ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2014Ärztemonitor: Zufrieden – aber es fehlt an Zeit

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Ärztemonitor: Zufrieden – aber es fehlt an Zeit

Dtsch Arztebl 2014; 111(29-30): A-1278 / B-1102 / C-1046

Rieser, Sabine

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Niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten mögen ihren Beruf. Mit dem Einkommen sind sie etwas zufriedener als vor zwei Jahren. Doch sie haben zu wenig Zeit für ihre Patienten und finden die Suche nach einem Nachfolger schwierig.

Niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten arbeiten durchweg gern und würden zu einem Großteil ihren Beruf wieder ergreifen. Doch vielen fehlt ausreichend Zeit für ihre Patienten, und knapp die Hälfte ist nicht zufrieden mit ihrem Einkommen. Das sind zentrale Ergebnisse des „Ärztemonitor 2014“, einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts infas. Infas hat im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des NAV-Virchow-Bunds im Frühjahr mehr als 10 000 Niedergelassene telefonisch zu ihrer Arbeitszufriedenheit und ihren beruflichen Perspektiven befragt.

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„Meine Arbeit macht mir Spaß“ – dieser Aussage stimmten 93 Prozent der Hausärzte, 95 Prozent der Fachärzte und 99 Prozent der Psychotherapeuten „voll und ganz“ beziehungsweise „eher“ zu. Selbst bei denjenigen, die pro Tag mehr als 75 Patienten versorgen, waren es noch 90 Prozent. Ähnlich hoch lagen die Werte für die Zufriedenheit mit der Arbeit.

„Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen identifizieren sich in hohem Maße mit ihrer Arbeit“, urteilte Dr. med. Andreas Gassen, KBV-Vorstandsvorsitzender. Das verdeutliche noch eine weitere Angabe: Mehr als acht von zehn Ärzten und Psychotherapeuten würden ihren Beruf erneut ergreifen.

Doch nicht alle Einschätzungen fielen positiv aus. „Obwohl niedergelassene Ärzte das Rückgrat der ambulanten Versorgung sind, fühlen sie sich im Stich gelassen. Bei einer persönlichen Arbeitsbelastung von durchschnittlich 54 Arbeitsstunden bei täglich 45 behandelten Patienten fehlt 60 Prozent der Ärzte ausreichend Zeit für den Patienten“, so Dr. med. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bunds. Bei den Psychotherapeuten bemängelten dies 34 Prozent.

Wenig überraschend zeigen die Antworten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Anzahl der behandelten Patienten und dem Gefühl, nicht genug Zeit für sie zu haben: Knapp 80 Prozent der Haus- und Fachärzte mit bis zu zehn Patienten pro Tag befanden, ihnen bleibe ausreichend Zeit. Bei den Ärzten mit elf bis 25 Patienten stimmten dem nur noch 52 Prozent zu, bei denen mit mehr als 75 Patienten pro Tag lediglich 21 Prozent. Im Schnitt behandelt ein Hausarzt täglich 52 Patienten, ein Facharzt 38.

Ihre Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 54 Stunden verwenden die befragten Ärzte wie folgt: knapp 33 Stunden für die Sprechstunden, acht für Verwaltungsarbeit, fast vier für den Bereitschafts- und Notdienst, gut drei Stunden für Hausbesuche, etwa drei für Fortbildung sowie circa zwei für die Anleitung des Praxisteams, drei Stunden für Sonstiges. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Praxen sind dabei groß.

Infas hat sich auch nach der Einnahmesituation erkundigt. „39 Prozent der Praxisärzte sind unzufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation, 46 Prozent beklagen eine fehlende finanzielle Planungssicherheit“, unterstrich Heinrich. Die Zufriedenheit mit dem monatlichen Einkommen ist bei den Ärzten hingegen im Vergleich zu den Angaben im „Ärztemonitor 2012“ leicht gestiegen: 61 Prozent der Hausärzte sind nun mit ihrem Einkommen zufrieden, 59 Prozent der Fachärzte. Bei den Psychotherapeuten sind es nur 43 Prozent (2012: 61 Prozent).

Insgesamt führt die Stimmung unter den Niedergelassenen dazu, dass sich etwa zwei Drittel der Befragten wünschen, ihre wöchentliche Arbeitszeit zu reduzieren. Knapp die Hälfte hätte gern flexiblere Arbeitszeiten. Besonders ausgeprägt sind beide Wünsche bei den Ärzten, die mehr als 51 Patienten pro Tag behandeln. Von ihnen würden gern 80 Prozent weniger arbeiten als derzeit.

Den Angaben zufolge ist die Arbeitszeit bei Haus- wie Fachärzten in den letzten zwei Jahren bereits um zwei Stunden gesunken. Nach Berechnungen des NAV sind dies etwa 13 Millionen Arbeitsstunden im Jahr. Arbeitszeit zu reduzieren „entspricht einerseits gesellschaftlichen Tendenzen, ist aber andererseits auch das Ergebnis der politischen Rahmenbedingungen für die Niedergelassenen“, erklärte Heinrich: „Die ,Generation Selbstausbeutungʻ gehört in Kürze der Vergangenheit an.“

Kein „Flaschenhals“ durch ambulante Weiterbildung

Zu berücksichtigen ist, dass das Durchschnittsalter der befragten Ärzte bei 53,3 Jahren lag. Circa ein Viertel plant, die Praxis in den nächsten fünf Jahren abzugeben. Unter den über 60-Jährigen sind es schon zwei Drittel. Doch viele, die einen Nachfolger suchen – nämlich drei Viertel der Betroffenen –, erleben, wie schwierig das ist. Als „sehr schwierig“ bezeichneten etwa 60 Prozent der Haus- und 45 Prozent der Fachärzte ihre Bemühungen. Dabei scheint die Suche nach einem Nachfolger für die Einzelpraxis nicht das komplizierteste Unterfangen zu sein: Noch etwas mehr Probleme haben Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ).

Gassen warnte, diese Entwicklung gefährde die Funktion der Praxis als Altersvorsorge: „Das ist ein Skandal. Es darf nicht sein, dass eine Berufsgruppe, die erst in eine sehr lange Ausbildung, dann in Aufbau und Unterhalt einer Praxis investiert, die Arbeitsplätze sichert und die eine extrem wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt, am Ende ihres Arbeitslebens nicht abgesichert ist.“

Mehr Delegation? Dazu fehlt es an Sicherheit und Personal

Infas hat auch danach gefragt, welches Entlastungspotenzial Ärztinnen und Ärzte in der Delegation von Aufgaben sehen. Etwa 40 Prozent gaben an, bereits das Medikations- und Wundmanagement zu delegieren, 18 Prozent bejahten dies für Hausbesuche. Nur 20 Prozent konnten aber berichten, dass für delegationsfähige Aufgaben ausreichend qualifizierte Mitarbeiterinnen in der Praxis beschäftigt sind.

„Die Antworten zeigen, dass die Ärzte sich insbesondere eine Entlastung von Verwaltungsaufgaben wünschen“, ergänzte Gassen. Auch gebe es offenbar noch große Unsicherheit darüber, welche Aufgaben in welchem Umfang delegierbar sind. „Hier bedarf es noch eindeutigerer Regelungen, um Sicherheit zu schaffen“, befand er.

Aufschlussreich ist ein weiteres Ergebnis: 40 Prozent haben innerhalb der letzten fünf Jahre einen Weiterbildungsassistenten in ihrer Praxis beschäftigt. Ungefähr 55 000 Ärzte besitzen demnach eine Ermächtigung zur Weiterbildung. Einen „Flaschenhals“ im ambulanten Bereich werde es also nicht geben, betonte Heinrich.

Die Einzelpraxis ist der aktuellen Ärztemonitor-Befragung zufolge noch kein Auslaufmodell. „Nur 15 Prozent der befragten Ärzte sind als Angestellte tätig. Von den restlichen 85 Prozent, die in eigener Praxis niedergelassen sind, haben nur ganze drei Prozent konkrete Pläne, in den nächsten fünf Jahren in eine Anstellung zu wechseln“, erläuterte Gassen. Allerdings arbeitet circa ein Drittel der befragten ambulant Tätigen unter 45 Jahren derzeit angestellt, ermittelte infas.

Gassen verwies denn auch dar- auf, dass sich die Verhältnisse in den nächsten Jahren ändern könnten. Man brauche allerdings die Einzelpraxis gerade in strukturschwachen Gegenden, „wo man nicht in jedem Sprengel ein Medizinisches Versorgungszentrum mit Ärzten füllen kann, um eine Versorgung aufrechtzuerhalten.“ Heinrich verwies auf einen weiteren Aspekt: „Eigentlich erfüllt die Niederlassung viel von dem, was man der Generation Y als Bedarf nachsagt.“ Dies müsse man dem Nachwuchs noch stärker verdeutlichen.

Ärzte schätzen persönliche Spielräume in der Praxis

Die von infas befragten Ärzte gaben als Vorteil der Niederlassung den persönlichen Spielraum an. Mehr als die Hälfte urteilte, familienfreundliches Arbeiten sei möglich. Fast drei Viertel sagten, die Arbeitszeiten könnten flexibel gestaltet werden. Etwa 90 Prozent meinten, sie könnten ihr Arbeitsumfeld an die eigene Persönlichkeit anpassen und selbstständig arbeiten. Dass man in der Niederlassung vereinsamt, konnten die meisten auch nicht bestätigen: Fast zwei Drittel gaben an, dass Möglichkeiten zum fachlichen Austausch bestünden.

Gleichzeitig bejahte mehr als die Hälfte den Satz: „Die Anforderungen meiner Arbeit stören mein Privat- und Familienleben.“ Hier korrelierte der Grad der Zustimmung aber deutlich mit dem Arbeitspensum: Am seltensten hatten dieses Gefühl Ärzte mit bis zu zehn Patienten, am häufigsten Ärzte mit mehr als 51 Patienten pro Tag.

Jeder dritte Arzt arbeitet mittlerweile in einem Netz, also einem fachgruppenübergreifenden Zusammenschluss von Ärzten. Damit sind inzwischen mehr als 45 000 Niedergelassene mit ihren Kollegen vernetzt. Dr. med. Veit Wambach, Vorstandsvorsitzender der Agentur deutscher Arztnetze, begrüßte den Anstieg: „Ärztenetze sind zur festen Größe in der ambulanten Versorgung geworden. Der Zuwachs ist ein toller Erfolg für die Netze und ein Zeichen an die Politik, dass die Fördermaßnahmen wirken und fortgeführt werden müssen.“

Sabine Rieser

@Mehr Daten zur Befragung und zur Einschätzung von Ärztenetzen unter: www.aerzteblatt.de/141278

Kommentar

Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion

Was will der ärztliche Nachwuchs, wenn er in den Beruf einsteigt? Alles, bloß nicht selbstständig in einer Praxis arbeiten, lautet die häufigste Antwort. Kein Wunder, wenn nur wenige erlebt haben, wie dort gearbeitet wird und Medizinstudierende bereits Angst vor Regressen entwickeln, bevor sie das erste Arzneimittel verordnen.

Dr. med. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bunds, findet den Trend erstaunlich. „Eigentlich erfüllt die Niederlassung viel von dem, was man der Generation Y als Bedarf nachsagt“, meinte er mit Hinweis auf den „Ärztemonitor“. So sei die Arbeitszeit für Selbstständige flexibler zu organisieren als für Angestellte.

Tatsächlich sind die befragten Niedergelassenen nicht mit allem zufrieden, schätzen aber ihre Freiräume und persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten in der Praxis. Für die Zukunft gilt deshalb: Anstellung, Medizinische Versorgungszentren, Teilzeit-Patientenversorgung bitte nicht grundsätzlich schlechtreden – aber die Einzelpraxis auch nicht. Wer weiß heute schon, in welchen Formen der Nachwuchs bis zum Ruhestand arbeiten wird? Keiner. Auch er selbst nicht.

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