szmtag Interview mit Dr. med. Regina Klakow-Franck, Unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA): „Qualität hängt von vielen Faktoren ab“
ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2014Interview mit Dr. med. Regina Klakow-Franck, Unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA): „Qualität hängt von vielen Faktoren ab“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Regina Klakow-Franck, Unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA): „Qualität hängt von vielen Faktoren ab“

Gerst, Thomas; Flintrop, Jens

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Leitet die Ausschüsse Qualitätssicherung, Disease-Management-Programme und Ambulante spezialfachärztliche Versorgung beim GBA: Regina Klakow-Franck. Foto: G-BA
Leitet die Ausschüsse Qualitätssicherung, Disease-Management-Programme und Ambulante spezial­fach­ärztliche Versorgung beim GBA: Regina Klakow-Franck. Foto: G-BA

Es gebe einen Zusammenhang zwischen Menge und Qualität, sagt Regina Klakow-Franck. Es sei aber schwierig, Schwellenwerte zu ermitteln, ab denen nachweislich ein Qualitätssprung auftritt.

Zwei Studien im medizinisch-wissenschaftlichen Teil dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes kommen zu dem Ergebnis, dass sich viele Krankenhäuser nicht an die Mindestmengenvorgaben halten, dass sich im Versorgungsgeschehen, dort wo es Mindestmengen gibt, wenig verändert hat.

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Regina Klakow-Franck: So pauschal kann man das nach meiner Auffassung nicht sagen. In der Studie von Geraedts wird ja festgestellt, dass der Konzentrationsgrad je nach Leistung sehr unterschiedlich ist: Bei Nieren- und Lebertransplantationen, aber auch bei Knie-TEPs liegt ein hoher Grad erfüllter Mindestmengen und damit Zentralisierung vor. Anders ist es bei komplexen Eingriffen am Ösophagus oder am Pankreas. In diese beiden Leistungsbereiche fließen unterschiedliche Eingriffe an dem jeweiligen Organ mit ein, so dass man nicht ausschließen kann, dass kleinere Eingriffe, die strenggenommen nicht als komplexe Eingriffe zu bezeichnen sind, mitgezählt werden und eben auch von Krankenhäusern erbracht werden, die die Mindestmengen nicht erreichen.

Es ist also alles gut nach Ihrer Einschätzung?

Klakow-Franck: Mindestmengen sollen dazu beitragen, bei komplexen Leistungen die Risiken der Behandlung zu minimieren. Insofern sind Mindestmengenfestlegungen grundsätzlich richtig. Die beiden vorliegenden Studien haben ausschließlich untersucht, ob Mindestmengen erreicht werden beziehungsweise ob die Mindestmengen-Regelungen dazu beigetragen haben, dass Leistungen nur in solchen Krankenhäusern erbracht werden, die diese Mindestmengen erreichen. Die im Einzelnen erreichte Qualität der Leistungen – gar im Vergleich zwischen Krankenhäusern unterhalb und oberhalb der jeweiligen Mindestmenge – wurde nicht untersucht. Auch wenn das Erreichen von Mindestmengen eine gute Qualität verspricht, darf man einen Konzentrationsprozess nicht automatisch mit einer Qualitätsverbesserung gleichsetzen.

Was halten Sie von Sanktionsmöglichkeiten bei Krankenhäusern, die Mindestmengenvorgaben ignorieren?

Klakow-Franck: Statt nachträglich zu sanktionieren, sollte man erst einmal alles daran setzen, dass hochkomplexe, risikobehaftete Eingriffe – sofern sie elektiv sind – nur dort erbracht werden, wo die erforderlichen Strukturqualitätsanforderungen insbesondere an qualifiziertes Personal erfüllt sind.

Sehr nachdrücklich scheint der G-BA aber nicht auf die Einhaltung der Mindestmengen zu drängen.

Klakow-Franck: Nein, das stimmt nicht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Menge und Qualität. Es ist aber sehr schwierig, Schwellenwerte zu ermitteln, ab denen nachweislich ein Qualitätssprung auftritt. Aus der externen stationären Qualitätssicherung wissen wir, dass manche Krankenhäuser eine gute Ergebnisqualität durchaus auch ohne Erreichen der Mindestmenge erzielen, weil sie entsprechend in Struktur- und Prozessqualität investieren, und dass auf der anderen Seite die Qualität wieder abnehmen kann, wenn eine kritische Höchstmenge überschritten wird. Die Qualität medizinischer Versorgung hängt nun einmal von vielen Faktoren ab. Wenn sich der G-BA nach einem sorgfältigen Abwägungsprozess für eine definierte Mindestmenge bei einer bestimmten Leistung entschlossen hat, dann sollte sie auch eingehalten werden.

Glauben Sie, dass die beiden Studien die Diskussionen noch einmal neu entfachen werden?

Klakow-Franck: Auch ohne die beiden Studien sieht der Koalitionsvertrag ja vor, dass Mindestmengen rechtssicher gemacht und die Erfüllung von Struktur- und Prozessqualitätsanforderungen stärker überprüft werden sollen. Allerdings sollten wir hierbei aufpassen, dass das Verständnis von Qualitätssicherung insgesamt nicht in Richtung „Qualitätspolizei“ verkümmert.

Das Interview führten Thomas Gerst
und Jens Flintrop

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