und zerrissen zur Psychoanalyse. Der wichtigste und letzte ist der Prominentenanalytiker Ralf Greenson, der hemmungslos einer Rettungsfantasie verfällt, sie bei sich aufnimmt, täglich Analyse mit ihr macht. Kleinlaut gibt er am Schluss seine Gegenübertragungskatastrophe zu.

Die Analytikerin Beate Hofstadtler betont ihre Verletzbarkeit und begründet sie mit einer Biografie aus „Tiefschlägen, Kämpfen mit den Studios, . . . libidinösen Irrwegen, gescheiterten Lieben, Depressionen, . . . Tabletten- und Alkoholkonsum, Operationen“, aber alles immer wieder überspielt von hektischer, aber höchst unzuverlässiger Arbeit vor der Kamera.

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Die drei männlichen Analytiker vergewaltigen den Massenliebling ungeniert mit ihrem Lacan- und Derridavokabular, missbrauchen die früh Missbrauchte mit ihrer Begriffspotenz: August Ruhs findet „imaginäre Identitätsbildungen“ und „Urerfahrungen einer existenziellen Affirmation“ samt einem „sublimen gegenseitigen Einverleibungsvorgang“ in Monroes Umgang mit dem verzauberten Publikum.

Sebastian Leikert walzt Lacans „Spiegelstadium“ dialektisch aus und entdeckt die Sprache als Zerstörerin der Sinnlichkeit, die endlich dem weiblichen Kontinent zugerechnet werden soll, dessen „Erlebnisräume nur zu oft unter dem phallischen Ansturm begraben“ werden wie Marilyn in seinem Text auch. In seiner Begriffsakrobatik entdeckt er „Rhythmisierung und Seduktion“ und „Mechanismen des Ästhetischen“ im „Kreisprozess zwischen Perzeption und Apperzeption“. Das arme Subjekt des Stars ist inzwischen im Objekt der Theorie verschwunden.

Andreas Jacke enttarnt in ihr „das Substitut eines doppelten Fetisches“ und findet: „Die Frau wird aufgrund ihrer puppenhaften Maskerade, ihrer Verkörperung des Phallus degradiert zur Simulation. Also im platonischen Sinne ist die Frau, insofern sie den Phallus hat, eine reine Täuschung“ [. . .] „Das Phantasma des Phallus enthält immer auch die vollzogene Kastration.“ Alles klar? Allerdings würdigt er auch Monroes politisches Engagement und schildert die gesellschaftliche Szene, in der sie agiert, einschließlich ihrer Affären mit den Kennedy-Brüdern. Der Pharmakologe Rainer Schmidt gibt Einblick in den ungeheuren und oft wahllosen Medikamentenverbrauch.

Tilmann Moser

Irene Bogyi (Hrsg.): Marilyn Monroe – Wer? Psychoanalytische und kunstwissenschaftliche Annäherungen an den Mythos. Psychosozial-Verlag, Gießen 2014, 236 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

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