ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2014KV Brandenburg: Neues Konzept für die Arztsitzvergabe

POLITIK

KV Brandenburg: Neues Konzept für die Arztsitzvergabe

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): A-1445 / B-1248 / C-1188

Rieser, Sabine

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Dr. med. Hans-Joachim Helming will die Bedarfsplanung weiterentwickeln. Der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg wirbt dafür, den regionalen Versorgungsbedarf stärker bei der Zulassung von Ärzten einzubeziehen.

Für die Erprobung eines neuen Konzepts der Bedarfsplanung hat sich Mitte August der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg ausgesprochen. Dr. med. Hans-Joachim Helming plädierte in Berlin dafür, sich mehr am qualitativen Versorgungsbedarf der Bevölkerung in einer Region zu orientieren und weniger an allgemeinen statistischen Verhältniszahlen. Seine Modellüberlegungen fasste er unter dem Begriff „versorgungsauftragsbasierte Arztsitzvergabe“ zusammen. Ende des Jahres will die KV den neuen Ansatz in einer Pilotregion testen.

Kern dieses Konzepts ist es, den Versorgungsbedarf der Bevölkerung im auszuschreibenden Gebiet inhaltlich so realistisch wie möglich zu beschreiben, und zwar auch im Hinblick auf die Anforderungen der folgenden zehn bis zwanzig Jahre. „Interessierte Ärzte sollen sich orientieren können, was sie denn dort tun sollen“, sagte Helming. Dazu sollen Daten zu Demografie, Morbidität, Sozialstruktur und daraus abzuleitendem medizinischem Behandlungsbedarf zusammengetragen werden: „Die Daten haben wir – auch wenn es noch kompliziert ist, sie zusammenzubringen.“

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Seine Vorstellung ist es, für die Arztsitzvergabe eine Art Warenkorb zusammenzustellen. Aus diesem würde hervorgehen, welche Art von Versorgung in welchem Umfang benötigt wird und welches Honorarvolumen sich dadurch erwirtschaften lässt. „Ärzte könnten die klaren Anforderungsparameter für die Planung ihrer beruflichen Zukunft nutzen“, sagte Helming. Sie hätten im Rahmen der neuartigen Ausschreibung viele unternehmerische Möglichkeiten, sich einzeln oder in Kooperation mit Kollegen zu bewerben. Bei dieser Form der Ausschreibung wären auch zeitliche Befristungen denkbar.

Zeitlich befristete Zulassungen hat auch der GKV-Spitzenverband mehrfach in die gesundheitspolitische Diskussion eingebracht. Er hatte bereits Ende 2013 in einem Positionspapier zu Reformen bei Sicherstellung und Vergütung dafür plädiert. In diesem Konzept heißt es, es müsse „möglich sein, die Zulassung mit konkreten Versorgungsaufträgen zu verbinden und damit eine qualitative Ausrichtung des Versorgungsangebotes vorzugeben. Daneben müssen Versorgungsaufträge nach Beendigung einer Zulassung inhaltlich angepasst werden können, wenn dies für die Versorgung der Patienten erforderlich ist.“

Als niederlassungsfeindlich bezeichnete der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, dieser Tage solche Forderungen nach Zulassungen auf Zeit. Wenn sie nur noch befristet vergeben würden, könne niemand erwarten, dass sich irgendwo überhaupt noch ein Arzt niederlasse, sagte Gassen in einem Video-Interview der KBV.

„Wir verfolgen mit der Befristung von Arztsitzen ein ganz anderes Ziel als die Krankenkassen“, stellte Helming für sein Konzept klar. Möglicherweise, so seine Erwartung, würden sich gerade junge Ärztinnen und Ärzte bei einer befristeten Ausschreibung eher als heute dafür entscheiden, die ambulante Versorgung in dünn besiedelten Regionen in einer eigenen Praxis zu übernehmen. Man müsse ihnen aber „mehr Motivationsmomente“ mitgeben als heute, so der KV-Vorstand. Darunter versteht er einen „Warenkorb“, der die medizinischen Standards beispielsweise für die Behandlung einer alten Bevölkerung in einer Region realistisch abbildet, in dem ein erhöhter Bedarf an hausärztlicher, augenärztlicher oder urologischer Behandlung enthalten ist.

„Natürlich braucht man die Krankenkassen für solch ein Modell“, räumte Helming ein. Ein genauer definierter und umgesetzter Versorgungsauftrag hätte für die Kassen seiner Ansicht nach den Vorteil, dass sie sehr viel konkreter als heute wüssten, wie ihre Versicherten versorgt werden. Um auch in dünn besiedelten Regionen einen angemessenen Behandlungsumfang zu gewährleisten, müssten die Krankenkassen dort aber möglicherweise Ärztinnen und Ärzte besser honorieren.

Helming wies darauf hin, dass für eine Erprobung der Brandenburger Vorschläge in größerem Umfang eine Änderung des Sozialgesetzbuchs V notwendig wäre. In Paragraf 105 müsste seinem Vorschlag nach folgende Option vorgesehen werden: „Die KVen können abweichend von den Bedarfsplänen . . . zur Sicherstellung regionaler ambulanter ärztlicher Versorgungsnotwendigkeiten Arztsitze mit regionalen Versorgungsaufträgen ausschreiben. Inhalt und zeitlicher Rahmen der regionalen Versorgungsaufträge sowie die Vergütung der ärztlichen Leistungen sind durch Verträge der KVen mit den Verbänden der Krankenkassen zu regeln.“

Sabine Rieser

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