ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2014Von schräg unten: Skiunfall

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Skiunfall

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): U3

Böhmeke, Thomas

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Medizinische Maßnahmen sind für viele unserer Schutzbefohlenen schwer verständlich, mitunter bedrohlich, mit normalen Mitteln der Vernunft nicht immer nachvollziehbar. Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass eine gehobene ST-Strecke den unmittelbaren NAW-Transport in eine kardiologische Klinik nach sich zieht, hat Erklärungsbedarf. Wenn er auf der Intensivstation ausprobiert, ob es sich ohne verheddernde EKG-Strippen bequemer liegen lässt, wird er durch das anstürmende reanimationsbegierige Personal eines Besseren belehrt. Auch abseits solcher lebensbedrohlichen Erkrankungen erfahren unsere Patienten immer wieder Erratisches, wenn heilende Hände heraneilen. Daher ist es hohe ärztliche Kunst, medizinische Handlungen zu erläutern, Kausalitäten zu klären, Befremdliches zu begründen.

So auch bei meinem Patienten, der mit Gips am Fuß aus dem Skiurlaub zurückhumpelt. „Also, Herr Doktor Böhmeke, das muss ich Ihnen erzählen, das können Sie nicht fassen. Ich fuhr ganz normal den Abhang herunter, da kam so ein Vollpfosten und fuhr direkt in mich hinein! Ich knickte um, der wedelte weg, ich lag da, schon kam die Rettung!“ Und? „Die wollten mir den Blutdruck messen, hielten es aber nicht für notwendig, meinen Arm frei zu machen, sondern legten die Manschette über der Jacke an! Haben Sie so etwas schon mal gehört?“ Nein. Aber ich könnte es mir erklären. Das Auskultieren der Korotkoff’schen Töne durch eine stark gefütterte Skijacke hindurch verlangt außergewöhnliche Qualitäten. Ich darf daher die Prognose wagen, dass diese Blutdruckmessung aufgrund besonderer Schwere mit mehr als dem 3,5-fachen Satz in Rechnung gestellt wurde.

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„Korrekte Diagnose, Herr Doktor! Dann packten sie mich ein, aber anstatt mich auf einem Schlitten in die Klinik zu fahren, die sich gerade mal zwei Kilometer bergab befand, holten sie den Hubschrauber!“ Auch hierfür gibt es eine Erklärung. Luftgebundene Transportmittel mit roter Notfallbemalung dienen schnellster Versorgung zwecks zügigster Sicherstellung Ihres höchsten Gutes. „Das wäre?“ Ihre Gesundheit. „Meinen Sie? Mir kam es eher so vor, als sei es meine Brieftasche. Als ich dann in der Klinik ankam, gab’s erst mal ein großes Palaver, wie ich denn versichert sei und ob die alles bezahlt kriegen!“ Nun, derartige Unfallkliniken halten umfangreiches Personal, hochwertige Diagnostikgeräte und moderne Operationssäle vor, um Verunfallte den Regeln der Kunst nach zu versorgen. Die müssen auch auf die Kosten achten.

„Dann hatte ich viel Zeit, weil geflickt und vergipst, vom Krankenzimmer aus mit dem Fernglas die Loipe zu beobachten. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass immer, wenn sich die Betten in der Klinik leerten, dieser Vollpfosten auf Kollisionskurs ging! Was sagen Sie dazu?“ Nichts. „Das wollen Sie jetzt nicht mehr kommentieren, nicht wahr?!“ Nein. „Und warum?“ Weil ich seine Beobachtung nicht für gänzlich korrekt halte. „Gestehen Sie, das ist Ihnen zu heikel, sich dazu zu äußern!“ Mitnichten. Ich habe schon so oft solche Geschichten gehört, dass ich es ihm nicht abnehme, dass auf der Loipe nur ein einziger Vollpfosten unterwegs war.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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