ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2014Medizinstudium: Wissenschaftsrat empfiehlt Reform

POLITIK

Medizinstudium: Wissenschaftsrat empfiehlt Reform

Dtsch Arztebl 2014; 111(29-30): A-1280 / B-1104 / C-1048

Gerst, Thomas; Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: dpa
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Der Wissenschaftsrat hat auf Bitte der Länder die Modellstudiengänge Humanmedizin evaluiert. Sein Fazit: Viele Elemente sollten bundesweit übernommen werden.

Ein Paradigmenwechsel steht an, sollten sich die jüngsten Vorschläge des Wissenschaftsrates bezüglich einer erneuten Reform des Medizinstudiums durchsetzen. Kompetenzbasierter, bundesweit einheitlicher, wissenschaftsorientierter und gestraffter soll die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten nach Ansicht des Beratergremiums der Politik künftig werden.

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Seine konkreten Empfehlungen zur künftigen Gestaltung des Medizinstudiums in Deutschland – bei denen er sich durch die neun existierenden Modellstudiengänge (eTabelle) in der Humanmedizin inspirieren ließ – stellte der Wissenschaftsrat im Anschluss an seine Sommersitzungen am 14. Juli in Berlin vor. Dabei sprach er sich deutlich für eine zeitnahe erneute Novellierung der Approbationsordnung für Ärzte und eine Weiterentwicklung des Kapazitätsrechts durch Länder und Bund aus.

FS: Fachsemester. 1) Die Studierenden in Mannheim nehmen an der M1-Prüfung teil. Quelle: Angaben der Medizinischen Fakultäten und ihrer Studienordnungen. Anzahl der Studienplätze laut Stiftung für Hochschulzulassung zuzüglich Studienplätze der Universität Witten/Herdecke
FS: Fachsemester. 1) Die Studierenden in Mannheim nehmen an der M1-Prüfung teil. Quelle: Angaben der Medizinischen Fakultäten und ihrer Studienordnungen. Anzahl der Studienplätze laut Stiftung für Hochschulzulassung zuzüglich Studienplätze der Universität Witten/Herdecke
eTabelle
FS: Fachsemester. 1) Die Studierenden in Mannheim nehmen an der M1-Prüfung teil. Quelle: Angaben der Medizinischen Fakultäten und ihrer Studienordnungen. Anzahl der Studienplätze laut Stiftung für Hochschulzulassung zuzüglich Studienplätze der Universität Witten/Herdecke

Kern seiner Vorschläge ist eine Auflösung der klassischen Trennung von Vorklinik und Klinik. Stattdessen sollen die theoretischen und klinischen Teile des Studiums generell verschränkt werden, wobei die klinischen Anteile im Laufe der Ausbildung zunehmen sollen (Grafik). „Aufbauend auf den Erfahrungen der bestehenden Modellstudiengänge halten wir eine konsequente Weiterentwicklung des Medizinstudiums in Richtung kompetenzorientierter, integrierter Curricula für erforderlich“, erläuterte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Prof. Dr. phil. Manfred Prenzel. Die Studieninhalte sollen vornehmlich in fächerübergreifenden, organ- und themenzentrierten Modulen vermittelt werden. „Dabei sollen die Fächer für den adäquaten Umfang und die Integration der Studieninhalte verantwortlich bleiben“, betonte Prof. Dr. med. Hans-Jochen Heinze, Vorsitzender des Ausschusses Medizin beim Wissenschaftsrat. Konsequenter als bisher müsse es auch für die Studierenden möglich sein, individuelle Studienschwerpunkte zu setzen. Um das Studium nicht zu überfrachten, bedürfe es eines Kerncurriculums, verbunden mit einer Reduktion der Prüfungsinhalte.

Zudem empfiehlt der Rat, auch die Staatsexamen an die Anforderungen der kompetenzbasierten und integrierten Curricula anzupassen. „Aus Gründen der Qualitätssicherung und Vergleichbarkeit präferieren wir eine bundeseinheitliche Zwischenprüfung (M1) nach dem sechsten Fachsemester“, erklärte Heinze. Diese soll um einen strukturierten klinisch-praktischen Prüfungsteil ergänzt werden, dessen Durchführung in Verantwortung der Fakultäten liegen kann. „Die mündlich-praktischen Teile der Ärztlichen Prüfungen bedürfen zudem zwingend einer stärkeren Standardisierung“, meinte der zuständige Ausschussvorsitzende.

Kritik an Medical Schools

Ferner will der Rat die wissenschaftlichen Kompetenzen der angehenden Ärztinnen und Ärzte stärken. Dies stehe nicht im Widerspruch zu einer versorgungsorientierten Ausbildung. „Ärztinnen und Ärzte müssen imstande sein, das eigene Handeln in den komplexer werdenden Versorgungssituationen hinsichtlich seiner Evidenzbasierung und vor dem Hintergrund neuer medizinischer Erkenntnisse zu prüfen“, betonte Heinze. Wissenschaftliches Denken und Handeln bilde die Grundlage für die adäquate patientenorientierte Auswahl diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen.

Der Etablierung privater Medical Schools mit fraglicher wissenschaftlicher Ausbildung erteilte Heinze eine deutliche Absage: „Sie sind nicht ansatzweise in der Lage, dem wissenschaftlichen Anspruch zu genügen. Es ist wirklich gefährlich und verheerend, was da auf uns zukommt“, sagte er. Der „Billig-Ausbildung“ von Ärzten müsse trotz eines Ärztemangels auf dem Land entgegengetreten werden.

Wissenschaftlichkeit stärken

Da der obligatorische Erwerb wissenschaftlicher Kompetenzen im Studium für den Rat eine notwendige Voraussetzung ist, geht er mit seinen Empfehlungen sogar noch weiter: Alle Studierenden sollen künftig im Rahmen einer obligatorischen Forschungsarbeit ein Problem aus dem Gebiet der Medizin selbstständig nach wissenschaftlichen Methoden bearbeiten. Konkret empfiehlt er nach der M1-Prüfung (6. Semester) die Durchführung einer obligatorischen zwölfwöchigen Forschungsarbeit aus dem gesamten Spektrum der medizinischen Fächer. Zum Einüben der notwendigen Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens sollen die Studierenden zudem bereits vor der M1-Prüfung eine vierwöchige Projektarbeit anfertigen.

Reformieren möchte der Wissenschaftsrat auch das praktische Jahr (PJ), und zwar durch eine Gliederung in vier Ausbildungsabschnitte zu je zwölf Wochen. „Diese Quartalsstruktur soll den Studierenden mit zwei Wahlquartalen – neben weiterhin verpflichtenden Ausbildungsabschnitten in Innerer Medizin und Chirurgie – eine größere Wahlfreiheit ermöglichen“, erklärte Heinze.

Die Bundes­ärzte­kammer begrüßt grundsätzlich die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu einer Reform des Medizinstudiums. „Die Medizin ist ein hochdynamisches Feld mit ständig komplexer werdenden Versorgungssituationen, die auch für die ärztliche Ausbildung große Herausforderungen darstellen. Deshalb ist es gut, dass sich der Wissenschaftsrat intensiv mit der Weiterentwicklung des Medizinstudiums befasst hat“, betonte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Insbesondere unterstützt er die Forderungen des Rates, die Studieninhalte auf ein Kerncurriculum zu reduzieren und Möglichkeiten für individuelle Studienschwerpunkte zu schaffen. „Wichtig ist aber auch, den ärztlichen Nachwuchs auf die praktischen Herausforderungen des Berufsalltags vorzubereiten und frühzeitig in Kontakt mit den Patienten zu bringen. Daher begrüßen wir es sehr, dass auch der Wissenschaftsrat an einer sechsjährigen Studiendauer festhält“, betonte Montgomery.

Als ungeeignet sieht die Bundes­ärzte­kammer allerdings den Vorschlag an, das praktische Jahr in vier Ausbildungsabschnitte zu untergliedern. „Die hierdurch entstehenden größeren Wahlmöglichkeiten wiegen die Nachteile nicht auf, insbesondere die dadurch verkürzten praktischen Ausbildungsphasen und den Organisationsaufwand“, erklärte Montgomery. Auch der diesjährige Deutsche Ärztetag hatte sich für die Beibehaltung von PJ-Tertialen ausgesprochen.

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) begrüßt insbesondere die vom Wissenschaftsrat geforderte wissenschaftliche Ausrichtung des Medizinstudiums als Basis für eine künftige ärztliche Tätigkeit. „Ferner interpretiere ich die Empfehlungen des Rates so, dass ein einheitlicher Standard der Ärzteausbildung gewünscht ist“, sagte MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer dem Deutschen Ärzteblatt.

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates decken sich auch mit einigen Forderungen der Medizinstudierenden. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) sprach sich jüngst in einem Positionspapier unter anderem dafür aus, die Struktur des Medizinstudiums bundesweit einheitlich zu regeln. Die Studierenden wünschten sich eine stärkere wissenschaftliche Orientierung mit einer verpflichtenden wissenschaftlichen Arbeit, sagte der bvmd-Präsident Christian Kraef.

Thomas Gerst, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

FS: Fachsemester. 1) Die Studierenden in Mannheim nehmen an der M1-Prüfung teil. Quelle: Angaben der Medizinischen Fakultäten und ihrer Studienordnungen. Anzahl der Studienplätze laut Stiftung für Hochschulzulassung zuzüglich Studienplätze der Universität Witten/Herdecke
FS: Fachsemester. 1) Die Studierenden in Mannheim nehmen an der M1-Prüfung teil. Quelle: Angaben der Medizinischen Fakultäten und ihrer Studienordnungen. Anzahl der Studienplätze laut Stiftung für Hochschulzulassung zuzüglich Studienplätze der Universität Witten/Herdecke
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FS: Fachsemester. 1) Die Studierenden in Mannheim nehmen an der M1-Prüfung teil. Quelle: Angaben der Medizinischen Fakultäten und ihrer Studienordnungen. Anzahl der Studienplätze laut Stiftung für Hochschulzulassung zuzüglich Studienplätze der Universität Witten/Herdecke

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