ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2014Arzneimittelfolgen: Duogynon bald wieder vor Gericht?

POLITIK

Arzneimittelfolgen: Duogynon bald wieder vor Gericht?

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): A-1358 / B-1170 / C-1114

Neuber, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„Wir sind nicht verjährt!“ – 2010 scheiterten die Duogynon-Geschädigten wie Wolf-Dietrich Molzow (Mitte) vor Gericht. Foto: dpa
„Wir sind nicht verjährt!“ – 2010 scheiterten die Duogynon-Geschädigten wie Wolf-Dietrich Molzow (Mitte) vor Gericht. Foto: dpa

Nach mehreren gescheiterten Verfahren könnten die Folgen des Hormonpräparats bald wieder die deutsche Justiz beschäftigen.

Der Rechtsstreit um das Hormonpräparat Duogynon geht in Deutschland womöglich in eine neue Runde. Ein Anwalt von mutmaßlich Geschädigten des Medikamentes bestätigte im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt die Ausarbeitung eines Strafantrages gegen den Pharmakonzern Bayer. Wegen der im Arzneimittelgesetz (AMG) definierten Verjährungsfrist von 30 Jahren waren die Kläger seit Mitte 2010 in zwei Verfahren gegen das Unternehmen gescheitert. Der Gründer einer Interessengruppe, André Sommer, hatte zunächst nach § 84 des AMG auf Offenlegung der Unternehmensakten geklagt und später einen Schadensersatzprozess gegen die Bayer AG angestrengt. In beiden Fällen wurden die Klagen ohne weitere Prüfung eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Verabreichung des Präparates und der Fruchtschädigung abgewiesen.

Anzeige

Duogynon war vom Westberliner Pharmakonzern Schering hergestellt und in den 1960er und 1970er Jahren Frauen massenhaft verabreicht worden. Verwendet wurde das Medikament unter anderem als Schwangerschaftstest. Nach Darstellung des Klägers hatte das Präparat eine schwer fruchtschädigende Wirkung. Etwa tausend Kinder in Westdeutschland seien mit Missbildungen zur Welt gekommen, andere überlebten nur wenige Tage oder Wochen. Statistiken gibt es nicht. Klagen gegen Schering, die in den 1970er und 1980er Jahren angestrengt wurden, scheiterten.

Geschädigte fordern weiter Akteneinsicht

Mit dem neuen Prozess gegen den Bayer-Konzern, der Schering 2006 übernommen hat, wollen die Anwälte der „Interessengruppe Duogynon-Opfer“ weiterhin an die einschlägigen Unternehmensakten gelangen. Der Plan ist, eine Anklage wegen Mordes gegen Unbekannt zu stellen. „Die Verfahren in den 1970er und 1980er Jahren waren eingestellt worden, weil damals eine medikamentöse Schädigung der Leibesfrucht mit Todesfolge nach dem Strafrecht nicht zu ahnden war“, erklärte der Anwalt Jörg Heynemann. Dies habe sich inzwischen geändert. Man werde daher argumentieren, dass der Tod von Kindern der Patientinnen von den beteiligten Wissenschaftlern und Konzernvertretern billigend in Kauf genommen worden sei. Für die neue Runde im Rechtsstreit hat sich der Medizinrechtler Heynemann nun einen Strafrechtler mit ins Boot genommen, den Anwalt Detlef Stoffels.

Ermöglicht hat den erneuten Versuch eine Parallelrecherche. Die Klägerseite konnte im Berliner Landesarchiv mehrere Dutzend Kartons mit Akten des 1980 eingestellten Strafprozesses sichern. Darin waren als sogenannte Beistücke auch Dokumente über die tierexperimentellen Prüfungen enthalten. Zudem wurden Briefe zwischen Schering-Mitarbeitern und britischen Forschern gesichert, in denen diese sich frühzeitig über mögliche Risiken austauschten.

Auch in Großbritannien wird der Fall wohl neu aufgerollt

Zeitgleich zu der Initiative in Deutschland kommt auch in Großbritannien Bewegung in den Streit um mutmaßliche Duogynon-Folgen. Dort hat Premierminister David Cameron eine neue Untersuchung des Falls zugesagt. Bereits im Juni hatten 20 Mitglieder des Abgeordnetenhauses in London an einer Anhörung zu möglichen gesundheitlichen Schäden bei britischen Bürgern teilgenommen. Nun könnten sich die britische Arzneimittelbehörde und der parlamentarische Gesundheitsausschuss mit dem Fall befassen.

Vertreter von Bayer verweisen weiterhin auf die vergangenen Untersuchungen. Nach ersten Bedenken Ende der 1960er Jahre sei das Präparat zahlreichen Prüfungen im In- und Ausland unterzogen worden, bekräftigte eine Unternehmenssprecherin gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt: „Es folgte ein ausführlicher wissenschaftlicher Diskurs, ohne dass ein Nachweis für einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und seinerzeit aufgetretenen Missbildungen erbracht wurde.“ Es gebe keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Gültigkeit der damaligen Bewertung infrage stellen würden.

Harald Neuber

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema