ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2014Ausländische Ärzte: Umgangssprache reicht nicht aus

POLITIK

Ausländische Ärzte: Umgangssprache reicht nicht aus

Dtsch Arztebl 2014; 111(29-30): A-1288 / B-1110 / C-1053

Protschka, Johanna

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Die medizinische Fachsprache auf dem Niveau C1 soll künftig in allen Bundesländern von ausländischen Ärztinnen und Ärzten nachgewiesen werden. Es gilt, Missverständnisse im Klinikalltag zu vermeiden. Foto: mauritius images
Die medizinische Fachsprache auf dem Niveau C1 soll künftig in allen Bundesländern von ausländischen Ärztinnen und Ärzten nachgewiesen werden. Es gilt, Missverständnisse im Klinikalltag zu vermeiden. Foto: mauritius images

Die Landesgesundheitsminister haben Eckpunkte zur Überprüfung der Deutschkenntnisse ausländischer Ärzte beschlossen und einigten sich auf ein gemeinsames Verfahren zur Überprüfung der medizinischen Fachsprache.

Eine junge Ärztin aus Griechenland sitzt in einem Prüfungsraum der Lan­des­ärz­te­kam­mer Nordrhein. Ihr gegenüber zwei deutsche Fachärztinnen, die ihr den letzten Teil der sogenannten Fachsprachprüfung abnehmen werden: das Gespräch von Arzt zu Arzt. Die junge Frau möchte eine Approbation, um in Deutschland ihre Weiterbildung zu beginnen. Sie wirkt etwas nervös, sieht in ihre Notizen und sagt, die soeben untersuchte Patientin habe „38 Punkt 5 Fieber“. Die Prüferinnen horchen auf. Fieberwerte werden im Deutschen mit einem Komma ausgedrückt. „Genau das sind die Kleinigkeiten, die später im Klinikalltag zu Problemen führen könnten“, erläutert eine der Prüferinnen später. Ob sie auf Deutsch umschreiben könne, was eine Zyste sei, fragen die Prüferinnen weiter. Die Ärztin überlegt, sie umschreibt die Zyste als einen Ball – nicht unbedingt falsch, aber würde das ein Patient verstehen?

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Während des Gesprächs werden keine fachlichen Inhalte abgefragt, es geht vielmehr um den sprachlichen Ausdruck der medizinischen Fachsprache. Diese zu beherrschen ist für die Ausübung des Arztberufes von besonderer Bedeutung. Fachsprachprüfungen für ausländische Ärztinnen und Ärzte werden in den Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe seit Anfang des Jahres abgenommen. In Rheinland-Pfalz führt die Kammer bereits seit 2012 solche Prüfungen durch. Wenn ausländische Ärzte einen Antrag auf Approbation stellen, prüft die zuständige Stelle beziehungsweise Bezirksregierung den Antrag. Wird eine Fachsprachprüfung als notwendig erachtet, werden der Kammer die notwendigen Daten übermittelt. In Rheinland-Pfalz wurden bisher 360 ausländische Ärzte geprüft (Stand Mai 2014). Die Durchfallquote liege bei 40 Prozent, heißt es aus der Kammer. Bei der Herkunft der antragstellenden Ärzte liegen in Rheinland-Pfalz die osteuropäischen Länder klar vorn: Bisher kamen 46 Prüflinge aus Rumänien, 22 aus Ungarn, 15 aus der Slowakei und 14 aus der Ukraine. Auch Ärzte aus Syrien (36) und Jordanien (13) unterzogen sich der Prüfung.

Fachsprache auf Niveau C1

Zwar bieten nur Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Fachsprachenprüfungen an, medizinische Fachsprachkenntnisse werden von ausländischen Ärzten teilweise aber auch in anderen Bundesländern verlangt. Jedes Bundesland regelte bisher selbst, wie ein Sprachnachweis zu erbringen ist. In der Regel reichte der Nachweis über das allgemeine Sprachniveau B2 nach europäischem Referenzrahmen (Tabelle) aus. Doch dass dies im Klinikalltag nicht zufriedenstellend ist, darüber bestand im Zuge einer verstärkten Zuwanderung von Ärztinnen und Ärzten aus dem Ausland seit längerer Zeit bei Ärztekammern, Ärzteverbänden und Politikern Einigkeit.

Der 117. Deutsche Ärztetag forderte im Mai deshalb, dass vor allem die medizinische Fachsprache auf einem Sprachniveau präsent sein solle, das über das allgemeinsprachliche Niveau B2 hinausgehen solle. Der Marburger Bund erklärte zudem, dass Mitglieder berichteten, dass die Sprachkenntnisse der ausländischen Kolleginnen und Kollegen in vielen Fällen nicht ausreichend seien, so dass es zu Verständigungsschwierigkeiten komme. „Die Patienten haben ein Recht darauf, ihren Arzt zu verstehen. Und auch die Kollegen sind darauf angewiesen, dass die Kommunikation funktioniert und jeder Arzt im Krankenhaus nach entsprechender Einarbeitung in der Lage ist, einen Arztbrief zu schreiben oder wichtige Dokumentationspflichten zu erfüllen“, so Rudolf Henke, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes (DÄ, Heft 29−30/2013).

Die 87. Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) bemühte sich nun Ende Juni in Hamburg in ihrem Eckpunktepapier, das Prüfungsverfahren formell und inhaltlich in den Ländern zu vereinheitlichen und Eckpunkte für einen Sprachtest zu formulieren, der den Anforderungen des Arztberufes genügt, und konstatierte: „Die von den Sprachinstituten angebotenen allgemeinsprachlichen Zertifikate und Diplome für die Überprüfung der für die Berufsausübung erforderlichen Sprachkenntnisse sind nicht geeignet.“ Auf der nachgewiesenen Grundlage des allgemeinen Sprachniveaus B2 müsse ein Arzt über Fachsprachenkenntnisse im berufsspezifischen Kontext orientiert am Sprachniveau C1 verfügen, heißt es in dem Eckpunktepapier. Ein Arzt müsse seine Patientinnen und Patienten inhaltlich ohne wesentliche Rückfragen verstehen und sich insbesondere so spontan und fließend verständigen können, dass er in der Lage sei, sorgfältig die Anamnese zu erheben. Zudem müsse er fähig sein, die Angehörigen über erhobene Befunde sowie eine festgestellte Erkrankung zu informieren und Aspekte des weiteren Verlaufs darzustellen und Vor- und Nachteile einer geplanten Maßnahme sowie alternativer Behandlungsmöglichkeiten erklären zu können – und das, „ohne öfter deutlich erkennbar nach Worten suchen zu müssen,“ so die Minister.

Ein solcher Sprachtest umfasst nach dem Beschluss der GMK – gleichsam wie die in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen angebotenen Fachsprachprüfungen – drei Teile:

  • Ein simuliertes Gespräch zwischen dem Prüfling und einem Patienten (20 Minuten)
  • Das Anfertigen eines Arztbriefes zum Nachweis der schriftlichen Anforderungen (20 Minuten)
  • Schließlich ein Gespräch von Arzt zu Arzt, das nachweisen soll, dass der Prüfling in der Lage ist, sich in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen detailliert auszudrücken. Ziel ist es, Missverständnisse und darauf beruhende falsche Therapieentscheidungen und Therapiefehler auszuschließen (20 Minuten).

Die Bewertung des Sprachtests müsse durch mindestens zwei Prüferinnen und Prüfer erfolgen, von denen wiederum mindestens die Hälfte der Berufsgruppe „Arzt“ anzugehören hat, so die Minister. Der Sprachtest kann nur als Ganzes, aber unbegrenzt wiederholt werden.

Länder bestimmen selbst

In dem Bestreben, die Sprachnachweise zu vereinheitlichen und eine gegenseitige Anerkennung länderübergreifend zu gewährleisten, haben sich die Bundesländer jedoch noch die Möglichkeit offengehalten, auch andere „geeignete“ Nachweise akzeptieren zu können, um die nun verlangten fachsprachlichen Deutschkenntnisse zu belegen. Welche Nachweise das sein könnten, wird nicht weiter konkretisiert. In dem Eckpunktepapier ist ebenfalls festgelegt, dass die Länder jeweils selbst bestimmen, ob der Sprachtest bei der für die Erteilung zuständigen Behörde oder der Ärztekammer abgelegt werden muss.

Der Beschluss betrifft zudem auch andere akademische Heilberufe, wie Zahnärzte und Apotheker. Nach dem Willen der Landesgesundheitsminister sollen an die sprachlichen Fähigkeiten der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten noch höhere Ansprüche gestellt werden als an die übrigen akademischen Heilberufe. Die Fachsprachenkenntnisse im berufsspezifischen Kontext sollen sich am Sprachniveau C2 orientieren. Begründung: Diese Berufsgruppen müssten über Sprachkenntnisse verfügen, die sie in die Lage versetzten, auch Bedeutungsinhalte indirekt durch logische Schlussfolgerungen und Interpretation zu erschließen sowie im Gespräch feinere Bedeutungsnuancen zu verstehen und aktiv zum Ausdruck zu bringen.

Ob die junge Ärztin aus Griechenland letztlich die Approbation erhalten hat, ist der Verfasserin nicht bekannt. Die Prüfungsergebnisse sind vertraulich und werden den Prüflingen im Nachhinein per Mail zugesandt. Ein positives Ergebnis würde sie sicher besonders freuen – es war bereits ihr zweiter Versuch.

Johanna Protschka

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