ÄRZTESTELLEN: Frage der Woche

Frage der Woche an . . . Dr. med. Thomas Fischbach, Kinderarzt aus Solingen und Mitbegründer des Projektes „KinderzukunftNRW“

Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um Babys und Kleinkinder besser vor Gewalt zu schützen?

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): [4]

Ollenschläger, Philipp

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In Deutschland sind fünf bis zehn Prozent der Neugeborenen gefährdet, bis zum Alter von sechs Jahren Gewalt zu erleiden. Häufig ist schon vor der Geburt erkennbar, wo das Kindeswohl besonders gefährdet ist.

Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um Babys und Kleinkinder besser vor Gewalt zu schützen?

Fischbach: Die beste Voraussetzung für ein sicheres und gewaltfreies Aufwachsen von Kindern ist eine gut funktionierende Familienstruktur, innerhalb derer alle Familienmitglieder Sicherheit, Geborgenheit und damit Schutz finden. Will man also den Kinderschutz primärpräventiv verstehen, so muss die Gesellschaft Familien unterstützen und psychosoziale Risiken zu minimieren suchen. Ein hoher Risikofaktor stellt die wirtschaftliche aber auch die Bildungsarmut dar, da sie ursächlich für einen ganzen Strauß weiterer das Kindeswohl gefährdender Risikofaktoren wie beispielsweise familiäre Gewalt, Sucht, Vernachlässigung und psychische Erkrankungen ist. Daher sind alle Bemühungen, die auf die Stabilisierung der kleinsten gesellschaftlichen Zelle Familie ausgerichtet sind, zu unterstützen. Projekte wie „KinderzukunftNRW“ (Näheres unter www.forum-kinderzukunft.de) gehen von diesen genannten Überlegungen aus und haben einen familiären Unterstützungspakt aller für das Kindeswohl wichtigen Professionen geschlossen, der bereits vorgeburtlich zum Einsatz kommt. Ganz wichtig ist hierbei, dass sich ergänzende Miteinander von Gesundheitswesen und Jugendhilfe, das zwar viel beschworen, aber in praxi leider noch recht wenig gelebt wird. Kinder- und Jugendärzte, Frauenärzte, Kinderkrankenschwestern und Hebammen haben einen niederschwelligeren Zugang zu jungen Eltern und dies schon vorgeburtlich. Unter dem Schutz der Schweigepflicht öffnen sich psychosozial belastete Eltern wesentlich häufiger, so dass frühzeitig Unterstützungs- und Hilfsangebote für die Betroffenen in die Wege geleitet werden können. Die Evaluation des Projektes KinderzukunftNRW bestätigt die Effizienz eines solchen kooperierenden Vorgehens im Kinderschutz. Vielerorts sind aber Kooperationen zwischen den Professionen der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens noch unzureichend implementiert, so dass es immer wieder zu tragischen Informationsdefiziten kommt. Mein Fazit: Ein vertrauensvolles kooperatives Miteinander von Jugendhilfe und Gesundheitswesen ist am besten geeignet, um auch sensible Zeichen familiärer Not frühzeitig zu erkennen und durch eine rechtzeitige Stabilisierung der Familie Kindern einen erforderlichen Schutz ihrer physischen wie psychischen Integrität zu gewährleisten. Ol

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