ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2014Nahost: Helfer unter Beschuss

POLITIK

Nahost: Helfer unter Beschuss

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): A-1456 / B-1253 / C-1193

Neuber, Harald

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Beim Beschuss des Al-Aqsa-Krankenhauses im Gazastreifen am 21. Juli wurden nach palästinensischen Angaben mehrere Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Aus Israel hieß es, die Hamas missbrauche Krankenhäuser als Basis. Foto: picture alliance
Beim Beschuss des Al-Aqsa-Krankenhauses im Gazastreifen am 21. Juli wurden nach palästinensischen Angaben mehrere Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Aus Israel hieß es, die Hamas missbrauche Krankenhäuser als Basis. Foto: picture alliance

Humanitäre Organisationen und Ärzte stehen im Gazastreifen großen Herausforderungen gegenüber. Oft geraten sie selbst ins Visier der israelischen Armee.

Gut eineinhalb Monate nach Beginn der israelischen Militäroffensive gegen Ziele im Gazastreifen legen die örtlichen Gesundheitsbehörden und internationale Organisationen erschreckende Zahlen vor. Bis Mitte August wurden nach Angaben des UN-Hilfswerks UNRWA knapp 2 000 Menschen getötet. Die meisten Opfer kamen bei Luftangriffen ums Leben, viele sind Zivilisten. Letzteres lässt sich kaum vermeiden: Der Gazastreifen ist mit mehr als 5 000 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Die Folgen führt UNRWA auf: Rund 8 000 Menschen wurden bislang verletzt, gut 210 000 sind auf der Flucht. IDPs heißen diese Menschen, internal displaced persons, also Binnenflüchtlinge. Doch wohin fliehen in einem Gebiet, das mit seinen 360 Quadratkilometern kaum größer ist als Bremen? Opfer gibt es auch auf israelischer Seite: Seit Beginn der Kampfhandlungen am 8. Juli sind 64 israelische Soldaten gefallen. Drei Zivilisten wurden getötet und Hunderte Menschen durch Hamas-Raketen verletzt.

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Zu wenig Trinkwasser

Für die Helfer in Gaza ist die enorme Zahl der Binnenflüchtlinge eine große Herausforderung. UNRWA unterhält derzeit 90 Zufluchtsorte in den fünf Zonen des Gazastreifens. „Eines unserer Probleme hier ist die unzureichende Versorgung mit Trinkwasser und die daraus resultierende Gefahr des Konsums von Schmutzwasser“, sagte der Vizedirektor für die UNRWA-Operationen im Gazastreifen, Scott Anderson. Die UN-Organisation hat daher mit örtlichen Freiwilligen eine umfassende Aufklärungskampagne gestartet, um die Binnenflüchtlinge für das Problem zu sensibilisieren. Die Aktion reicht bis in die einzelnen Unterkünfte, in denen „Wasserkomitees“ aus jeweils zwei Frauen und Mädchen und zwei Männern und Jungen im sicheren Wasserkonsum geschult werden, um ihr Wissen dann weiterzugeben. Bei der teilweise fünffachen Überschreitung der anfangs erwarteten Flüchtlingszahl in den Unterkünften und einer teilweise zerstörten sanitären Infrastruktur wäre das Schlimmste nun der Ausbruch von Seuchen.

Zu den deutschen Akteuren vor Ort gehört die ärztliche Hilfsorganisation medico international, die mit Partnern in Palästina und Israel zusammenarbeitet. Der israelische medico-Partner „Ärzte für Menschenrechte“ habe bereits einen spendenfinanzierten Lastwagen mit Medikamenten in den Gazastreifen geschickt, berichtet die Organisation. Es fehle in den Kliniken nicht nur an Nothilfemedikamenten, sondern auch an Arzneimitteln für chronisch Kranke. Auch ihre Leben sind durch den andauernden Konflikt bedroht. Die „Ärzte für Menschenrechte“ in Israel wollen eine Delegation nach Gaza schicken, sobald dies die Sicherheitslage erlaubt. Vor Ort wollen die Helfer Operationen durchführen, psychiatrischen Beistand leisten und eruieren, was die Patienten am dringendsten benötigen. „Damit wollen die israelischen Ärzte auch ein Zeichen der Solidarität setzen und zeigen, dass sich weiterhin Teile der israelischen Gesellschaft der Logik der Eskalation und Vergeltung widersetzen und für einen gerechten Frieden einstehen“, so medico.

Bislang aber herrscht der Krieg vor. Das UNRWA gibt täglich Lageberichte heraus. Aufgeführt werden die Angriffe der israelischen Armee, die Schäden und die neuen Herausforderungen für die Helfer. UN-Vertreter müssen ihr Besuchsprogramm im Gazastreifen dieser Tage mit Trauerfeiern beginnen. James Rawley, der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, gedachte nach seiner Ankunft den 30 Helfern, die bei israelischen Luftangriffen ums Leben gekommen sind. UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl traf während seines Besuchs die Familien der elf bislang getöteten Mitarbeiter. Zu den wenigen ausländischen Ärzten vor Ort gehört der norwegische Chirurg Mads Gilbert, der seit Jahren im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt arbeitet. Nach dem Luftangriff auf das Al-Aqsa-Krankenhaus im zentralen Gazastreifen habe sich der Zustrom an Patienten in seinem Haus noch einmal verstärkt, berichtete Gilbert Ende Juli: „Menschen mit oberflächlichen Wunden nehmen wir gar nicht mehr auf.“

Zivile Opfer

Die Angriffe auf Krankenhäuser und Flüchtlingsunterkünfte haben harsche Kritik provoziert. Man habe die israelische Armee mehrfach über die Koordinaten der UN-Gebäude informiert, sagt UNRWA-Sprecher Christopher Gunness. Dennoch seien die Gebäude angegriffen worden. Aus Israel hieß es, die Hamas missbrauche Krankenhäuser und Schulen als Basis.

Harald Neuber

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