ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2014Hochschulmedizin im Nationalsozialismus: Weiteres wichtiges Glied in der Aufarbeitung

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Hochschulmedizin im Nationalsozialismus: Weiteres wichtiges Glied in der Aufarbeitung

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): A-1374 / B-1184 / C-1128

Hähner-Rombach, Sylvelyn

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Die Dissertation des ehemaligen Hauptgeschäftsführers der Ärztekammer Schleswig-Holstein, der nach seiner Berufstätigkeit noch ein Geschichtsstudium absolvierte, bildet ein weiteres wichtiges Glied in der Reihe historischer Arbeiten, die sich mit der Rolle und Haltung der Hochschulmediziner während des Nationalsozialismus befassen, hier mit denen der Kieler Universität. Ratschko stellt zu Recht fest, dass sich die Mediziner bei der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit nicht nur in Schleswig-Holstein schwer getan hätten. Sie bildeten unter den Fakultäten meist das Schlusslicht. Umso erfreulicher und ermutigender ist es, dass die historische Aufarbeitung weiterhin geleistet wird.

Der Autor hat sich auch im Kieler Fall durch Unmengen schriftlichen Materials arbeiten müssen, umfasste die Fakultät während der Jahre 1933 bis 1945 doch 16 Lehrstühle, acht Kliniken und acht Institute. Ratschko widmet der Medizinischen Fakultät vor dem 30. Januar 1933 ein eigenes kleines Kapitel, bevor er sich der Geschehnisse in den ersten beiden Jahren nach der Machtübernahme annimmt, die er unter den Titel „Hoffnung, Resignation und Unterwerfung“ gestellt hat. Es folgt ein eigenes Kapitel über „Rassenhygiene, Rassenkunde und Rassismus“ und die Haltung der Kieler Hochschullehrer dazu sowie zu ihrer Beteiligung an den Zwangssterilisationen. Dann geht es weiter mit den Entwicklungen in den Jahren 1935 bis 1940, in denen der Dekan Hanns Löhr für eine nationalsozialistische „Fakultäts-Normalität“ sorgte. Das sechste Kapitel behandelt die zunehmenden Beeinträchtigungen durch den Krieg und zeigt nicht nur den Kriegsalltag an der Hochschule, sondern widmet auch den kriminellen Experimenten an KZ-Häftlingen ein eigenes Unterkapitel. Im siebten Kapitel versucht Ratschko eine Systematisierung der Kieler Hochschullehrer aufgrund ihrer Haltung zum Nationalsozialismus, bevor er sich mit dem Thema der individuellen Verantwortung unter Zuhilfenahme von Karls Jaspers Schuldbegriffen befasst – eine durchaus anregende Lektüre.

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Es bleibt zu hoffen, dass auch die bisher untätig gebliebenen Ärztekammern und medizinischen Fakultäten ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten lassen. Sylvelyn Hähner-Rombach

Karl-Werner Ratschko: Kieler Hochschulmediziner in der Zeit des Nationalsozialismus. Klartext, Essen 2014, 582 Seiten, kartoniert, 29,95 Euro

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