ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2014Neurologische Rehabilitation: Ausufernde Bürokratie

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Neurologische Rehabilitation: Ausufernde Bürokratie

Dtsch Arztebl 2014; 111(31-32): A-1366 / B-1171 / C-1115

Funke, Bettina

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Auf dem Weg zur Fachärztin für Allgemeinmedizin habe ich nach fast dreijähriger Berufstätigkeit in Akuthäusern einen Teil der Weiterbildung in einer neurologischen Rehabilitationsklinik absolviert. Dort wird nach dem Phasenmodell der neurologischen Rehabilitation vorgegangen: Jeder Patient wird mit Hilfe einer Punkteskala in eine der Phasen Frühreha, B, C oder D eingestuft. Frühreha-Patienten können beispielsweise noch beatmet sein; Frühreha und Phase B gelten abrechnungstechnisch als Krankenhausbehandlung. Patienten der Phase C können sich überwiegend selbst versorgen; Patienten der Phase D streben eventuell sogar wieder eine Berufstätigkeit an. Jeder Patient wird wöchentlich erneut eingestuft und kann bei Verbesserung seines Zustandes einen „Phasenwechsel“ erreichen.

Nach der Einarbeitung wurde ich zunächst auf einer „Phase C-D-Station“ eingesetzt, lernte dort die Rehamedizin und insbesondere die Rehabürokratie kennen. Letztere wurde während meines Einsatzes auf einer Phase-B-Station leider nicht weniger. Dort sind die Patienten beispielsweise noch stark durch Dysarthrien, Dysphagien, Plegien, Paresen, Kalottenentfernungen, vegetative Entgleisungen, Harn- und Stuhlinkontinenz beeinträchtigt. Fachlich konnte ich viel lernen und sehr von der Zusammenarbeit mit den Physio- und Ergotherapeuten, den Logopäden, Neuropsychologen und dem Sozialdienst profitieren.

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Leider ist die Bürokratie aber auf ein malignes Maß ausgeufert. Zum bürokratischen GAU kommt es, wenn eine kurzzeitige Verlegung ins Akuthaus, die Rückübernahme in die Rehaklinik und der Phasenwechsel von B nach C zeitlich kurz aufeinander folgen. Dann diktiert man in kürzester Zeit: Entlassungsbrief aus Phase B; Aufnahmebrief, wenn der Patient aus dem Akuthaus zurückkommt; Entlassungsbrief aus der Phase B; Aufnahmebrief für Phase C.

Aber schon der alleinige Phasenwechsel von B nach C ist ein bürokratischer Gewaltakt, der alle Berufssparten belästigt. Die Therapeuten müssen einen Abschlussbericht für Phase B und einen Aufnahmebefund für Phase C schreiben. Die Krankenpfleger legen eine neue Akte an. Die Patientenverwaltung legt einen neuen Fall im PC an. Als Arzt fertigt man besagte Diktate an, muss eine neue Medikamentenanordnung schreiben sowie ein erneutes Aufnahme-EKG und Aufnahme-Labor anordnen. Bei zuvor unauffälligen Laborwerten habe ich Letzteres jedoch unterlassen.

Je nach Krankenkasse muss noch ein Antrag auf Verlängerung des Aufenthaltes in Phase C gestellt werden. Für noch nicht berentete Patienten im erwerbsfähigen Alter muss beim Eintritt in Phase C außerdem ein Reha-Assessment erhoben werden, in welchem die Prognose für den Wiedereinstieg in den Beruf in den nächsten sechs Monaten abgegeben wird. Fällt das Reha-Assessment positiv aus, werden die weiteren Behandlungskosten von der Rentenversicherung getragen, so dass ein Kostenträgerwechsel erfolgt, der das Ausfüllen weiterer Formulare erforderlich macht.

Durch das Anlegen von neuen Fällen während des Aufenthaltes ein- und desselben Patienten wird dessen Akte im PC absolut unübersichtlich. Wichtige Dokumente, die zu Beginn des Aufenthaltes eingescannt wurden, wie beispielsweise eine Betreuungsurkunde oder eine Patientenverfügung, sind nur in der ersten Akte auffindbar. Will man die Einträge der Therapeuten zurückverfolgen, um sich Fortschritte des Patienten zu vergegenwärtigen, muss man sich durch mehrere elektronische Akten klicken. Möchte man bei der Visite einen Blick in den Verlauf der angeordneten Medikamente werfen, so ist dies nicht möglich, da die erste Akte ja schon im Archiv liegt. Vor dem Archivieren lief sie selbstverständlich durch die Dokumentationskontrolle, in welcher die Einträge des Pflegepersonals spitzfindig auf möglicherweise fehlende Schlagworte, die im herrschenden Dokumentationswahn zwingend genannt werden müssen, durchsucht werden.

Die Behandlung in der Rehabilitationsklinik, in der ich gearbeitet habe, wird nach Tagessätzen abgerechnet. Erscheint die Verlängerung des Aufenthaltes für einen Patienten sinnvoll, so ist es ärztliche Aufgabe, eine Verlängerung der Kostenzusage beim entsprechenden Kostenträger zu beantragen. Obwohl ein Verlängerungsantrag trotz der umfangreichen Angaben, die gefordert werden, für den „Standard-Phase-B-Kassenpatienten“ schnell diktiert ist, gibt es je nach zuständiger Krankenkasse/Rentenversicherung doch wieder so viele Besonderheiten, dass man auch bei den Verlängerungsanträgen durchaus im Dickicht des bürokratischen Wahnsinns versacken kann.

Die Arbeit mit den schwerkranken Patienten hat mir Spaß gemacht. Leider bestand meine Arbeit jedoch zu einem so großen Teil aus sinnentleerter Bürokratie, dass für mich nach neun Monaten feststand, das System nicht mehr unterstützen zu wollen. Ob mein berufliches Ziel tatsächlich weiterhin die Allgemeinmedizin sein kann, bleibt extrem kritisch zu hinterfragen, denn auch dort scheint die Bürokratie auszuufern.

Bettina Funke, Ärztin in Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin, Neuwied

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