ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2014Mitarbeiterführung: Win-win-Situationen herstellen

ÄRZTESTELLEN

Mitarbeiterführung: Win-win-Situationen herstellen

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): [2]

Madel, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Foto: Fotolia/Ivelin Radkov

Es ist der Beziehung zum Mitarbeiter förderlich, wenn es dem Arzt gelingt, mit ihm partnerschaftliche Win-win-Situationen zu kreieren, bei denen beide Seiten das Gefühl haben, ihre Interessen größtenteils durchgesetzt zu haben.

Die Notwendigkeit, eine Win-win-Situation herbeizuführen, besteht meistens dann, wenn der Arzt und ein Mitarbeiter gegenteilige Ansichten haben. Würde jeder versuchen, seine Ansicht und seine Position durchzuboxen, würde es einen Verlierer geben – und einen Gewinner. Sicherlich gibt es Situationen, in denen genau dieser Ausgang unumgänglich ist. Vielleicht aber lässt sich ein Kompromiss oder gar ein Konsens finden. Es ist zumindest eine Überlegung wert, ob es zur Eskalation nicht auch eine Alternative gibt. Aber Achtung: Ein Kompromiss birgt die Gefahr, sich zu einem „faulen Kompromiss“ zu entwickeln, bei dem einer der Beteiligten oder gar beide Nachteile in Kauf nehmen müssen. Verlierer-Verlierer-Situationen sind die unausweichliche Folge.

Hier hilft das Harvard-Konzept des sachgerechten Verhandelns und des Interessenausgleichs weiter. Es setzt bei den Beteiligten die Bereitschaft voraus, in der konfliktgeladenen Situation den anderen als Partner zu sehen, der lediglich andere Interessen vertritt, die jedoch ebenso legitim sein können wie die eigenen. Diese Denkweise ermöglicht es dem Arzt, die Interessen der anderen Seite verstehend nachzuvollziehen und bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Jedoch: Er verliert dabei nie die eigenen Interessen aus den Augen. Das Motto des sachgerechten Interessenausgleichs lautet: hart und bestimmt in der Sache, weich mit dem Gegenüber.

Anzeige

Konstruktiv auf den Gegenüber eingehen

Zielsetzung ist, sich bei dem Konflikt von dem üblichen Sieger-Verlierer-Schema zu befreien und möglichst zu einer Gewinner-Gewinner-Situation zu gelangen. Um dies zu erreichen, geht der Arzt auf den Verhandlungspartner konstruktiv ein: Er möchte die Interessen des Mitarbeiters und die eigenen Interessen gleichrangig behandeln. Der Arzt sollte über die Bedeutung des Begriffs „Interessen“ reflektieren und sich verdeutlichen, dass es dem Mitarbeiter nicht darum geht, ihm zu schaden. Er möchte lediglich ein Interesse durchsetzen, das ihm am Herzen liegt.

Positionen sind Standpunkte, die wir einnehmen, also Forderungen, Meinungen und Vorschläge. Interessen hingegen sind die Dinge, die wir eigentlich und in Wirklichkeit durchsetzen wollen. Win-win-Lösungen setzen voraus, dass der Arzt die hinter den Positionen verborgenen Interessen entdeckt. Erst dann ist ein Interessenausgleich möglich.

Dazu ein vereinfachtes Beispiel: Ein Mitarbeiter kommt des Öfteren zu spät und ist auf der Arbeit müde und unkonzentriert. Der Arzt könnte ihn zurechtweisen; er will aber eine Lösung finden, die für alle Beteiligten von Vorteil ist.

Er macht sich klar: Es liegt im Interesse der Klinik und des Patienten, wenn der Mitarbeiter voll konzentriert arbeitet. Er beschließt daher, den Mitarbeiter nicht zurechtzuweisen, sondern das konstruktive Gespräch mit ihm zu suchen. So erfährt er, dass sich der Mitarbeiter seit einigen Wochen um seine pflegebedürftige Mutter kümmert – darum die Müdigkeit und die Unkonzentriertheiten. Das Interesse des Mitarbeiters besteht darin, gute Arbeit zu leisten – und der Mutter zu helfen. Nun liegen die Interessen aller Beteiligten auf dem Kliniktisch – und aufgrund der Kenntnis dieser Interessen ist es dem Arzt vielleicht eher möglich, eine Lösung zu entwickeln, die die Interessen der Klinik, des Arztes und des Mitarbeiters und seiner Mutter gleichermaßen berücksichtigt. Zumindest ist es wahrscheinlicher, zu einer Win-win-Lösung zu gelangen – allein deswegen, weil dem Arzt durch die genaue Kenntnis der Situation und ihrer Hintergründe mehrere Handlungsoptionen offenstehen, nicht nur die Zurechtweisung des Mitarbeiters.

Das Konzept stößt an seine Grenzen, wenn der Mitarbeiter den Willen des Arztes zum Interessenausgleich auszunutzen versucht. Der Arzt muss dann überlegen, ob er die Strategie der Härte oder des Nachgebens verfolgen will. Entscheidend ist das Interesse des Arztes am Sachergebnis und an der Beziehungsqualität. Was heißt das?

Wenn das Interesse am Sachergebnis und an der Qualität der Beziehung zum Mitarbeiter schwach ausgeprägt ist, kann der Arzt anders vorgehen, als wenn es umgekehrt ist, er mithin ein hohes Interesse an einem guten Ergebnis und einer stabilen Mitarbeiterbeziehung hat. Wenn es zum Beispiel im Sinne der Patientenorientierung richtig ist, gegenüber dem Mitarbeiter nicht nachzugeben und hart zu bleiben, ist die Beziehung zum Mitarbeiter für den Arzt zweitrangig.

Immer auf der Sachebene bleiben

Ist das Interesse an der guten Mitarbeiterbeziehung und dem Sachergebnis sehr ausgeprägt, sollte der Arzt die Strategie des vorsichtigen Nachgebens in Erwägung ziehen. Wie gesagt: Diese Vorgehensweise ist nur dann notwendig, wenn die Win-win-Ausrichtung am Verhalten des Mitarbeiters scheitert. Win-win-Situationen lassen sich kreieren, wenn das Verhältnis zum Mitarbeiter durch Wertschätzung und Respekt geprägt ist. Das Problem: Wenn dem so ist, sind Strategien, Win-win-Situationen herbeizuführen, unnötig. Sie entstehen durch das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Arzt. Problematisch wird es, wenn persönliche Animositäten in den Fokus rücken – es ist dann so gut wie unmöglich, eine Win-win-Konstellation herzustellen. Der Arzt sollte mit dem Mitarbeiter nur auf der Sachebene kommunizieren. Doch dies ist leichter gesagt als getan.

Zielführend ist in solch einem Fall die Einschaltung einer dritten Person, die als Unbeteiligte eine Konfliktlösung auf den Weg bringt, bei der die Interessen aller gewahrt bleiben. Dieser unbeteiligten Person fällt es meistens leichter, die hinter den Positionen verborgenen Interessen offenzulegen und auf diese Weise wiederum einen Interessenausgleich im Gespräch mit den Beteiligten anzustoßen.

Dr. Michael Madel

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Ärztestellen

Anzeige