ÄRZTESTELLEN

Kommunikationskompetenz: Die Diskussionskultur aufbauen

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): [2]

Madel, Michael

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Was kann ein Arzt tun, um in seinem Verantwortungsbereich eine Diskussionskultur einzuführen, in der über Fehler offen gesprochen und proaktiv nach Lösungen gesucht wird – und nicht nach Schuldigen?

Foto: picture alliance
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Moderne Medizin und zeitgemäße Kommunikation mit Patienten zeichnen sich dadurch aus, dass über die richtige Lösung diskutiert und zuweilen auch gestritten und die Wahrheit nicht ex cathedra verkündet wird. Wenn man dem Spiegel-Bericht „Im Gottesdienst“ (Ausgabe 26/2014) Glauben schenkt, fehlt es in vielen Krankenhäusern und Kliniken an einer Führungsstruktur – zumindest in den Ordinarius-geprägten Universitätskliniken. Dringend notwendig sei die Etablierung einer Diskussionskultur.

Voraussetzung dafür ist, dass die entsprechenden Strukturen geschaffen werden, und das ist in der Regel Aufgabe der Klinikleitung. Wenn ein Arzt zum Beispiel ein wöchentliches Meeting mit seinen Mitarbeitern durchführen will, um kontinuierliche Diskussionsprozesse zu ermöglichen, kann er dies nicht im Alleingang regeln – dies bedarf der Unterstützung durch die Klinikleitung.

Aber der einzelne Arzt kann seinen Beitrag leisten, indem er versucht, in seinem Verantwortungsbereich kommunikative Strukturen zu implementieren, durch die eine Diskussionskultur entsteht, in der gemeinsam über Probleme geredet und gemeinsam Lösungen gefunden werden können. Dazu müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein.

Voraussetzung 1

Kommunikatives Selbstverständnis hinterfragen

Der Arzt sollte der Auffassung sein, dass er sich nicht im Besitz der allein selig machenden Wahrheit befindet. Die täglichen Frühbesprechungen – so beschreiben es Udo Ludwig und Antje Windmann in dem Spiegel-Artikel – in Universitätskliniken gleichen oftmals „Gottesdiensten“, die der Hofierung des Ordinarius dienen, nicht aber der Suche nach der besten Problemlösung.

Junge Ärzte sollten sich von dieser Tradition lösen und ein Selbstverständnis entwickeln, das von dem Bild vom Halbgott in Weiß weit entfernt ist. Der Arzt ist dabei Gleicher unter Gleichen, der zwar eine Entscheidung treffen muss, für die er Verantwortung trägt und übernehmen muss. Zunächst jedoch ist er bereit, sich andere Meinungen und Ansichten anzuhören und diese in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

Voraussetzung 2

Entscheidungs- und Fehlerkultur entwickeln

Diskussionen sind dann angesagt, wenn eine Entscheidung zwischen mehreren Optionen getroffen werden muss, oder wenn es notwendig ist, Dinge zu diskutieren, die auch anders hätten verlaufen können: Jemand hat einen Fehler gemacht, und jetzt müssen die Beteiligten darüber sprechen, wie es dazu gekommen ist, welche Ursachen zu dem Fehler geführt haben und wie er sich in Zukunft vermeiden lässt. Dies gelingt aber nur, wenn die Selbstverständlichkeit akzeptiert wird, dass auch Ärzte Fehler machen dürfen und können.

Der Arzt setzt sich darum dafür ein, dass an seinem Arbeitsplatz eine Lernatmosphäre entsteht, in der Fehler als Lernchancen angesehen werden, um Entwicklungsprozesse zum Besseren in Gang zu setzen.

Voraussetzung 3

Das tägliche Gespräch suchen

Eine Diskussionskultur ist davon abhängig, dass Gespräche institutionalisiert werden. Im Idealfall kommt es zu einem täglich stattfindenden kleinen Meeting. In einer Arztpraxis sollte dies leicht möglich sein, indem der Arzt dafür Sorge trägt, dass seine Mitarbeiter die Möglichkeit zu diesem täglichen Austausch haben. Er räumt den Mitarbeitern dieses Recht also ein.

Für Kliniken gilt: Wenn solche institutionalisierenden Gespräche von der Klinikleitung nicht vorgesehen sind, kann sich der Arzt für die Einführung solcher regelmäßigen Gesprächsrunden einsetzen. Zudem sollte er im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen, eigeninitiativ so etwas wie ein „tägliches Gespräch“ zu installieren. Ein Beispiel: Ärzte einer Hierarchieebene setzen sich jeden Tag 3 bis 5 Minuten zusammen und diskutieren die anstehenden Herausforderungen.

Voraussetzung 4

Gesprächskaskaden aufbauen

Es ist sinnvoll, wenn Probleme immer zunächst einmal auf der Hierarchieebene besprochen werden, auf der sie entstanden sind. Wenn etwa ein Problem auf der Pflege-Ebene auftritt, sollte es von den Schwestern und Pflegern einer Lösung zugeführt werden. Wenn es auf Assistenzarzt-Ebene zu einem Fehler gekommen ist, versuchen zunächst einmal die Assistenzärzte, die Fehlerursachen zu analysieren und zu beheben. Erst wenn dies nicht mehr möglich ist und auf der – zum Beispiel – Assistenzarzt-Ebene keine Problemlösung gefunden werden kann, wird die Problemlösung eskaliert und auf der nächsthöheren Ebene diskutiert.

So entsteht das, was Albert Hurtz und Daniela Best von der Praxis für teamorientierte Arbeitsgestaltung (PTA) mit Hauptsitz in Köln eine „Gesprächskaskade“ nennen: eine Reihe mehrerer Gespräche über mehrere Hierarchieebenen hinweg, wobei die nächsthöhere Hierarchieebene vor allem dann eingebunden wird, wenn die Diskussion eines Problems auf einer Hierarchieebene zu keiner Lösung führt.

„Gesprächskaskaden“ gewährleisten, dass Informationen schnell von oben nach unten und umgekehrt fließen können und das Wissen über Probleme dahin gelangt, wo die Probleme gelöst werden können.

Voraussetzung 5

Diskussionsspielregeln aufstellen

Ob nun in der Klinik oder in der Praxis des niedergelassenen Arztes: Eine Diskussionskultur lebt davon, dass die Beteiligten dabei gewisse Spielregeln einhalten. Es hat sich bewährt, wenn die Teilnehmer diese kommunikativen Spielregeln selbst im Konsens festlegen.

Auf jeden Fall sollten diese Regeln elementare Aspekte wie „ausreden lassen“, „konstruktives Feedback geben“, „immer sachlich und fair bleiben“ umfassen. Die große Herausforderung jedoch lautet: Nie darf es darum gehen, bei problematischen Sachverhalten einen Schuldigen zu finden, um so Verantwortung abzuschieben. Vielmehr steht die Diskussion im Mittelpunkt, wie man es beim nächsten Mal gemeinsam besser machen kann.

Fazit

Es genügt nicht, eine Diskussionskultur zu fordern. Es ist notwendig, die entsprechenden kommunikativen Strukturen zu schaffen und Kommunikationsmethoden wie die Gesprächskaskade einzuführen. Dann ist auch die offene und lösungsorientierte Diskussion von Fehlern möglich.

Dr. Michael Madel

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