ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2014Körperbilder: Christian Schad (1894–1982) – Das Besteck des Chirurgen

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Christian Schad (1894–1982) – Das Besteck des Chirurgen

Dtsch Arztebl 2014; 111(29-30): [112]

Schuchart, Sabine

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Christian Schad ist unter den Veristen der härteste, der exakteste, der sachlichste“, urteilte der Kunsthistoriker Wieland Schmied 1969 in seinem Buch über die Neue Sachlichkeit 1918–1933, „als wäre das Werkzeug dieses Malers das Besteck eines Chirurgen.“ Tatsächlich schuf der Künstler nach seinen dadaistischen Anfängen in den Jahren nach 1923 Werke, in denen er seine Umwelt so exakt und objektiv wie möglich wiedergab und radikal mit dem Bild des Menschen als Gefühlswesen brach. Die emotionale Kühle der Goldenen Zwanziger hielt er in messerscharfen Porträts fest. Eines seiner wenigen vielfigurigen Motive, eine Szene großer Nüchternheit und menschlicher Distanz, malte er 1929: „Operation“, die Darstellung einer Appendektomie, der Entfernung des Wurmfortsatzes am Blinddarm.

Das in seinem Atelier in Berlin entstandene Bild zeigt allerdings keine naturalistische, sondern eine komponierte Realität, was schon die mehr als 20 auf dem Leib des Patienten verteilten Instrumente bekunden. Bei einer Feier hatte Schad einen Chirurgen kennengelernt, der in der Nähe des Kurfürstendamms operierte und den interessierten Künstler einlud, als „Kollege“ an einer Blinddarmoperation teilzunehmen. In einer Bildlegende hielt Schad seine Eindrücke fest: „Als nach 14 Minuten die OP beendet war und wir die weißen Mäntel auszogen, sagte der Chirurg: ,So, jetzt gehen wir tanzen.‘ Ich ging aber nicht mit. Ich ging sofort nach Hause und begann zu skizzieren. Es war das fast mathematisch exakte Ineinandergreifen von Handlung und Handgreifung, was mich fasziniert hatte.“ Für die Komposition in Öl stellte er die Szene nach: Ein Freund fungierte als Patient, die Narkoseschwester am Kopfende erhielt das Gesicht seiner Freundin Maika, die übrigen Personen waren Modelle.

Das im neu eröffneten Lenbachhaus ausgestellte Gemälde gehört zu den Höhepunkten von Schads Œuvre, das nach 1929 an Prägnanz verlor. Ebenfalls aus diesem Jahr stammt sein Porträt „Maika“, mit dem die Deutsche Post 1994 eine Sonderbriefmarke ihrer Serie „Deutsche Malerei des 20. Jahrhunderts“ schmückte – eine posthume Ehrung des Künstlers. Sabine Schuchart

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Ausstellung
„Menschliches, Allzumenschliches“

Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstraße 33, München, www.lenbachhaus.de;

Di. 10–21, Mi.–So. 10–18 Uhr; 22. Juli 2014 bis 31. Dezember 2015

1. Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg: „Christian Schad. Werkverzeichnis Band 1: Malerei“, gebunden, 368 Seiten, Wienand 2008, 78 Euro

2. Günter A. Richter: „Christian Schad: Monographie“, gebunden, Richter Verlag 2002, 312 Seite, 39,80 Euro

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