ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Die sieben Todsünden: Hochmut und Stolz – Genetik und Kultur

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Hochmut und Stolz – Genetik und Kultur

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 386

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Jacob Matham: Superbia (Hochmut, Stolz). (Anfang 17. Jahrhundert), Kupferstich nach einer Zeichnung von Hendrick Goltzius. 22,8 × 15 cm. Foto: Eberhard Hahne
Jacob Matham: Superbia (Hochmut, Stolz). (Anfang 17. Jahrhundert), Kupferstich nach einer Zeichnung von Hendrick Goltzius. 22,8 × 15 cm. Foto: Eberhard Hahne

Baumartige Darstellungen sowohl für die Todsünden als auch für die Tugenden finden sich in illustrierten Anleitungen aus dem 12. Jahrhundert für ein tugendhaftes Leben. In der Art der „Wurzel Jesse“-Bilder wachsen die Bäume jeweils aus einer Figur heraus. Bei den Lastern ist es die Personifizierung der Superbia, was mit Hochmut oder Stolz zu übersetzen ist, bei den Tugenden ist es die Humilitas, die Demut. Dies entspricht der Auffassung des Kirchenvaters Augustinus (354–430), dass Stolz der Ursprung aller Sünde sei: Der Stolze wolle sich nicht dem Willen Gottes beugen. Dementsprechend wurde der Todsünde Stolz als Wochentag der Sonntag zugeordnet, da der stolze Mensch sich in der Sonntagsliturgie Gott nicht unterwerfe.

In dem hier gezeigten Kupferstich wird eine sich selbst bespiegelnde Frau gezeigt, die von einem Pfau begleitet wird. Sie weiß, dass sie attraktiv, reich und kostbar gekleidet ist. Spiegel sind ein typisches Accessoire in der Darstellung der Superbia. Indem sie außerdem einen Fächer aus Pfauenfedern in ihrer anderen Hand hält, hat sie sich den sie begleitenden prächtigen Pfau angeeignet. Im Hintergrund sehen wir eine Burg, in anderen Darstellungen dieser Zeit kann auch der Turmbau zu Babel als Warnung auftreten.

Anzeige

Der körperliche Ausdruck von Stolz umfasst ein genetisch verankertes Programm: Der Kopf wird leicht nach hinten geneigt, zumindest aber nicht gesenkt. Die Lippen sind geschlossen oder zeigen ein Lächeln, die Arme sind in die Hüften gestemmt oder in die Höhe gereckt. Dem entspricht auch die Haltung der Dame auf unserer Abbildung. Bei Männern werden zusätzlich die Schultern herausgestellt – ein breiter Brustkorb macht Männer attraktiver –, die Hand wird offen gehalten als Zeichen der Waffenlosigkeit oder zur Faust geballt als Demonstration der Stärke. Schimpansen und Gorillas verhalten sich diesbezüglich übrigens nicht anders als Menschen. Transkulturell wird dieser körpersprachliche Ausdruck richtig identifiziert, wenn Angehörigen anderer Kulturen entsprechende Fotos gezeigt werden – und selbst blind geborene Menschen zeigen spontan ihren Stolz, indem sie den Kopf heben und die Arme ausstrecken. Natürlich besteht darüber hinaus auch eine kulturell tradierte Ausgestaltung: 83 Prozent der US-Amerikaner finden es zum Beispiel grundsätzlich angemessen, positive Emotionen wie Freude, Zuneigung, Zufriedenheit und auch Stolz deutlich auszudrücken – aber nur 32 Prozent der Taiwaner und gar nur noch neun Prozent der Chinesen stimmen diesbezüglich mit ihnen überein. Insgesamt ist also festzustellen, dass Stolz, angeblich das Grundübel der Todsünden, sowohl genetisch in uns verankert ist als auch kulturell ausdifferenziert wird.

Aber Stolz ist nicht gleich Stolz. Unterscheiden lässt sich zwischen einem authentischen, auf eigenen Leistungen basierten Stolz und einem anmaßendem, gewissermaßen „hohlen Stolz“, der eher auf eine narzisstische Problematik verweist. Diese Menschen vermitteln uns, der/die Größte zu sein, dulden keine von ihrer Wahrheit abweichenden Meinungen und vermitteln, dass es nichts Besseres geben könne, als mit ihnen zu tun zu haben. In auffälliger Weise trifft genau dies auch auf viele Religionsgemeinschaften und ihre Vertreter zu. Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografien

Jacob Matham wurde 1571 in Haarlem geboren. Er war ein holländischer Kupferstecher, Zeichner und Verleger von Kupferstichen, die er nach eigenen Entwürfen, häufiger aber nach Bildern und Zeichnungen berühmterer Zeitgenossen schuf. Er war der Stiefsohn und Schüler von Hendrick Goltzius (1558–1617), dessen Zeichnungen zu den sieben Lastern und sieben Tugenden er in Kupfer stach. Matham starb 1631 in seiner Geburtsstadt Haarlem.

1.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge – Psychologie der 7 Todsünden. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.
Jacob-Friesen H: Von der Psychomachie zum Psychothriller. Die Sieben Todsünden in der Kunst. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Münster: Aschendorff 2007: 29–86.
3.
Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Primus Verlag 2013.
1.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge – Psychologie der 7 Todsünden. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.Jacob-Friesen H: Von der Psychomachie zum Psychothriller. Die Sieben Todsünden in der Kunst. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Münster: Aschendorff 2007: 29–86.
3.Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Primus Verlag 2013.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema