ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Ausstellung „Zeitzeugen“ in Rottweil: Geschichten gegen das Vergessen

KULTUR

Ausstellung „Zeitzeugen“ in Rottweil: Geschichten gegen das Vergessen

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 331

Hahne, Dorothee

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75 Jahre nach Kriegsbeginn erzählen hochbetagte Zeitzeugen ein Erlebnis aus dieser Zeit. In Verbindung mit großformatigen Porträts wird daraus eine beeindruckende Geschichtsstunde.

Gisela, 84 Jahre: Sie verließ mit zwölf Jahren ihre Heimat und stand in der Fremde plötzlich allein da. Fotos. Ralf Graner
Gisela, 84 Jahre: Sie verließ mit zwölf Jahren ihre Heimat und stand in der Fremde plötzlich allein da. Fotos. Ralf Graner

Oskar hatte nie eine Jugend: Weil der Vater in den Krieg zog, übernahm er mit 13 Jahren den elterlichen Bauernhof. Mit 17 kam er selbst zur Armee, geriet in englische Gefangenschaft und litt drei Jahre fürchterlichen Hunger. Als er nach Hause kam, dauerte es acht Wochen, bis er wieder sprechen konnte. Marianne flüchtete, im sechsten Monat schwanger, mit ihrem Fahrrad aus dem heute polnischen Städtchen Sorau. Sie fuhr den ganzen Tag und fand Unterschlupf in einer Scheune. Als sie am Abend zurückblickte, war der Himmel leuchtend rot. Es war der 13. Februar 1945, der Tag, an dem Dresden brannte. Gisela musste ihre Heimatstadt Stuttgart mit zwölf Jahren verlassen, weil immer mehr Bomben fielen. Zusammen mit anderen Kindern fuhr sie mit dem Zug in einen fremden Ort im Allgäu – und dort warteten Bauern, die sich die kräftigsten Mädchen für die Feldarbeit aussuchten. Gisela blieb übrig, weil sie so dünn war.

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Marianne, 94 Jahre: Sie flüchtete im Februar 1945 bei klirrender Kälte mit dem Fahrrad vor den Russen.
Marianne, 94 Jahre: Sie flüchtete im Februar 1945 bei klirrender Kälte mit dem Fahrrad vor den Russen.

Was Oskar, Marianne, Gisela und andere vor, während und nach den Kriegsjahren von 1939 bis 1945 erlebt haben, ist Thema der Ausstellung „Zeitzeugen“ im schwäbischen Rottweil. Seit dem 25. Mai erwartet die Besucher dort eine Geschichtsstunde der besonderen Art. Große Fototafeln zeigen Schwarz-Weiß-Porträts von Senioren – die jüngsten sind knapp 80, die ältesten fast 100 Jahre alt. Sie alle waren Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene, als der Krieg ausbrach. Und sie alle haben Dinge erlebt, die sich tief ins Herz und ins Gedächtnis gegraben haben. Jeweils ein besonders emotionales Erlebnis geben sie in der Ausstellung preis.

Prägende Erlebnisse

Die Idee zur Ausstellung hatte die Rottweiler Altenpflegerin Anne Mokinski. Während sie Beine wickelt, Blutdruck misst oder Verbände wechselt, erzählen viele Senioren von früher. Allzu oft gehen ihr die Erlebnisse an die Nieren und nicht mehr aus dem Kopf: „Es sind Geschichten, die einen zum Schweigen, zum Weinen und Nachdenken bringen. Geschichten, die man weitergeben muss, damit sie nicht vergessen werden“, sagt sie. Zum Beispiel die von Gerlinde: Sie erlebte im Alter von neun Jahren, wie ihr jüngerer Bruder starb, weil er unwissentlich einen mit Rattengift angerührten Brei gegessen hatte. Oder Elisabeth, die sich als junge Frau mit ihrer Schwester vor den Besatzungssoldaten versteckte, weil sie jedes Mädchen vergewaltigten, das ihnen vor die Augen kam. Ihr Vater hatte eine Doppelwand in den Kleiderschrank gezogen, hinter der sie oft stundenlang standen. Dort konnten sie nur flach atmen, durften nicht husten oder niesen.

Oskar, 88 Jahre: Er wurde mit 17 Jahren Soldat, geriet in Gefangenschaft und litt drei Jahre Hunger.
Oskar, 88 Jahre: Er wurde mit 17 Jahren Soldat, geriet in Gefangenschaft und litt drei Jahre Hunger.

Alle Geschichten der Ausstellung berühren – sie handeln von Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft, von Verlust, Angst und Tod, vom Alleinsein und verlorener Zeit, aber auch von Hoffnung. Die eindrucksvollen Porträts des Fotografen Ralf Graner geben den Geschichten ein Gesicht. Sie machen die Schicksale hinter den Fakten lebendig, schaffen Nähe und Vertrautheit zwischen Erzähler und Betrachter. Das ist im Sinne von Initiatorin Anne Mokinski: „Die Zeitzeugen könnten unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern sein. Und was sie erlebt haben, soll sich nie mehr wiederholen.“

Dorothee Hahne

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