ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2014Körperliche Aktivität: Das große Therapiedefizit

POLITIK: Kommentar

Körperliche Aktivität: Das große Therapiedefizit

Dtsch Arztebl 2014; 111(29-30): A-1296 / B-1117 / C-1055

Löllgen, Herbert

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Wer die Entlassungsbriefe aus den internistischen Kliniken und kardiologischen Abteilungen aufmerksam verfolgt, sieht bei den Therapieempfehlungen zahlreiche Medikamente, mitunter zehn oder mehr, aber keinerlei Hinweise zu regelmäßiger körperlicher Aktivität und Lebensstiländerung. Dabei sind diese Empfehlungen zur Prävention und Therapie innerer Erkrankungen mit hoher bis höchster Evidenz gesichert. Zahlreiche Metaanalysen und prospektive Kohortenstudien belegen dies. Die relative Änderung von Morbidität und Mortalität übersteigt sogar in einigen Bereichen die der teuren Medikamente.

Regelmäßige körperliche Aktivität ist zudem die bisher einzige gesicherte Maßnahme des „Anti-Aging“ und kann zu einer Lebensverlängerung führen. Darüber hinaus ist sie preisgünstig, kann zum Teil Medikamente einsparen und ermöglicht im Alter eine längere Zeitspanne der Selbstbestimmung und Autonomie. Die Verzögerung einer Demenz durch körperliche Aktivität sei nur am Rande erwähnt.

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Daher erstaunt es sehr, dass in den Entlassungsbriefen keinerlei Hinweise auf diese Therapieform zu finden sind. Selbst die Ärzte des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rung oder die Krankenkassen beachten dies nicht, könnten sie doch durchaus von einer solchen Empfehlung (und Umsetzung) eine erhebliche Einsparung erwarten.

Wo liegen die Gründe dafür? Das geringe Wissen vom therapeutischen Wert von Sport und Bewegung ist zunächst einmal der Ausbildung der Medizinstudierenden zu verdanken. Es gibt keine Pflichtvorlesung Sport- und Bewegungsmedizin; daher erreichen viele die Approbation, ohne von den negativen Auswirkungen von Bewegungsmangel auf die Gesundheit gehört zu haben. So wissen junge Ärztinnen und Ärzte häufig nicht, wie man körperliche Aktivität korrekt verschreibt. Es gilt, dringend, die Aus- und Weiter­bildungs­ordnung zu ergänzen und zu ändern – dort mehr Bewegung hineinzubringen. Dem Hausarzt kommt bei der Bewegungsförderung eine zentrale Rolle zu.

In der Schweiz wurde 2009 das Paprica-Projekt (Physical Activity Promotion in Primary Care) im Kanton Waadt initiiert und seit 2012 in Kantonen der deutschsprachigen Schweiz umgesetzt. Neben regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen wurden ein Handbuch als Leitfaden und Nachschlagewerk, Patientenbroschüren und didaktische Hilfsmittel erarbeitet, die den Ärztinnen und Ärzten die klinische Arbeit mit dem Patienten rund um die Bewegungsmedizin erleichtern sollen. Auch in Österreich liegen entsprechende Empfehlungen vor.

Für Deutschland sind zu erwähnen die Aktion IN FORM des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums und das schon länger erfolgreich bestehende Konzept Sport pro Gesundheit des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Bundesweit eingeführt ist mittlerweile ebenfalls das Rezept für Bewegung (Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin, DOSB und BÄK), das inzwischen auch europaweit als „Exercise prescription for health“ umgesetzt wird.

Die Frage nach der regelmäßigen körperlichen Aktivität eines Patienten ist immer in die Anamnese aufzunehmen. In Amerika wird die körperliche Aktivität auch als „5th vital sign“ erfasst, neben Körpertemperatur, Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck. Die regelmäßige Aktivität wird eingeteilt und „verordnet“ nach Frequenz, Intensität, Dauer und Art der Aktivität (FIDA oder FITT im Angloamerikanischen: Frequency, Intensity, Time and Type).

Diese Angaben gehören in jeden Anamnesebogen. Jeder Arzt sollte bei jedem Patientenkontakt, ob Klinik oder Praxis, danach fragen. Damit wird dieser Teil des gesunden Lebensstils auch dem Patienten bewusst werden.

Der Entlassungsbrief sollte mit Hinweisen zur regelmäßigen körperlichen Aktivität versehen sein. Die Krankenkassen können dies unterstützen, indem die Kostenübernahme von einer solchen Empfehlung zur körperlichen Aktivität als Prävention, Rehabilitation und Therapie abhängig gemacht wird.

Ergänzend hierzu kann dem Patienten auch ein Rezept für Bewegung zum Entlassungsbericht mitgegeben werden, so dass er einen Verein mit dem Siegel Sport pro Gesundheit aufsuchen oder mit Fitnessgeräten zu Hause oder mit Bewegung in der Freizeit aktiv werden kann. Dazu muss er kompetent beraten werden nach der FITT-Regel. Hinweise hierzu sind verschiedentlich publiziert worden. Zu begrüßen wäre eine gemeinsame Aktion der Ärzte, Kliniken, Krankenkassen und der an Gesundheit interessierten Einrichtungen (Vereine, Studios).

Natürlich gehört zu diesem Konzept auch eine Beratung zu optimalem Gewicht, zu Ernährung und Vermeidung schädlicher Genussmittel. Hierzu sind die Techniken des transtheoretischen Modells geeignet sowie das motivierende „Interviewing“. Diese Gesprächstechniken sind Standard, sie sollten auch Standard in der ärztlichen Ausbildung sein. In der Praxis können solche Beratungsgespräche zur Lebensstiländerung zum Teil abgerechnet werden. Körperliche Aktivität statt teurer Medikamente kann auch zur Entlastung des Budgets in der Praxis beitragen.

Prof. Dr. med. Herbert Löllgen, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin

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