ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2014Honorarverhandlungen 2015: Offener Schlagabtausch zum Auftakt

POLITIK

Honorarverhandlungen 2015: Offener Schlagabtausch zum Auftakt

Dtsch Arztebl 2014; 111(35-36): A-1443 / B-1247 / C-1187

Rieser, Sabine

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Ist die ambulante ärztliche Versorgung nach wie vor unterfinanziert, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung vorrechnet? Oder lassen sich in den Arztpraxen Wirtschaftlichkeitsreserven finden, wie der GKV-Spitzenverband meint? Der Streit um angemessene Honorare dauert an.

Aufforderung an die Gegenseite: Regina Feldmann und Andreas Gassen präsentierten mit den Honorarforderungen auch ein Motiv der begleitenden Kampagne. Foto: Georg J. Lopata
Aufforderung an die Gegenseite: Regina Feldmann und Andreas Gassen präsentierten mit den Honorarforderungen auch ein Motiv der begleitenden Kampagne. Foto: Georg J. Lopata

Mit welchen Gefühlen er in seine ersten bundesweiten Honorarverhandlungen gehe, wurde der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Mitte August befragt. „Ich erwarte, dass es zunächst einmal eine Verständigung darüber gibt, wo wirklich unstrittige Probleme sind“, antwortete Dr. med. Andreas Gassen im KBV-Interview. Für die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten sind dies aus seiner Sicht als erstes die Budgetierungen angesichts eines unbegrenzten Leistungsversprechens den gesetzlich Krankenversicherten gegenüber sowie die ausgebliebene Anpassung des kalkulatorischen Arztlohns an die gestiegenen Tarifgehälter der Krankenhausärzte.

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Vor Beginn der Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband hat die KBV deshalb rund fünf Milliarden Euro mehr Honorar allein für die Anpassungen in diesen beiden Bereichen gefordert. Nach ihren Berechnungen werden zehn Prozent aller ambulanten Behandlungen zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) nicht honoriert (2,3 Milliarden Euro). Rund drei Milliarden Euro mehr seien notwendig, um den kalkulatorischen Arztlohn anzupassen. Hintergrund: Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) wurde auf Basis bestimmter Annahmen zu ärztlicher Arbeitszeit und Einkommen kalkuliert. 2008 ging man von einem Referenzeinkommen von 105 000 Euro – entsprechend einem Oberarztgehalt – aus. Dieses sollte nach Abzug der Betriebskosten für einen niedergelassenen Arzt erreichbar sein, sofern er 51 Wochenarbeitsstunden lang gesetzlich Krankenversicherte versorgt. Das durchschnittliche Gehalt eines Oberarztes liege aber mittlerweile bei 133 000 Euro, so Gassen.

Die Reaktionen des GKV-Spitzenverbands vermitteln nicht den Eindruck einer gemeinsamen Problemsicht. Die Krankenkassen verweisen darauf, dass die GKV-Einnahmen der niedergelassenen Ärzte nach KBV-Angaben zwischen 2007 und 2011 um 13 Prozent gestiegen seien: „Die Ärztevertreter fordern über 15 Prozent mehr Honorar für 2015. Bei diesen horrenden Forderungen kann man nur ungläubig den Kopf schütteln.“

Angesichts dieser Ausgangsposition werden sich Kassen und KBV im Bewertungsausschuss hitzige Debatten liefern – und gleichzeitig kühl rechnen. Bis zum 31. August (nach Redaktionsschluss) müssen sie sich auf eine Anpassung des Orientierungswerts für den EBM verständigen, der Preiskomponente. Dafür bewerten sie, in welchem Umfang Investitions- und Betriebskosten von Praxen gestiegen sind oder diese Wirtschaftlichkeitsreserven ausgeschöpft haben. Zeitgleich müssen die Empfehlungen zur morbiditätsbedingten Veränderungsrate fertig werden, der Mengenkomponente des EBM. Im Streitfall entscheidet der Erweiterte Bewertungsausschuss unter Vorsitz von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem.

KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann verwies darauf, dass die KBV zudem im Zuge der EBM-Weiterentwicklung mehr Geld fordert. So sollen die Kassen Zuschläge für die Vorhaltung bestimmter technischer Geräte in Hausarztpraxen finanzieren. Mehr Honorar solle auch flächendeckend in Hausarztpraxen fließen, damit diese bei Bedarf Praxisassistentinnen beschäftigen können. „Wir denken, dass die Arbeit in Teamstrukturen Voraussetzung dafür ist, Praxen zu erhalten“, betonte Feldmann mit Blick auf die Versorgungsanforderungen der nächsten Jahre. Zwar lehnten die Kassen beide Forderungen nicht pauschal ab, aber: „Ich gehe davon aus, dass wir uns über die Finanzforderungen trefflich streiten werden.“

Sabine Rieser

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Avatar #672734
isnydoc
am Mittwoch, 3. September 2014, 08:36

5 Milliarden-missverständnis

Hier finden sich erneut 5 Milliarden als Forderung der KBV, wobei Herr Gassen sich inzwischen so dazu äussert: "Das habe ich nie gesagt ..." zumindest sinngemäss zitiert. Ausserdem hat man sich schnell nach Redaktionsschluss geeinigt - alles schon Schnee von gestern?
Avatar #659934
doctorschneider@aol.com
am Montag, 1. September 2014, 15:36

Die ambulante ärztliche Versorgung sei unterfinanziert.

Sehr geehrter Frau Rieser, sie vermuten in Ihrem Betrag einen „offenen Schlagabtausch“ zwischen Kassen und Ärzten, denn es kracht laut.
Dem ist aber nicht so.
Ärzte wie Kassen spielen nicht mit offenen Karten oder Vezier. Dann würde z.B. auffallen, dass unabhängig von den zu erwartenden Steigerungen der Ausgaben für ärztliche Tätigkeit bestimmte Leistungen nie und noch niemals bezahlt wurden. Es gibt Ärzte die arbeiten nahezu ohne Gehalt.

Ich bin niedergelassener Kinder- und Jugend - Gastroenterologe. Der EBM ist für mich weder angepasst noch zeitgemäß. Alle Infusionen – von Anti-TNFalfa bis Eisen oder Zink bei Säuglingen, Kleinkindern und Adoleszenten bekomme ich nicht bezahlt. Und das noch nie seit meiner Sonderbedarfszulassung 2008. Das gilt auch für H2Atemteste so der Eltern-Kind-Patient auch von mir angesehen oder angesprochen wird, für Sedierungen bei kleinen Praxiseingriffen (von einem Narkosearzt für Endoskopien ganz zu schweigen).

Eine Blutdrucklangzeitmessung dürfte ich abrechnen, aber wozu, ich bin doch Kinder- und Jugend-Gastroenterologe.

Warum? Es gibt keine Ziffern im EBM, die auch für Kinder- und Jugendärzte gelten.

Zu Anfang habe ich auf eine Lösung durch die KV, die mich zuließ, gesetzt. Ich habe das mit Hilfe eines exzellenten Rechtsanwaltes auch vorangetrieben, keine Lösung. Pro Quartal 10 - 15 T€ Ausfall seit 2008 (~50 T€/Jahr).

Briefe und emails an KBV, Herrn Köhler, Frau Feldmann, Herrn Gassen, an das Gesund-heitsministerium, Herrn Lauterbach – keine Reaktion. Vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium wenigstens die Eingangsbestätigung. Eine Antwort erhielt ich von keinem Ange-sprochenen. Die Lösung wäre, wie ein Internist z.B. behandelt zu werden. Das will offensichtlich niemand.

D.h.: ist man spezialisiert, bekommt „ohne Ende“ Patienten mit riesigen Problemen überwiesen und gehört nicht zu einer MASSE oder alt etablierten Fachrichtung, ist eine Praxis nur ohne eigenes Gehalt (mir fehlen pro Jahr 50.000 €) ökonomisch machbar. Man geht nebenbei jobben, macht Nacht- und Bereitschaftsdienste. Geht es um die Fortbildungspunkte, muss man sich strecken, das geht nur im „Urlaub“ oder an Ruf-und Nachtdienstfreien Tagen. An Gesellschaften oder Ärzteabenden nimmt man im Grunde nicht mehr teil – wann denn auch.

Also was scheren mich die 5 Mrd plus, bei mir kommt nichts an. Nur werden nun aus 50 T€ wahrscheinlich 60 oder 70 T€, die man mir nicht zahlt, also spart, also anderen Kollegen drauf zahlt, also „als ökonomische Leistung“ verkauft.

Nun ratet mal, warum es bei mir keine Termine in diesem Quartal mehr gibt? Ich bin nach der Praxis-Sprechstunde einfach mal arbeiten, in der stationären Neonatologie, bis morgen früh, dann duschen und ab in die Praxis.

Und ich bewerbe mich bei „Frontal 21“ oder „SpiegelTV“ , vielleicht sehen das Frau Feldmann oder Herr Gassen oder ein mir bisher unbekannter einflussreicher Mensch und man bekommt mal Kontakt.

Viele Grüße, ich muss jetzt mal nach der Infliximab°-Infusion sehen und dann zum KV-Notdienst in die Stresemannstr.



Viele Grüße, T. Schneider
Gastroambulanz
Dr. Thomas Schneider Kinder- und Jugendgastroenterologe
Telefon: (040) 520 16 343 Fax: (040) 520 16 592
Ochsenweber Str. 12 , 22419 Hamburg
mail doctorschneider@gmx.de & web www.doctorschneider.de
Praxis f. chronisch-entzündliche Darm­er­krank­ungen,
gastroenterologische Funktionsdiagnostik, Sonographie,
Endoskopie bei Kindern und Jugendlichen.

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