ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2014Ausbildung: Wenig belastbar
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So sehr ich es begrüßen würde, wenn Ausbildungskandidaten für Psychotherapie in künftigen Zeiten nicht mehr mit diesen immensen Ausbildungskosten und anderen Stolperfallen (Stundenkontingente, zu wenig Praktikumsplätze et cetera) belastet würden, so wenig befriedigt mich die Einseitigkeit und vor allem Oberflächlichkeit der jetzigen Diskussion um die Direktausbildung; dafür, dass wir Psychotherapeuten sind, beschäftigen wir uns hier viel zu wenig mit der Psyche und ausschließlich mit Formalem. Jetzt werden ja bereits die Lehrpläne für die universitäre Ausbildung festgeklopft – in bewährter anything-goes-Manier, wie zuletzt im Organ der PTK zu lesen. Das mutet mich an, als gebe man einem Verkaufswagen schon Politur und letzten Schliff, ohne nachzusehen, ob der Motor überhaupt läuft.

Bevor wir uns also in die Welt der Module und Unterrichtseinheiten begeben, muss lobend angemerkt werden, dass das Thema „persönliche Reife der Kandidaten“ schon einige Male zumindest andiskutiert worden ist. Man versuchte sich auch – ansatzweise – in die Situation eines mittelalten Patienten hineinzuversetzen, der in einer schweren Krise mit einem Mittzwanziger-Therapeuten konfrontiert ist, dieser noch ohne jede Erfahrung mit Berufstätigkeit, Alltagszermürbung, längerer Partnerschaft und Elternschaft. Zum Ausgleich mit einem gerüttelt Maß an Techniken im Gepäck, die dann immer mehr werden – auf der Uni müssen ja auch Upgrades erworben werden.

Demgegenüber steht die Beobachtung vieler Lehrtherapeuten und Supervisoren über eine zunehmend geringere Belastbarkeit der Ausbildungskandidaten – beobachtbar etwa ab der Jahrgänge 1975 – die viel Empathie und Einfühlungsvermögen für Patienten mitbringen, aber auch stärker „mit-leiden“ und belastende Situationen im Patientenkontakt schlechter ertragen, sich weniger abgrenzen können beziehungsweise mit Symptombildungen (Alpträume, Schlafstörungen) reagieren, während ältere Therapeutengenerationen, die noch unter dem Diktat der „schwarzen Pädagogik“ der Kriegs- und Nachkriegszeit groß wurden, hier eine etwas dickere Haut mit einbringen. Deutlich wird dies auch in Seminaren bei Filmdarstellungen zum Thema Gewalt, Selbstverletzung et cetera, in denen es zu Schutz- und Abwehrverhalten kommt im Sinne eines „Warum-muss-ich-mir-das-ansehen, warum-mutet-man-mir-so-etwas-zu?“ Ärztliche Therapeuten sind hier naturgemäß etwas robuster, aber auch nicht immer. (...)

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Es entsteht eine immer sensibler werdende Therapeutengeneration, die sich angesichts einer immer sadistischer und brachialer werdenden Welt zunehmend von diesen Manifestationen zurückzieht. Verständlich, aber: Was auf diese Generation wartet, ist ein Klientel von Opfern dieser Grausamkeiten, Opfer schulischer und virtueller Gewalt, Migranten aus Kriegsgebieten und deren Kinder, Opfer institutionalisierter sexueller Gewalt, Folteropfer, also zunehmend schwerer traumatisierter Patienten, gegenüber einer zunehmend jünger und behüteter aufgewachsenen Therapeutengeneration, die ihrem eigenen Kopfkino dann nicht mehr gewachsen ist, weil sie es nicht abschalten kann wie ihren Fernseher. (...)

Liebe Kollegin, lieber Kollege, denken Sie doch mal daran, wie Sie selbst mit 22 Jahren gewesen sind! Wenig Realitätsbezug? (Genau!). Unreflektiertes Rebellieren gegen das Elternhaus? (Jajaja!). Unrealistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten? (Aber hallo!). Generelle Unsicherheit? (Hm!). Chronische Beziehungskrisen? (Hihi!). Und man hätte kranke Leute auf Sie losgelassen oder auch umgekehrt? Na?? Naaaaa? Genau, sehr richtig, einverstanden!!

Dipl.-Psych. Ursula Mayr, Ludwig-Ganghofer-Straße 1a, 83236 Übersee am Chiemsee

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