ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2014Versorgungsstrukturgesetz: Gegen den Ärztemangel

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Versorgungsstrukturgesetz: Gegen den Ärztemangel

Osterloh, Falk

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Vor zweieinhalb Jahren trat das Versorgungsstrukturgesetz in Kraft. Ziel der Politik war es unter anderem, mehr Ärzte für eine Arbeit auf dem Land zu gewinnen. Was ist seither geschehen? Eine Bilanz

In Jessen arbeiten sechs Hausärzte – in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Kluge haben zwei dieser Ärzte das Rentenalter erreicht. Foto: Panaoramo
In Jessen arbeiten sechs Hausärzte – in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Kluge haben zwei dieser Ärzte das Rentenalter erreicht. Foto: Panaoramo

Dr. med. Joachim Kluge ist ein vielbeschäftigter Arzt. Gemeinsam mit seinem Sohn Stefan und seiner Kollegin Dr. med. Gisela Fröbe arbeitet er in einer Gemeinschaftspraxis im sachsen-anhaltinischen Jessen, einem Ort mit 14 000 Einwohnern im Landkreis Wittenberg. Jessen ist die zehntgrößte Gemeinde Deutschlands, das Einzugsgebiet weitläufig, zusammen machen die drei Hausärzte weit über 3 000 Scheine im Quartal.

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Im Landkreis Wittenberg ist die Hausarztdichte nicht sehr hoch. Deshalb schiebt Joachim Kluge den Beginn seines Ruhestands Jahr um Jahr nach hinten. Eigentlich wollte er vor vier Jahren in Rente gehen. Bei der Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt hat er die Praxis vorgestellt, über Vermittlungsstellen einen Nachfolger gesucht. Ohne Erfolg. Heute ist Kluge 74 Jahre alt. Er weiß: Wenn er aufhört, wird er eine Lücke hinterlassen, die nur schwer zu füllen sein wird. Und seine Kollegin Gisela Fröbe hat das Rentenalter mit 66 Jahren ebenfalls bereits erreicht. Er möchte seine Patienten gut versorgt wissen, wenn er in den Ruhestand geht. Aber „irgendwann werde auch ich aufhören – auch, wenn wir die Stelle nicht nachbesetzen können“, sagt er.

Kommunen sind aktiver

Trotz Warnungen der Ärzteschaft hat die Politik den drohenden Ärztemangel jahrelang ignoriert. Mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz (VStG) unternahm die schwarz-gelbe Koalition im Jahr 2011 dann den Versuch, der Unterversorgung entgegenzuwirken. Mit Honorarzuschlägen, dem Wegfall von Abstaffelungen oder einem neuen Anreiz für KVen, Eigeneinrichtungen zu gründen, sollten insbesondere Hausärzte aufs Land gelockt werden. Zweieinhalb Jahre ist das VStG nun in Kraft. Hat sich die Lage verbessert?

„Ja“, findet Dr. med. Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer und im Vorstand der Bundesärztekammer mit zuständig für die ambulante Versorgung. „Wichtig war zum Beispiel die Abschaffung der Residenzpflicht und die Stärkung von Kooperationsmöglichkeiten.“ Dies sei dem Wunsch vieler junger Ärzte entgegengekommen, auch im ambulanten Bereich angestellt oder in Teilzeit arbeiten zu können. „Außerdem hat das Gesetz das Problembewusstsein der Kommunen gestärkt“, sagt Kaplan. Diese stellten zunehmend Immobilien zur Verfügung und versuchten, Kindertagesstätten einzurichten oder den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern, damit die Patienten leichter die Praxen aufsuchen können.

Als angestellter Arzt erhofft sich Höllger mehr Zeit für seine Patienten. Foto: pirvat
Als angestellter Arzt erhofft sich Höllger mehr Zeit für seine Patienten. Foto: pirvat

„Das VStG hat viele Grundlagen gelegt, um die hohe Qualität der
ambulanten Versorgung zu erhalten und weiterzuentwickeln“, sagt auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen. Ein Beispiel sei die Neuordnung der Bedarfsplanung, die zu mehr als 2 000 neuen Niederlassungsmöglichkeiten geführt habe. „Durch eine bessere Planung allein kommen jedoch nicht automatisch mehr Ärzte in die unterversorgten Regionen“, betont Gassen. „Den Ärztemangel zu bekämpfen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich die KBV unter anderem mit ihrer Imagekampagne stellt, mit der sie Medizinstudierende für die Niederlassung gewinnen will.“ Man dürfe aber nicht erwarten, dass sich die Situation in wenigen Jahren grundlegend verbessern werde. Entscheidend sei, dass es auch ein klares Bekenntnis zur Niederlassung gebe. Dies müsse auch die langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit der Praxen betreffen. „Eine Benachteiligung der möglichen Einkommenssituation gegenüber dem Krankenhaus ist hier kontraproduktiv“, warnt Gassen.

Stabilisierende Maßnahmen

Die KV Sachsen-Anhalt versucht nicht erst seit 2011, die richtigen Anreize für eine Niederlassung in ländlichen Regionen zu setzen. Seit 1994 werden hier zum Beispiel die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin sowie ambulante Famulaturzeiten gefördert, seit 1996 gibt es Mindestumsatzgarantien für Sicherstellungspraxen, seit 2006 Sicherstellungszuschläge. 2010 wurde zudem ein Stipendienprogramm gemeinsam mit dem Land und der AOK Sachsen-Anhalt für Studenten ins Leben gerufen, die sich dazu verpflichten, nach ihrer Weiterbildung in Sachsen-Anhalt zu arbeiten. Seither wurden 46 Stipendien vergeben (zu einem ähnlichen Projekt in Thüringen siehe Artikel „Erste niedergelassene Stipendiaten“ in diesem Heft).

Das VStG hat den KVen die Möglichkeit eröffnet, einen Strukturfonds einzurichten, in den jährlich 0,1 Prozent der morbiditätsbedingten Gesamtvergütungen fließen – hinzu kommt derselbe Betrag von den Kassen. Seitdem bezahlt die KV Sachsen-Anhalt aus diesem Fonds unter anderem ihr Stipendienprogramm sowie zwei Vollzeitstellen pro Jahr für die Weiterbildung zum Augen- und Hautarzt. „Durch die Sicherstellungszuschläge und Mindestumsatzgarantien konnten wir seit 2003 die Niederlassung von 92 Haus- und Fachärzten in drohend unterversorgten beziehungsweise unterversorgten Planungsbereichen unterstützen“, erklärt der Vorstandsvorsitzende der KV, Dr. med. Burkhard John. Für die Stipendienprogramme ließen sich derzeit noch keine konkreten Aussagen treffen. Durch alle getroffenen Maßnahmen habe die Anzahl der Hausärzte im Land seit 2011 in jedem Fall stabilisiert werden können. Entwarnung gibt es in Sachsen-Anhalt dennoch nicht. Denn im Land sind 165,5 Hausarztstellen nicht besetzt. Laut einer Prognose des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) werden es im Jahr 2025 etwa 825 Stellen sein.

In Niedersachsen sieht die Situa-tion nicht besser aus. Hier sind 357 Hausarztsitze frei. Die Tendenz ist jedoch erfreulich. Denn: „Im vergangenen Jahr waren es noch 391“, erzählt der Vorstandsvorsitzende der KV Niedersachsen, Mark Barjenbruch. Auch in Niedersachen hat die KV viel unternommen, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken: von Patenschaften zwischen Arztpraxen und Medizinstudenten über eine finanzielle Förderung der Studierenden, die ihr praktisches Jahr in einer Hausarztpraxis absolvieren, bis zu einer Förderung für Praxisgründungen mit bis zu 50 000 Euro.

Zudem hat die KV in dem emsländischen 7 000-Einwohner-Ort Sögel eine Eigeneinrichtung gegründet, nachdem mit dem VStG klargestellt wurde, dass die in Eigeneinrichtungen erbrachten Leistungen aus der Gesamtvergütung bezahlt werden und nicht aus den Verwaltungskosten der KVen. In Sögel arbeitet seit einigen Tagen Dr. med. Niels-Christian Höllger (45). Was hat ihn dazu bewogen, sich von der KV anstellen zu lassen? „In der klassischen Hausarztvariante geht viel Zeit für Praxis-Administration und Personalmanagement verloren – Zeit, die für den Patienten fehlt. Hier in Sögel kann ich mich jetzt ganz der eigentlichen Arzt-Tätigkeit widmen“, sagt er. Höllger hat eine klare Vorstellung davon, welche Anreize sinnvoll sind – und welche nicht: „Sinnvoll wäre die Abschaffung der Budgets und der Regresse im Heilmittel- und Arzneimittelbereich.“ Denn gerade in ländlichen Regionen trage der Allgemeinmediziner bei niedriger Facharztdichte ein höheres Regressrisiko. Für weniger sinnvoll hält er ein verpflichtendes praktisches Jahr in der Allgemeinmedizin. Auch „Verlockungen wie vergünstigtes Bauland oder kostenlose Friseurbesuche“, hält er für keine nachhaltigen Anreize.

Nachhaltige Anreize sind die Schlüsselworte. Solche zu setzen, versuchen die KVen seit vielen Jahren; weitere sind durch das VStG hinzugekommen. Dass sie bislang nicht ausreichen, weiß auch die Politik. So hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) angekündigt, im Herbst ein zweites Versorgungsstrukturgesetz auf den Weg zu bringen. Bis alte und neue Anreize greifen, hängt die Versorgung in Deutschland vielerorts an Ärzten wie Joachim Kluge, die ihren Ruhestand hinausschieben, um weiterhin für ihre Patienten da zu sein. Insofern erweist sich eine Maßnahme aus dem Jahr 2006 heute mehr denn je als wirksam – eine Maßnahme allerdings, die die Verantwortung auf die Ärzteschaft abwälzt: Seit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz gibt es in unterversorgten Gebieten keine Altersgrenzen mehr. Nicht nur im sachsen-anhaltinischen Jessen kann auf diese Weise noch die Versorgung aufrechterhalten werden. Ende 2013 war etwa jeder zehnte Hausarzt 66 Jahre oder älter.

Falk Osterloh

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