ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2014Interview mit Dr. Yoshitake Yokokura, Präsident des Japanischen Ärzteverbandes, und Dr. Masami Ishii, Vorstandsmitglied des Japanischen Ärzteverbandes: „Es ist wichtig, weltweit ethische Standards zu teilen“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. Yoshitake Yokokura, Präsident des Japanischen Ärzteverbandes, und Dr. Masami Ishii, Vorstandsmitglied des Japanischen Ärzteverbandes: „Es ist wichtig, weltweit ethische Standards zu teilen“

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): A-1364 / B-1176 / C-1120

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Über die Bedeutung einer international vernetzten Ärzteschaft und die Folgen der Reaktorkatastrophe in Fukushima sprachen die Vertreter des Japanischen Ärzteverbandes am Rande des Deutschen Ärztetags Ende Mai in Düsseldorf.

Herr Dr. Yokokura, Herr Dr. Ishii, Sie engagieren sich beide nicht nur in Ihrem nationalen Ärzteverband, sondern auch im Weltärztebund. Wie wichtig ist die internationale Vernetzung von Ärzten?

Yokokura: Die Medizin beeinflusst das Leben und die Gesundheit der Menschen. Dafür arbeiten wir, und dafür brauchen wir eine solide ethische Basis. Ich halte es für wichtig, ethische Standards im internationalen Austausch zu entwickeln und gegenseitig anzuerkennen. Wir alle sollten die menschliche Würde respektieren.

Anzeige

Auf welche ethischen Standards spielen Sie an?

Yokokura: Seit Hippokrates gilt für Ärzte das Prinzip, den Patienten niemals zu schaden. Das ist die Basis. Man muss die ethischen Standards allerdings an die medizintechnische Entwicklung anpassen.

Ishii: Ich finde es, genau wie Dr. Yokokura, sehr wichtig, dass wir weltweit medizinethische Standards teilen. Ich habe im Weltärztebund an der Neufassung der Deklaration von Helsinki mitgearbeitet. Wir sind zum Beispiel der Meinung, dass die Grundpfeiler der Deklaration, Schutz der Privatsphäre sowie das informierte Einverständnis in klinische Studien, künftig auch auf Biobanken angewendet werden sollen.

Herr Dr. Yokokura, Sie haben selbst zwei Jahre lang in Deutschland gearbeitet. Welche Ähnlichkeiten oder auch Unterschiede gibt es zwischen den Systemen?

Yokokura: Japan hat vor rund 150 Jahren die westliche Medizin eingeführt, und zwar stark geprägt von Deutschland. Unsere Lehrer haben in Deutschland studiert und das an den Nachwuchs weitergegeben. Die deutsche Medizin spielt für uns sozusagen die Mutter- oder Vaterrolle. Auch das deutsche Sozialversicherungssystem diente der japanischen Kran­ken­ver­siche­rung als Vorbild.

Inzwischen stehen die Systeme beider Länder vor derselben großen Herausforderung: der Frage, wie man die medizinische Versorgung einer alternden Gesellschaft auch weiterhin finanzieren kann.

Herr Dr. Ishii, Sie leben und arbeiten in der Region Fukushima, die vor drei Jahren von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Im März 2011 verursachte ein Erdbeben der Stärke 9 einen Tsunami, in dessen Folge vier Atomreaktoren so beschädigt wurden, dass es zur Kernschmelze kam.

Ishii: Die Atomanlage ist 50 Kilometer von meiner Heimatstadt Iwaki entfernt. Ich war zu Hause, als es passierte, und habe sofort Dr. Yokokura in Tokio kontaktiert. Wir entschieden uns, umgehend die Katastrophenteams des Japanischen Ärzteverbandes zu aktivieren. Wir hatten nämlich exakt ein Jahr zuvor ein Konzept zur Katastrophenhilfe erarbeitet. Circa 1 500 Teams, meist bestehend aus einem Arzt, zwei Krankenpflegekräften und einem Logistiker, konnten so in den folgenden Wochen und Monaten in den betroffenen Regionen medizinische Hilfe leisten.

Was sieht das Konzept zur Katastrophenhilfe konkret vor?

Ishii: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Ärzte das alles freiwillig machen. Wir wollen einen Beitrag zur regionalen Gesundheitsversorgung leisten. Das heißt, wenn es zur Katastrophe kommt und die medizinische Versorgung zusammenbricht, weil Einrichtungen zerstört wurden und medizinisches Personal umgekommen ist, übernehmen wir deren Funktion. Verantwortlich für die Koordination sind jeweils die Ärzteverbände in den Präfekturen. 2011 haben wir zunächst in den betroffenen Präfekturen nachgehört, was sie benötigen und dann die Hilfe koordiniert. Durch Erdbeben und Tsunami kamen mehr als 15 000 Menschen ums Leben, 6 000 wurden verletzt. Die Küste wurde auf einer Länge von fast 500 Kilometern verwüstet.

Die Situation hat sich durch die Explosion der Atomreaktoren weiter verschärft . . .

Ishii: Aufgrund des Reaktorunfalls mussten 140 000 Menschen evakuiert werden. Das größte Problem war, genügend Informationen über das Ausmaß der Katastrophe zu bekommen. Wir haben versucht, alle möglichen Informationen beim Japanischen Ärzteverband zu bündeln, zum Beispiel von der Feuerwehr, der Polizei, den Selbstverteidigungsstreitkräften und natürlich auch von lokalen Ärzteverbänden.

Sehr schwierig war es, Informationen über die Strahlenbelastung zu bekommen. Was wir unter anderem von vertrauenswürdigen Quellen in Fukushima erfahren konnten, haben wir auf einer Karte eingetragen und täglich auf unserer Website aktualisiert. Sehr wertvoll waren dabei auch Informationen, die wir von der deutschen Sektion der IPPNW, der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs, erhalten haben.

Die IPPNW wirft der japanischen Regierung und dem Betreiber Tepco vor, die Gesundheitsrisiken durch die Strahlenbelastung herunterzuspielen . . .

Ishii: Ich lebe nah am Unglücksort. Natürlich haben die Menschen in Iwaki Angst vor den Folgen der Strahlenbelastung. Aber als Arzt muss ich mich auf die Wissenschaft und die Medizin verlassen. Ich beschäftige mich seit zehn Jahren mit Katastrophenmedizin und bin außerdem Mitglied im Netzwerk „Medizin gegen Strahlengefahr“.

Aus Sicht des Sachverständigen sage ich deshalb, natürlich gibt es Orte, die sehr stark kontaminiert wurden. Aber es gibt auch Orte wie Iwaki, das aufgrund günstiger Windverhältnisse von einer Kontamination sozusagen verschont blieb. Deswegen wächst dort die Bevölkerung. Menschen, die aus anderen Landstrichen evakuiert wurden oder aus Angst um ihre Gesundheit ihre Heimat verlassen, ziehen neu zu.

Kehrt die Region zur Normalität zurück?

Ishii: Ja. Wichtig ist, dass man die Menschen dabei unterstützt, einen Ort zu finden, an dem sie leben können. Außerdem ist es wichtig, die Langzeitfolgen der Reaktorkatastrophe zu untersuchen. Der Staat hat mit einer Studie begonnen, an der der Japanische Ärzteverband und der Ärzteverband der Präfektur Fukushima mitarbeiten. Auch das Forschungsinstitut unseres Verbandes, für das ich zuständig bin, forscht daran. Wir machen das, weil wir es als unsere Mission erachten, die Bevölkerung zu unterstützen.

Das Interview führte Heike Korzilius.

Zur Person

Fotos: Lajos Jardai
Fotos: Lajos Jardai

Dr. Yoshitake Yokokura (69) ist seit 2012 Präsident des Japanischen Ärzteverbandes. Deutschland fühlt er sich verbunden, seit er im Rahmen seiner chirurgischen Weiterbildung Ende der 1970er Jahre zwei Jahre am Kreiskrankenhaus Detmold verbrachte. Seit 1990 leitet er das Yokokura Hospital in Miyama im Südwesten Japans.

Zur Person

Dr. Masami Ishii (63) ist Vorstandsmitglied im Japanischen Ärzteverband und im Weltärztebund. Dort hat er maßgeblich an der Neufassung der Deklaration von Helsinki mitgearbeitet. Der Neurochirurg betreibt eine Klinik in Iwaki, in der Region Fukushima. Nach der Erdbeben-Katastrophe 2011 hat Ishii die medizinische Hilfe mitkoordiniert.

Die Katastrophe von Fukushima

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke neun den Osten Japans. In der Folge verwüstete ein Tsunami auf einer Länge von 500 Kilometern die Pazifikküste. 15 700 Menschen starben, und fast 6 000 wurden verletzt. Der Tsunami beschädigte vier Reaktorblöcke des Kernkraftwerks in Fukushima schwer. Radioaktives Material wurde freigesetzt. Über die gesundheitlichen Folgen gibt es widersprüchliche Einschätzungen. Das Bundesamt für Strahlenschutz geht davon aus, dass sich diese aufgrund günstiger Winde und der Evakuierungsmaßnahmen in Grenzen halten. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW bemängelt hingegen, die gesundheitlichen Folgen des Reaktorunfalls würden verharmlost. IPPNW rechnet unter anderem damit, dass die Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern zunimmt. Die Gesundheitsbehörde von Fukushima will mit einer langfristigen Kohortenstudie Klarheit schaffen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews