ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2014Interview mit Dipl.-Psych. Susanne Walz-Pawlita, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT): „Die Verfahrensbindung ist für uns unverzichtbar“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dipl.-Psych. Susanne Walz-Pawlita, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT): „Die Verfahrensbindung ist für uns unverzichtbar“

PP 13, Ausgabe August 2014, Seite 343

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Postgraduale Ausbildung beibehalten? Basale oder duale Direktausbildung? Entscheidungen sind notwendig und die Psychotherapeuten sind gespalten wie lange nicht. Susanne Walz-Pawlita über die Befürchtungen der Psychoanalytiker

Fotos: Svea Pietschmann
Fotos: Svea Pietschmann

Beim nächsten Psychotherapeutentag soll über strukturelle Veränderungen entschieden werden – postgraduale Ausbildung oder Direktausbildung. Welches Modell präferiert die DGPT?

Anzeige

Susanne Walz-Pawlita: In einer so großen Gesellschaft wie der DGPT sind fast alle Positionen vertreten. Wir fürchten jedoch, dass aufgrund der angedachten Strukturen einer Direktausbildung die Errungenschaften des Psychotherapeutengesetzes, insbesondere in Bezug auf die Ausbildungsqualität der Institute, nicht erhalten werden können. Wir wollen deshalb die postgraduale Ausbildungsstruktur erhalten – verschließen uns Veränderungen in der Struktur aber nicht grundsätzlich.

Allerdings knüpfen wir an eine Reform bestimmte Forderungen. Die wichtigste ist: Die Verfahrensbindung in der Psychotherapie ist für uns unverzichtbar, auch wenn eine „basale“ Direktausbildung kommen sollte. Das heißt, keine Aufweichung verfahrensbezogener Ausbildung durch ein Studium der „allgemeinen“ Psychotherapie. Sollte es eine breite Approbation geben, dann nur auf der Grundlage, dass an der Hochschule alle wissenschaftlich anerkannten Verfahren gelehrt werden müssen.

Vielleicht erläutern Sie kurz das Modell der „basalen“ versus der „dualen“ Direktausbildung.

Walz-Pawlita: Die basale Direktausbildung, das Modell für das das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wirbt, geht von einem Hochschulstudium der Psychotherapie aus, das mit der Approbation abschließt. Die sich anschließende Weiterbildung würde dann durch die jeweiligen Landeskammern und -gesetze geregelt werden, auf die das BMG keinen Einfluss mehr hat. Bei der dualen Struktur würde ein grundständiges Hochschulstudium erfolgen, das mit einem ersten Staatsexamen abschließt. Danach würde in einem zweiten Abschnitt eine vertieft verfahrensbezogene Qualifikation an einem Ausbildungsinstitut erfolgen, die dann erst mit der Approbation und Fachkunde abschließt.

Welches Modell präferieren Sie?

Walz-Pawlita: Die duale Direktausbildung hätte den großen Vorteil, dass der zweite Ausbildungsabschnitt an den Instituten bliebe und weiter der Regelungshoheit des Bundes unterläge. Die gut entwickelte Struktur der Ausbildungsstätten könnte beibehalten werden. Die Ambulanzen könnten dann ihre Anerkennung nach § 117 SGB V behalten. Das sichert die Finanzierung der erforderlichen Ausbildungsbehandlungen. Wenn die basale Direktausbildung käme, ist die Frage der Finanzierung ganz offen. Es gibt bisher kein Modell, wie die ambulante Weiterbildung mit tariflich bezahlten Weiterbildungsteilnehmern finanziert werden soll – weder bei den Ärzten noch bei den Psychotherapeuten. Daher haben wir die große Sorge, dass diese Einheit von Theorie, supervidierter Praxis und Selbsterfahrung, die wir an den Ausbildungsinstituten haben, in einer Weiterbildungsstruktur nicht zu halten wäre.

Kommen wir noch einmal zurück zur Verfahrensbindung: Die allermeisten Lehrstühle in der klinischen Psychologie sind verhaltenstherapeutisch orientiert. Wie realistisch ist die Forderung, alle Verfahren in einer basalen Direktausbildung zu lehren?

Walz-Pawlita: Es gibt tatsächlich nur noch zwei Lehrstühle von insgesamt 46 innerhalb der Psychologie, die mit Psychoanalytikern besetzt werden: Prof. Cord Benecke in Kassel und Prof. Tilmann Habermas in Frankfurt.

Die Hochschulen müssten über die Approbationsordnung verpflichtet werden, alle Richtlinien-Verfahren, also Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Verfahren theoretisch und auch praktisch durch erfahrene Dozenten zu lehren. Aber auch die bisher sozialrechtlich nicht anerkannten Verfahren, wie systemische Therapie und die humanistischen Verfahren, sollten in die Curricula.

Wie könnte die praktische Ausbildung in ein Hochschulstudium integriert werden?

Walz-Pawlita: Wir haben im Moment eine sehr hohe Qualifizierung mit der Approbation: Die Absolventen haben 600 bis 1 500 Stunden Behandlungserfahrung unter Supervision, Theorieunterricht und die Selbsterfahrung. In den psychoanalytischen Verfahren sind ausbildungsbegleitend mindestens 250 Lehranalysen verpflichtend. Das heißt, sie besitzen ein großes Repertoire und haben viel Zeit, sich auf die Berufstätigkeit vorzubereiten. Im Fall einer Direktausbildung müssten Wege gefunden werden, wie die praktische Ausbildung mit qualifiziertem Lehrpersonal an den Hochschulen eingebunden werden könnte.

Welche Rolle spielt in der Diskussion das Bangen um die wirtschaftliche Existenz der Ausbildungsinstitute?

Walz-Pawlita: Es spielt eine Rolle, aber nicht in dem Sinne von Angst vor Gewinnverlust. Die DGPT hat 56 Ausbildungsinstitute, an denen Psychologen und Ärzte – bei den Ärzten heißt es Weiterbildung – gemeinsam unterrichtet werden. Die meisten Institute sind in Form von gemeinnützigen Vereinen organisiert; vieles wird ehrenamtlich unterrichtet, man darf keine Gewinne erwirtschaften. Auch Einnahmen aus den Ambulanzen werden an die Kandidaten ausgezahlt.

Wenn wir unseren Kandidaten in einer angedachten Weiterbildung ein Gehalt entsprechend den Tarifen von Assistenzärzten zahlen müssten – die Heilberufegesetze schreiben in der Weiterbildung ein Angestelltenverhältnis vor – ich wüsste nicht, wie das gehen soll.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Köhler, hatte vorgeschlagen, solch eine Weiterbildung aus einem Weiterbildungsfonds zu finanzieren, in den auch die Kassen einzahlen . . .

Walz-Pawlita: Ja, aber das sind doch noch weitgehend ungeprüfte Ideen. Unsere Vorbehalte liegen darin begründet, dass wir bei einer basalen Direktausbildung bezüglich der Weiterbildung „die Katze im Sack“ kaufen müssten.

Als Argument für die Direktausbildung wird meist die ordnungspolitische Funktion angeführt, über die sich die aktuellen Probleme, also einheitlicher und qualifizierter Zugang zur Ausbildung und eine angemessene Honorierung, während des praktischen Jahres lösen lassen . . .

Walz-Pawlita: Das BMG hat die Regelungskompetenz für die Ausbildung der Heilberufe, das heißt, das Ministerium könnte das Psychotherapeutengesetz anpassen und beispielsweise eine Bezahlung während des Praxisjahres vorschreiben.

Es gibt viele Vorschläge für eine Reform innerhalb der postgradualen Struktur, sowohl im Forschungsgutachten von 2009 sowie im Common-trunk-Reformkonzept, das die Bundes­psycho­therapeuten­kammer und der Psychotherapeutentag 2010 erarbeitet hatten. In den Wissenschaftsministerien der Bundesländer existieren darüber hinaus Modelle, wie man den Zugang zur Ausbildung auf Master-Niveau vereinheitlichen könnte, zum Beispiel indem bereits bei der Akkreditierung eines Masterstudiengangs die Zugangsmöglichkeit in die Ausbildung bescheinigt wird.

Was denken Sie, ist die Motivation des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, diese Konzepte zu ignorieren und die Direktausbildung voranzutreiben?

Walz-Pawlita: Ich glaube, es gibt sehr viele Interessen, die im Moment auf Veränderungen des Psychotherapeutengesetzes einwirken. Neben der notwendigen Vergütung für Psychotherapeuten in Ausbildung gibt es sicherlich die Hoffnung, dadurch per Gesetz wieder Hochschullehrer zu bekommen, die nicht nur behaviorale Verfahren vertreten. Kollegen in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie – Hochschullehrer – wiederum, sehen die Verfahrensbindung als Bremse. Sie wünschen sich im Fall einer Direktausbildung, dass die Spielräume für die Entwicklung nicht erprobter Therapieverfahren wachsen würden und man sich in den Patientenbehandlungen der Forschungs-/Hochschulambulanzen endlich von den Vorgaben des Wissenschaftlichen Beirats und des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses frei machen könnte. Viele hätten gerne eine „wissenschaftlich begründete Psychotherapie“. Die gibt es aber nicht, denn alle evidenzbasierten Studien in der Psychotherapie sind verfahrensbezogen.

Welche Rolle spielt - im Falle der basalen Direktausbildung - das Alter der Absolventen für die Qualität der Patientenbehandlung? Einige könnten bereits mit 23 Jahren approbiert sein.

Walz-Pawlita: Die Güte von Therapeuten ist nicht altersbedingt oder erfahrungsbedingt vorhersagbar. Es gibt gute und schlechte Psychotherapeuten aller Altersstufen und man weiß noch nicht genau, woran es liegt.

Dennoch, wenn man selbst in eine Krise gerät und einen Therapeuten braucht, sucht man sich wahrscheinlich jemanden, der eine entsprechende Lebenserfahrung hat . . . Man sollte dem Alter keine ganz entscheidende Rolle zuschieben, aber wünschenswert ist sicher, dass ein Psychotherapeut sich Zeit für eine gewisse Lebens- und Selbsterfahrung nehmen konnte. Im Unterschied zum Studium ist die Psychotherapieausbildung ein auch innerer Bildungsprozess, der im besten Fall die gesamte Persönlichkeit bewegt.

Unter den 3 200 Mitgliedern der DGPT sind ein Drittel Ärzte. Die Bundes­ärzte­kammer spricht sich deutlich gegen eine Direktausbildung aus. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer ist noch offen. Welche Rolle spielt das für die Positionierung in Ihrem Verband?

Walz-Pawlita: In unserem gemischten Verband würde eine basale Direktausbildung die Entwicklung der ärztlichen und der psychologischen Psychotherapie auseinander bringen. Es besteht die Befürchtung, dass noch mehr Abiturienten, die vielleicht Psychotherapeut werden wollen, direkt einen solchen spezialisierten Studiengang wählen, mit dem sie früh – auch ohne Weiterbildung – auf den Arbeitsmarkt können. Dagegen kommen ärztliche Psychotherapeuten nach einem breiten Medizinstudium über den Weg der Weiterbildung an Kliniken und Instituten in den Beruf. Sie kommen also mit einem ganz anderen Hintergrund der Selbst- und Lebenserfahrung in die Psychotherapie.

Was wäre denn als Alternative denkbar?

Walz-Pawlita: Am liebsten wäre uns, wenn die Hochschulen ihre Kernkompetenz in der wissenschaftlichen Ausbildung der Studenten sehen und psychotherapeutische Grundlagenkenntnisse aus verschiedenen Wissensgebieten vermitteln und wenn die praktische Berufsausbildung da bliebe, wo sie jetzt bereits verankert ist – in den Instituten.

Vorstellbar wäre ein Modell, das verschiedenste Grundwissenschaften bis zum Bachelor vermittelt und dann absolvieren die, die Psychotherapeut werden wollen, entsprechende Masterstudiengänge. Diese könnten aber keinesfalls so bleiben wie die derzeitigen Studiengänge in klinischer Psychologie: Sie müssten länger sein und auch eine ausreichende verfahrensbezogene Praxis mit entsprechendem Lehrpersonal vorsehen. Sie könnten durchaus auch an anderen als den psychologischen Studiengängen angesiedelt sein. Prof. Beutel in Mainz hat zum Beispiel einen Modellstudiengang „Psychosomatische Psychotherapie“ innerhalb des medizinischen Fachbereichs entwickelt, der den Schwerpunkt auf die Verschränkung von stationärer und ambulanter Behandlungserfahrung legt. Solche Modelle sind wichtig, um im Falle der Direktausbildung breit, von verschiedenen Grundwissenschaften aus, zu denken.

Was erwarten Sie vom nächsten Psychotherapeutentag im November?

Walz-Pawlita: Erregte Gemüter erwarte ich, hohe Adrenalinkonzentration und schwierige Auseinandersetzungen . . .

Wird es zu einer Entscheidung kommen können?

Walz-Pawlita: Es muss Raum für Diskussionen geben und dafür brauchen wir Zeit. Ich glaube, die große Schwierigkeit wird sein, einen Entscheidungsprozess hinzubekommen, der andere Meinungen nicht hinweg fegt. Auf der anderen Seite ist auch eine große Spaltung denkbar: Das schlimmste wären Abstimmungsergebnisse von beispielsweise 48 zu 52. Wenn also eine große Gruppe die Entscheidung nicht mittragen könnte.

Wir haben wirklich Sorge, dass eine in ihren Folgen noch nicht absehbare Entscheidung die Psychotherapeutenschaft und auch die Verbände zerreißen könnte.

Die Fragen stellte Petra Bühring

Zur Person

Die Psychoanalytikerin Susanne Walz-Pawlita (57) lebt und arbeitet in eigener Praxis in Gießen. Sie ist dort auch als Dozentin und Supervisorin am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie (Deutsche Psychoanalytische Vereinigung) tätig. Walz-Pawlita studierte Psychologie in Gießen. Von 2006 bis 2013 war sie Beisitzerin im Vorstand der Landespsychotherapeutenkammer Hessen. Seit 2013 ist sie die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews