ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2014Von schräg unten: Brauch’ ich nicht

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Brauch’ ich nicht

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): [92]

Böhmeke, Thomas

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Pssst. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf sie flüsternd bitten, diese Zeilen nur ganz leise zu lesen. Denn wir werden beobachtet. Wir wähnen uns, fleißig von morgens bis abends die Malaisen unserer Schutzbefohlenen kurierend, in einem Kokon der Vertraulichkeit, der unsere Praxis oder Sprechzimmer, unsere Ambulanz oder Arztzimmer umgibt wie die Betonhülle das Atomkraftwerk, wie die Abschirmung den Teilchenbeschleuniger. Ich muss, ganz unter dem Gebot der Heimlichkeit, Ihnen leider zuraunen: Wir wähnen uns, sind aber nicht alleine. Denn wenn wir unsere Rezeptblöcke zücken oder Therapien verordnen, liest die Pharmaindustrie mit. Sie weiß haargenau und frakturscharf, was wir verschreiben. Mehr noch: Ganze Datenbanken werden über uns angelegt, die Auskunft darüber geben, ob wir treu und redlich befolgen, was uns die freundliche Mitarbeiterin des Außendienstes in die Kugelschreiberspitze diktiert oder ob wir zu diesen niederträchtigen Systemverweigerern gehören, welche die Auswüchse ihres eigenen Dickkopfes zum Unwohle der Pharmakonzerne auf Papier, also dem Rezeptblock, gerinnen lassen.

Gerechterweise, weil von schräg unten, muss ich uns aber auf die geballten Wohltaten hinweisen, mit denen uns die Industrie beglückt, um uns zu resynchronisieren: Kugelschreiber mit aufgedruckten Me-Too-Präparatenamen, die uns daran erinnern sollen, nur noch dieses Mittel zu verschreiben. Sozusagen direkt von der Kulihülle auf’s Rezept. An dieser Stelle muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich diese Form der Bandenwerbung noch nie mochte, dass mich ein allergener Reflex ergreift: So was brauch’ ich nicht, weg damit. Post-it-Blöcke, die auf jedem Papierquadrat in schreienden Farben sündhaft teure Präparate mit diskutablem Nutzen anpreisen: Braucht man so was? Ich nicht, das werf’ ich weg. Flyer, auf denen Balkendiagramme und zackelige Kurven suggerieren, dass wir alle hundert Jahre alt werden können, wenn der störrische Doktor nur fleißig verschreiben würde: Kann ich nicht leiden, ab damit in den Papierkorb.

Pssst. Die Pharmaindustrie hält natürlich alle Daten über uns streng geheim. Aber es kommt vor, dass sich jemand aus der Riege der börsennotierten Pillenbranche verplappert. Wie kürzlich in meiner Praxis. „Herr Doktor Böhmeke, unser Betablocker ist einfach besser als all die anderen, das müssen Sie doch endlich einsehen!“ So? Muss ich das? „Können Sie denn nicht lesen, ich habe Ihnen doch die Studien vorgelegt, die das eindeutig belegen!“ Ja, wirklich? Nun, ein Großteil der gepriesenen Vorzüge findet sich auch bei den alternativen Substanzen. „Jetzt hören Sie mir mal gut zu: Sie verschreiben viel zu wenig unseres Präparates!“ Meine Güte, wie kann das denn die Möglichkeit sein, das ist ja eine Tragödie, schier unglaublich! „Sie glauben mir etwa nicht?! Hier, ich zeige Ihnen die Auswertungen! In der Nachbarstadt haben wir schon einen Verschreibungsanteil von fünfzehn Prozent, und Sie verschreiben gerade mal jämmerliche fünf Prozent! Werden in Gladbeck die Patienten so viel schlechter behandelt?“, schreit er mich an. Tja. Den brauch’ ich auch nicht. Der fliegt ’raus.

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Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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