ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Psychoonkologie: Gemeinsames Aushalten von Leid und Ohnmacht

BÜCHER

Psychoonkologie: Gemeinsames Aushalten von Leid und Ohnmacht

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 327

Geuenich, Katja

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Geschichten erzählen, Geschichten über ihre Arbeit als Psychoonkologin mit unheilbar an Krebs erkrankten Patienten – das ist es, was Sabine Lenz in ihrem Buch möchte. So schildert sie in zwölf Geschichten zu je zehn bis 20 Seiten die Begegnungen mit Patienten und deren Angehörigen, die sich dem wohl schwersten Lebensthema stellen – dem eigenen Tod. Das Thema ist umrankt von Tabus und (über-)forderndem emotionalem Erleben. Der Psychoonkologe versucht, dem Patienten zu helfen, „Einschränkungen zu beheben, die den Weg [zur Akzeptanz des Schicksals] um ein Vielfaches schwerer machen“.

Die Leser – in erster Linie dürfte das Buch für Onkologen und Psychoonkologen von Interesse sein – begeben sich mit der Autorin und den Patienten auf den Weg durch deren Lebens- und Sterbensgeschichte. Eine gut erzählte Geschichte lädt den Leser ein, eine Erfahrung zu machen. Und Lenz’ Geschichten sind gut erzählte Geschichten. Aus der Perspektive des Beobachters, der sich selbst und den Patienten in der Zusammenarbeit wahrnimmt und dem Leser gegenüber öffnet, ihn Anteil nehmen lässt, gelingt es ihr, die Wirkung ihres Textes über das rein Sprachliche hinauswachsen zu lassen. Die Leser erhalten Anregungen, sich in den eigenen Begegnungen mit Krebspatienten zu reflektieren und das Verstehen der Patienten, deren Lebens- oder auch Sterbensgefühl zu vertiefen.

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Bereichernd ist das weite Spektrum der Geschichten, die angepasste, erwartungskonforme und unangepasste, überraschende Bewältigungswege der Patienten beschreiben, die das professionelle und das rein menschliche Handeln, das sichere Tun und die eigenen Grenzen des Psychoonkologen darlegen. Anschaulich verdeutlicht die Autorin, dass die Biografie und Persönlichkeitsstruktur der Patienten in den psychoonkologischen Kontext eingebunden und darin verwoben sind. Dadurch wird die Arbeit mal eine genuin psychotherapeutische, mal eine psychoonkologische, oft ein gemeinsames Aushalten von Leid und Ohnmacht. Die Frage, die die Autorin in ihren Geschichten immer wieder neu und individuell beantwortet, ist: „Wie kann es gelingen, auf das zukünftige Sterben so zuzugehen, dass man es in der Gegenwart ertragen kann?“

Die Klarheit der Sprache, der Mut, Tabus zu benennen und sich ihnen einfühlsam und würdigend zu stellen, sind die Merkmale, die das Buch zu einer wertvollen Hilfe und einem ganz besonderen – nämlich erfahrungsbezogenen – Fachbuch machen, das jedem in der Onkologie Tätigen empfohlen werden kann. Katja Geuenich

Sabine Lenz: Die Fähigkeit zu sterben. Meine psychologische Arbeit mit Krebskranken. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014, 208 Seiten, gebunden, 17,95 Euro

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