ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2014Sterben und Tod in literarischen Texten: Die Trauer in Worte fassen

KULTUR

Sterben und Tod in literarischen Texten: Die Trauer in Worte fassen

PP 13, Ausgabe Juli 2014, Seite 332

Klinkhammer, Gisela

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Immer mehr Schriftsteller beschäftigen sich mit der schwierigen Thematik des Lebensendes. Buchempfehlungen einer Kölner Literaturwissenschaftlerin

Sterben, Tod und Trauer erfreuen sich in letzter Zeit großer Beliebtheit in der Literatur. Immer mehr Schriftsteller beschäftigen sich mit dieser schwierigen Thematik, und sie finden offenbar damit auch Anklang bei den Lesern. Doch welche Bücher sind wirklich lesenswert? Die Kölner Literaturwissenschaftlerin Dr. Gabriele von Siegroth-Nellessen hat eine Auswahl aktueller und erhältlicher Bücher zusammengestellt, die sie vor kurzem auf dem Hospiz- und Palliativtag in Köln vorstellte.

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  • Philip Roth: Jedermann (1) – Philip Roth erzählt die Geschichte eines namenlosen Mannes, der an zahlreichen Krankheiten leidet und mehrfach operiert wird. „Jedermann“ beginnt mit der Beerdigung des Protagonisten und endet mit seinem Tod während einer Vollnarkose auf einem OP-Tisch. Dazwischen erinnert er sich an verschiedene Lebensstationen.

    Roth analysiert Siegroth-Nellessen zufolge „gnadenlos die amerikanische Gesellschaft, aber zunehmend auch die eigene Hinfälligkeit“. In diesem modernen Jedermann gehe es ebenso wie bei dem von Hugo von Hofmannsthal um das Leben und Sterben eines reichen Mannes, der das Leben geliebt habe, aber frühzeitig auch schon die Zeichen des Todes erkannte. Letztendlich gebe es für ihn kein Jenseits und keine Sinnstiftung. Während bei Hofmannsthal zum Schluss zur Reue gerufen werde und der Glaube das letzte Wort behalte, analysiere Roth Sterben und Tod mit dem Satz: „Ich ging ins Nichts, ohne es zu merken.“

  • Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes (2) – Die Protagonistin in Ulla Lenzes Roman hatte schon vor dem Unfalltod des Vaters Probleme, den Alltag zu bewältigen. Schließlich führt die Fassungslosigkeit angesichts des Verlustes sie bis zur Verwahrlosung. Erst durch die Konfrontation mit dem Ort des Flugzeugabsturzes, bei dem der Vater ums Leben gekommen ist, fängt sie sich wieder. „Der kleine Rest des Todes ist ja ein großer Rest, den es eigentlich nicht geben darf. Es geht dabei um ein Herunterspielen dieser Zumutung. Es geht um eine Gegenbewegung, um den ganzen Skandal dieses Unfalltodes des Vaters. Und es geht auch darum, die Zumutung an sich heranzulassen. Genau das widerfährt Ariane, der Protagonistin des Romans, die sich ganz dem Schmerz des Verlassenseins ausliefert“, berichtete Lenze selbst über ihren autobiografischen Roman. (3)
  • Michael Köhlmeier: Idylle mit ertrinkendem Hund (4) – Seit mehr als zehn Jahren ist „Ein Buch für die Stadt“ ein ausgewähltes Buch, das im Rahmen einer Aktion jährlich zur Förderung der Literatur und des Literaturverständnisses in Köln und der Region zwischen Eifel und Bergischem Land in den Mittelpunkt gerückt wird. Die Initiatoren sind das Literaturhaus Köln und der „Kölner Stadt-Anzeiger“. Im letzten Jahr war Michael Köhlmeiers „Idylle mit ertrinkendem Hund“ ausgewählt worden. „Köhlmeiers Geschichte beginnt mit dem Besuch des Lektors Dr. Beer bei jenem Schriftsteller, der unser Ich-Erzähler ist. Der Lektor, der am Ende die Zusammenarbeit aufkündigen wird, betont, ,Literatur, die auf irgendetwas oder irgendjemanden Rücksicht nehme, sei nichts wert’“, heißt es in einer Rezension im Kölner Stadt-Anzeiger (5).

In einem autobiografischen Einschub hat der Autor außerdem versucht, den Tod seiner eigenen Tochter Paula zu verarbeiten. „Ich habe die Hoffnung, dass sie näher bei mir ist, wenn ich über sie schreibe“, sagt Köhlmeier. Siegroth-Nellessen glaubt, dass die Rettung des im Eis eingebrochenen Hundes für den Autor die Überwindung der Lebensangst bedeutet habe.

  • Hansjörg Schneider: Nachtbuch für Astrid (6) – Nach dem Tod seiner Frau, die mit 57 Jahren an Krebs starb, begann Hansjörg Schneider ein Tagebuch über seinen Schmerz und seine Verzweiflung sowie über ihr gemeinsames Leben zu schreiben. „Von der Liebe, vom Sterben, vom Tod und von der Trauer darüber, einen geliebten Menschen verloren zu haben“ heißt es in diesem im Jahr 2000 zuerst veröffentlichten Tagebuch des Basler Schriftstellers. Ein Jahr lang hat er an wechselnden Orten schreibend versucht, seine Trauer in Worte zu fassen, zu begreifen, was seine Frau Astrid für ihn war und wie er nun weiterleben kann.
  • Gerhard Meier: Ob die Granatbäume blühen (7) – Nach dem Tod seiner Frau, die ihn und sein Schaffen über sechs Jahrzehnte begleitet hat, findet Meier im Schreiben einen Weg aus der Einsamkeit: Er vergegenwärtigt sich und dem Leser die Zeit mit Dorli, die intensiven Lektüreerlebnisse, Wanderungen und Reisen. Er führt den Dialog mit seiner Frau über ihren Tod hinaus fort. Dabei werden Siegroth-Nellessen zufolge die Grenzen zwischen Fiktion und Realität durchlässig. Das Buch endet mit der „Gewissheit auf ein Wiedersehen“.
  • Connie Palmen: I. M. Ischa Meijer – In Margine – In Memoriam (8); Logbuch eines unbarmherzigen Jahres (9) – Gleich zweimal musste die niederländische Schriftstellerin sich mit dem Tod eines Lebenspartners auseinandersetzen. In dem ersten Buch beschäftigt sie sich Jahre später mit dem Tod ihres Partners, des Journalisten, Moderators und Schriftstellers Ischa Meijer. Bei diesem Prozess beginnt dann auch wieder die Rückbesinnung auf die eigene Person: „Ich bin mehr als das, was nicht da ist.“

Ganz anders geschrieben ist Siegroth-Nellessen zufolge das „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“. Mit dem Schreiben an diesem Buch beginnt Palmen bereits 48 Tage nach dem Tod ihres Mannes, des Politikers Hans von Mierlo. Darin geht es auch um das Sterben weiterer Menschen, die ihr nahestanden, wie dem Tod ihrer Stieftochter. Mit diesem Buch wollte Palmen „gegen das Vergessen anschreiben“. Siegroth-Nellessen bezeichnet es als „nicht einfach zu lesen, aber ungeheuer eindringlich“.

  • Christoph Ranzmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes (10) – Siegroth-Nellessens letztes Literaturbeispiel spielt in einer kleinen tschechischen Stadt. Die Hauptfigur hat dort die Arbeit der Engel übernommen und nimmt sich eines verfallenen jüdischen Friedhofs an. „Wo waren die Engel auf dem Weg nach Theresienstadt?“ fragt der Protagonist und kommt zu dem Schluss: „Vielleicht war es den Sterblichen aufgegeben, die Arbeit der Engel zu tun.“

Gisela Klinkhammer

Die Haltung zu Tod und Sterben

Im christlichen Mittelalter ist der Tod allgegenwärtig präsent, und er verweist auf die Erlösung im Jenseits, was zur Profanisierung des Lebens führt. Im Spätmittelalter erscheint der Tod in der Gestalt des Knochenmannes, dem die Menschen hilflos ausgeliefert sind und der ihnen die physische Vernichtung bringt.

In der Aufklärung wird dieses Bild des Sensenmannes als unästhetisch empfunden. Der Tod wird vielmehr als Bruder des Schlafes oder wie in der Antike als Genius mit verlöschender Fackel symbolisiert. Gleichzeitig entwickelt sich mit der Aufklärung zunehmend eine antimystische und antireligiöse Haltung zu Tod und Sterben. Die christliche Sicht des Todes als Hoffnung auf die Auferstehung verschwindet zusehends. Im technikbegeisterten 19. Jahrhundert wird die Thematik vollends tabuisiert. Eine intensivere Auseinandersetzung mit ihr findet erst wieder im 20. Jahrhundert mit der Entwicklung von Palliativmedizin und Hospizbewegung statt. „In der Literatur war der Tod aber immer da“, meint die Kölner Literaturwissenschaftlerin Dr. Gabriele Siegroth-Nellessen.

1.
Roth P: Jedermann, München, Wien 2006
2.
Lenze U: Der kleine Rest des Todes, Frankfurt/M 2012
3.
www.zeit.de/kultur/literatur/2012–04/interview-ulla-lenze/seite-2
4.
Köhlmeier M: Idylle mit ertrinkendem Hund, Wien 2008
5.
www.ksta.de/kultur/michael-koehlmeier-das-neue-buch-fuer-die-stadt-,15189520,22558950.htm
6.
Schneider H: Nachtbuch für Astrid, Zürich 2000
7.
Meier G: Ob die Granatbäume blühen, Frankfurt/M 2005
8.
Palmen C: I.M. Ischa Meijer – In Margine – In Memoria, Zürich 1999
9.
Palmen C: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres, Zürich 2013
10.
Ranzmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes, Frankfurt am Main, 2012
1.Roth P: Jedermann, München, Wien 2006
2. Lenze U: Der kleine Rest des Todes, Frankfurt/M 2012
3.www.zeit.de/kultur/literatur/2012–04/interview-ulla-lenze/seite-2
4.Köhlmeier M: Idylle mit ertrinkendem Hund, Wien 2008
5.www.ksta.de/kultur/michael-koehlmeier-das-neue-buch-fuer-die-stadt-,15189520,22558950.htm
6.Schneider H: Nachtbuch für Astrid, Zürich 2000
7.Meier G: Ob die Granatbäume blühen, Frankfurt/M 2005
8.Palmen C: I.M. Ischa Meijer – In Margine – In Memoria, Zürich 1999
9.Palmen C: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres, Zürich 2013
10.Ranzmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes, Frankfurt am Main, 2012

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