ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Direktausbildung zum Psychotherapeuten: Fragwürdiger Studiengang

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Direktausbildung zum Psychotherapeuten: Fragwürdiger Studiengang

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 385

Bühring, Petra

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Die Location ist schick: das Soho House in Berlin Mitte, ein privater Club in einem historischen Gebäude im späten Bauhausstil, „Anlaufstelle und Konstante für aufgeschlossene Menschen der Kreativszene“, so die Eigenwerbung. Die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) Berlin hat hier zur Pressekonferenz eingeladen. Die Zeit im Jahr ist fortgeschritten und man braucht noch Studenten für den neuen „Direktstudiengang Psychotherapiewissenschaft“, der im Oktober erstmalig starten soll und Psychotherapeuten „mit dem Ziel der Approbation“ ausbilden will.

Fünf Bewerber gibt es bereits, zwölf bis 15 Studenten müssen es mindestens sein, sagt der Studiengangleiter Univ.-Prof. Dr. Volker Tschuschke, emeritierter Professor für medizinische Psychologie der Universität zu Köln. Um ohne Umweg studieren zu können, brauchen die Interessenten nur das Abitur mit beliebiger Note, eine Eignung, geprüft in Aufnahmeinterviews, ausreichend Geld (rund 6 000 Euro pro Semester) und eine gewisse Risikobereitschaft. Denn der neue Studiengang „Psychotherapiewissenschaft“ ist nur nach österreichischem Recht akkreditiert – der Hauptsitz der SFU befindet sich in Wien – und läuft dort auch bereits seit einigen Jahren. In Deutschland kann zurzeit keine Akkreditierung beantragt werden, weil die Gesetzesgrundlage für eine Direktausbildung gänzlich fehlt. Zur Erinnerung: Die Psychotherapeutenschaft ist in der Frage gespalten, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will die Direktausbildung, die Bundes­ärzte­kammer nicht, die Bundes­psycho­therapeuten­kammer ist noch nicht klar positioniert, auf europäischer Ebene zielt man auf eine Angleichung der akademischen Ausbildung in den Gesundheitsberufen, also weg von dem Sondermodell der postgradualen Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung in Deutschland. Eigentlich ist alles noch offen, Entscheidungen werden in den nächsten Jahren getroffen.

Warum prescht die SFU dann mit einem Studiengang voran, mit dem sich die ersten Absolventen in fünf Jahren möglicherweise nicht approbieren können, die dann noch eine kostenintensive Ausbildung an einem privaten Institut anschließen müssten, wenn sie tatsächlich Psychotherapeut werden wollen? Sie könnten sich in diesem ungünstigen Fall die credits aus der „Psychotherapiewissenschaft“ für den Studiengang „Psychologie“ anrechnen lassen, der an der SFU Berlin auch seit einem Jahr angeboten wird, um so zumindest kein Geld zu verlieren, sagt Tschuschke. Er kommuniziere das Risiko in den Aufnahmegesprächen. Seine Motivation sei, es besser machen zu wollen: breites Grundlagenwissen im Bachelor-Studium; Spezialisierung in einem Verfahren im Master, breitere praktische Ausbildung mit Vergütung et cetera. Verschiedene renommierte Professoren hätten eine Dozententätigkeit zugesagt. Der Rektor von allen sechs Sigmund Freud Privatuniversitäten in Europa, Univ.-Prof. Dr. Dr. Alfred Pritz, will die Direktausbildung in Deutschland vorantreiben, seine Erfahrungen im Sinne von „wer, wenn nicht wir“ zur Verfügung stellen. Kann man einen gewissen Größenwahn unterstellen? Die zweite privatwirtschaftlich organisierte Hochschule in dem Bereich in Berlin, die International Psychoanalytic University, jedenfalls bietet trotz jahrelanger Erfahrung keine Direktausbildung zum Psychotherapeuten an. Die Zeit ist noch nicht reif.

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