ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2014Telemedizinprojekt: Den Patienten als aktiven Partner gewinnen

TECHNIK

Telemedizinprojekt: Den Patienten als aktiven Partner gewinnen

Dtsch Arztebl 2014; 111(33-34): A-1430 / B-1234 / C-1174

Meister, Sven; Erbel, Raimund; Becker, Stefan

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Im Projekt „iHerz“ wird eine Versorgungsinfrastruktur für Herzpatienten aufgebaut, in der elektronische Fallakten und Patienten-Apps zur Betreuung des Patienten kombiniert werden.

Kardiovaskuläre Erkrankungen zählen zu den wichtigsten Ursachen für Morbidität und Mortalität und sind maßgebliche Treiber steigender Kosten in den Gesundheitssystemen der westlichen Welt (1, 2). Entscheidenden Einfluss auf die primäre und sekundäre Prävention solcher Erkrankungen haben lebensstiländernde Maßnahmen, Therapieadhärenz und die Dokumentation von Vitalparametern (3). Dabei ist es, beispielsweise nach einem Myokardinfarkt, nicht immer einfach, die Patienten für eine andauernde Therapieadhärenz und nachhaltige Veränderung des Lebensstils zu gewinnen – gerade wenn diese sich über lange Zeit hinweg schlecht ernährt und zu wenig bewegt haben. Darüber hinaus wird das Therapiemanagement oftmals durch Haus- und Fachärzte sowohl ambulant als auch stationär durchgeführt. Hier ist neben der notwendigen Arzt-Patienten-Kommunikation eine optimale intersektorale Zusammenarbeit für den Therapieerfolg entscheidend.

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Vielfältige Probleme im Alltag

Im Alltag ergeben sich dabei jedoch häufig Probleme: Einerseits sind bei den immer kürzer werdenden Liegezeiten im stationären Sektor zeitnahe und umfassende Informationen zu Befunden, Diagnosen und Therapiekonzepten für die ambulante Weiterversorgung wichtig, die aber nicht immer zur Verfügung stehen. Andererseits können Übertragungsfehler oder verzögerte Übermittlung auf allen Seiten bei der Medikation zu Missverständnissen führen.

Eine Systemlösung, die alle angeführten Erfordernisse umfasst, geht über die Möglichkeiten der bisherigen ambulanten Versorgung hinaus. „Mobile Computing“, das verschiedene Formen von Mobilkommunikation einschließt und einer der aktuell wichtigsten technologischen Trends ist, könnte die Grundlage für einen vielversprechenden Ansatz bei der Versorgung chronisch kranker Patienten bilden.

Weltweit haben mittlerweile mehr als eine Milliarde Menschen Zugriff auf eine solche Technologie, zu der Smartphones und Tablet-Computer gehören: In Deutschland sind es rund 40 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren (Bitkom 2014). Die neuen Geräte ermöglichen es den Nutzern, über das Internet kostenfreie und kostenpflichtige Programme (Applikationen/Apps) für verschiedene Betriebssysteme herunterzuladen. Die Nutzer können Apps überall und jederzeit bei der Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben einsetzen.

Inzwischen sind auch zahlreiche mobile, gesundheitsbezogene Applikationen für Patienten in den verschiedenen Download-Plattformen (AppStores) wie iTunes oder Google Play erhältlich. Die Ergebnisse aktueller Studien zu solchen Interventionen sind teilweise vielversprechend, allerdings besteht häufig das Problem, dass solche Systeme bisher nur schlecht in die reguläre Gesundheitsversorgung zu integrieren sind (5).

Modulare Infrastruktur

Hier setzt die Infrastrukturplattform „iHerz“ an, die das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) zusammen mit dem Universitätsklinikum Essen (Prof. Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel) entwickelt hat und die durch die Kulturstiftung Essen finanziert worden ist. Ziel ist es, neue E-Health-Instrumente in die reguläre Krankenversorgung zu integrieren. Auf Basis der elektronischen Fallakte (EFA) sollen den behandelnden Akteuren Informationen bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt werden. Dabei soll durch etablierte Verschlüsselungstechniken und ein tokenbasiertes Berechtigungssystem ein hohes Maß an Datenschutz und Datensicherheit bei der Übertragung und Speicherung der medizinischen Daten gewährleistet werden.

Die EFA ist eine offene Spezifikation, die eine strukturierte Sicht auf sämtliche Dokumente ermöglicht, die zu einem medizinischen Fall eines Patienten verfügbar sind. So können sich die beteiligten Ärzte, unabhängig davon, welche Krankenhaus- oder Praxisinformationssysteme genutzt werden, stets einen aktuellen Überblick über den bisherigen Behandlungsverlauf verschaffen. Für den Inhalt der Dokumente in der EFA und deren Vollständigkeit sind die Ärzte selbst verantwortlich. Der Verein Elektronische FallAkte e.V. betreut die perspektivische Weiterentwicklung der bestehenden Konzepte.

Begleitet durch den Leitgedanken „Patient als Partner“, erfolgt darüber hinaus eine Vernetzung, die auch die Patienten mit einbezieht: Die „iHerz“-App soll eine aktive Partizipation am therapeutischen Prozess erleichtern. Das Projekt ist dabei insbesondere auf die Arzneitherapie fokussiert: Die „iHerz“-Infrastruktur fungiert als Bindeglied zwischen den behandelnden Ärzten und dem Patienten.

Zwei wesentliche Komponenten unterstützen die Kommunikation: das Partnerportal und die „iHerz“-App. Die App ist die Schnittstelle des Patienten zur „iHerz“-Infrastruktur und unterstützt eine direkte Rückkopplung zwischen Arzt und Patient. Im Vordergrund stehen der individuelle Medikationsplan und die im Verlauf durch unterschiedliche Ärzte vorgenommenen Änderungen. Der zugrunde liegende Therapieplan kann aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS) über die EFA importiert oder über ein Webportal erstellt werden. Eine Änderung der Medikation führt nach Freigabe durch einen Arzt zu einer versionierten Ablage in der EFA sowie einer Übertragung zur „iHerz-App“ des Patienten. Erinnerungs- und Bewertungsfunktionen sollen den Patienten bei der Einnahme unterstützen. Zudem kann dieser seine Vitalparameter, wie etwa Blutdruck oder auch die aktuelle Stimmung, dokumentieren.

Den Ärzten steht zum Zugriff auf die Infrastruktur das „iHerz“-Webportal zur Verfügung. Hierüber ist ein schneller Abruf der fallbezogenen medizinischen Dokumente möglich. Dies umfasst neben dem Medikationsmanagement auch die Visualisierung dokumentierter Vitalwerte und die Bewertung der Medikamenteneinnahme. Ein Import aus dem KIS über die EFA ist ebenso möglich wie die direkte Erstellung im Webportal.

Ergebnisse aus der eigenen Arbeitsgruppe und von anderen Autoren deuten darauf hin, dass mobile Applikationen und SMS-Systeme zur Unterstützung der Arzneitherapie bereits erfolgreich bei Patienten eingesetzt werden und die Adhärenz verbessern können (6). Allerdings ist die Integration solcher Technologie in die ärztliche Behandlung aus verschiedenen Gründen wichtig: So ist zum Beispiel die Mehrfachdokumentation der Arzneitherapie in unterschiedlichen Primärsystemen anfällig für Übertragungsfehler. Außerdem wird die Akzeptanz des Patienten durch die Einbeziehung solcher Instrumente in die ärztliche Behandlung entscheidend verbessert (7). Und auch für den Arzt muss der Mehraufwand überschaubar sein, um eine Akzeptanz der neuen Technologie sicherzustellen. Die innovative „iHerz“-Infrastruktur soll daher sowohl in den Arbeitsablauf des Arztes als auch die bestehenden IT-Systeme integrierbar sein.

Ausblick

Das Projekt „iHerz“ wird derzeit für den Rollout vorbereitet und soll im Rahmen einer ersten Evaluation im Hinblick auf seine Akzeptanz sowohl bei den Ärzten als auch bei den Patienten bewertet werden. Darüber hinaus soll die Infrastruktur in weiteren Szenarien, etwa in der hausärztlichen Versorgung, in der Transplantationsmedizin und im Rehabilitationsbereich, eingesetzt werden. Ferner können Funktionsmodule, die bei Verhaltensänderungen unterstützen sollen (Essgewohnheiten oder Bewegung), modular ergänzt werden. Perspektivisch sollen automatisierte Verarbeitungsroutinen nach relevanten Mustern innerhalb der Vitalwertverläufe suchen, um zur richtigen Zeit entscheidungsunterstützende Informationen und Hinweise innerhalb des „iHerz“-Webportals anzuzeigen (8, 9).

Dr. rer. nat. Sven Meister
Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST, Dortmund

Prof. Dr. med. Raimund Erbel
Klinik für Kardiologie, Westdeutsches Herzzentrum Essen, Universitätsklinikum Essen, Essen

Dr. med. Stefan Becker
Institut für Arzneitherapiesicherheit gGmbH, Universitätsklinikum Essen, Essen

Anschrift für die Verfasser: Dr. med. Stefan Becker, M.B.A., Institut für Arzneitherapiesicherheit gGmbH,
Universitätsklinikum Essen, Hufelandstraße 55, 45122 Essen, stefan.becker@uk-essen.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3314
oder über QR-Code

1.
Roger V, Go AS, Lloyd-Jones DM, et al. 2012. American Heart Association Statistics Committee and Stroke Statistics Subcommittee. Executive summary: heart disease and stroke statistics–2012 update: a report from the American Heart Association. Circulation 2012;125(1):188–97. CrossRef MEDLINE
2.
Rosamond W, Flegal K, Furie K, et al. 2008. Heart disease and stroke statistics–2008 update: a report from the American Heart Association Statistics Committee and Stroke Statistics Subcommittee, Circulation. Circulation 2008; 117: e25–146. MEDLINE
3.
Colkesen E, Niessen MA, Peek N, et al. 2011. Initiation of health-behaviour change among employees participating in a web-based health risk assessment with tailored feedback. J Occup Med Toxicol 2011; 65. CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
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5.
Becker S, Miron-Shatz T, Schumacher N, Krocza J, Diamantidis C, Albrecht UV, 2014. mHealth 2.0: Experiences, Possibilities, and Perspectives. JMIR mHealth uHealth 2014; 2(2): e24 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.
Diamantidis C J & Becker S, 2014. Health information technology (IT) to improve the care of patients with chronic kidney disease (CKD). BMC Nephrol; 15: 7. CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Becker S, Kribben A, Meister S, Diamantidis C J, Unger N & Mitchell A, 2013. User Profiles of a Smartphone Application to Support Drug Adherence — Experiences from the iNephro Project. PLoS ONE 8(10): e78547. doi: 10.1371/journal.pone.0078547. CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
Meister S & Deiters W, 2014. Information Logistics Solutions to Cope with Big Data Challenges in AAL and Telemedicine. In Lecture Notes in Computer Science.
9.
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