ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2014Randnotiz: Der freie Wille existiert

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Randnotiz: Der freie Wille existiert

Dtsch Arztebl 2014; 111(33-34): A-1391 / B-1199 / C-1143

Klinkhammer, Gisela

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Hat der Mensch einen freien Willen? Über diese Frage diskutieren Theologen, Philosophen und Neurowissenschaftler seit Jahrhunderten. Eine heftige Debatte hatte vor allem der US-amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet ausgelöst. Er fand im Jahr 1979 heraus, dass im Gehirn unbewusste Prozesse ablaufen, die vor der Wahrnehmung liegen. Seine Erkenntnisse beflügelten die Zweifel am freien Willen. Jetzt hat sich anlässlich ihres diesjährigen Kongresses die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung erneut mit dem Thema befasst.

Untersuchungen mit Hilfe funktioneller Kernspintomographie konnten zeigen, „dass Hirnaktivität bereits bis zu zehn Sekunden vor einer bewusst werdenden Entscheidung in Kontrollzentren des Gehirns zu erkennen ist,“ berichtet Prof. Dr. med. Ulf Ziemann, Tübingen. „Wir wissen heute, dass sich unser Gehirn ständig parallel mit unzähligen Prozessen beschäftigt, von denen nur wenige unser Bewusstsein je erreichen oder uns sehr spät, kurz vor oder sogar erst nach dem Zeitpunkt der Handlung bewusst werden.“ Die Existenz des freien Willens ist indes für Ziemann unstrittig. „Einen freien Willen hätten wir nur dann nicht, wenn das Gehirn die Entscheidung trifft und nicht wir. Wenn wir aber davon ausgehen, das keine Trennung zwischen Gehirn und Geist existiert, dann ist es unser Gehirn, das freien Willens Entscheidungen trifft, also wir.“ Dass Neurophysiologen den freien Willen nicht als Illusion bezeichnen, ist wohl eine beruhigende Erkenntnis, stellt sich doch die Frage, ob sich moralische Kategorien wie Schuld, Verantwortung und Gewissen letztendlich ohne ihn erklären und aufrechterhalten lassen.

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