ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2014Deutscher Ärztetag: Versorgungsengpässe in der Ophthalmologie
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Mit Sorge sieht auch der klinisch tätige Ophthalmologe die zunehmenden Wartezeiten im ambulanten Bereich. Ja, mehr und mehr Patienten mit nicht ganz dringlichen Anliegen – akute Notfälle werden zumeist noch zeitnah versorgt – tun sich schwer, überhaupt noch eine Augenpraxis zu finden, in der sie „unterkommen“ können. Es mag hier regionale Unterschiede geben, der Negativtrend in den letzten Jahren ist aber offensichtlich, und er hat sicher nur zum Teil „Budgetgründe“ oder „Organisationsgründe“. Die wahren Ursachen sind andere:

  • Sehr viele Erkrankungen des augenärztlichen Fachgebiets zeigen eine ausgeprägte Altersabhängigkeit . . . Die Augenheilkunde ist wie kaum ein anderes Fach von der demografischen Entwicklung betroffen.
  • Der Trend zur Zweit-, Dritt-, ja „Vielfach-Meinung“ („Doktor-Hopping“) verschlingt in immer größerem Umfang Praxiskapazitäten.
  • Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Augenheilkunde haben sich in den letzten zehn bis 20 Jahren enorm erweitert . . .
  • Die Zunahme chronischer Erkrankungen in der Bevölkerung, wie zum Beispiel Diabetes mellitus oder von Allergien, geht mit einem erhöhten ophthalmologischen Kontroll- und Therapiebedarf einher.
  • Die weitgehende „Ambulantisierung“ der Ophthalmochirurgie (ohne dass die Augenkliniken deshalb „leerlaufen“ würden) mindert das konservative Versorgungsangebot . . .
  • Der (verständliche) Wunsch von jüngeren Kolleginnen und Kollegen nach geregelter und maßvoller Arbeitszeit sowie Teilzeitarbeit reduziert die zur Verfügung stehende „Manpower“.

Wenn also einerseits immer mehr (ältere) Menschen einen immer umfangreicheren Versorgungsbedarf haben, andererseits die zur Verfügung stehende „Manpower“ tendenziell eher sinkt, zumindest aber nicht im äquivalenten Maße steigt, dann sind zum Teil erschreckend lange Wartezeiten die zwangsläufige und im Übrigen seit langem vorhersehbare und vorhergesagte Folge. Die Zusammenhänge liegen auf der Hand, und sie sind nicht neu. Sowohl die von Herrn Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe forcierten „KV-Servicestellen“ als auch die von der BÄK favorisierten „Schnellüberweisungen“ können, ja müssen nur Kosmetik bleiben, da sie an den tatsächlichen Ursachen der Wartezeiten nichts zu ändern vermögen. Dementsprechend werden auch die nicht selten bereits jetzt schon am Limit arbeitenden Augenkliniken kaum in der Lage sein, den Wartezeiten substanziell abzuhelfen. Der an sich erforderlichen Erweiterung der ophthalmologischen Versorgungskapazitäten stehen sowohl das enge finanzielle Korsett als auch der in der notwendigen Zahl gar nicht mehr vorhandene Nachwuchs entgegen. Und so bleibt, wenn man ehrlich sein will, letztendlich nur die Akzeptanz langer (und immer länger werdender) Wartezeiten oder das offene Bekenntnis zu einer unter den Möglichkeiten bleibenden, noch eingeschränkteren Versorgung . . .

Literatur beim Verfasser

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Prof. Dr. Jens Martin Rohrbach, Augenklinik des
Universitätsklinikums, 72076 Tübingen

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