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POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery und Dr. med. Andreas Gassen: „Wir haben hochmotivierte Ärzte“

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 393

Flintrop, Jens; Maibach-Nagel, Egbert

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Bürokratie, Demografie und ökonomische Zwänge erschweren das Handlungsfeld des Arztes. Das Deutsche Ärzteblatt befragte die Spitzen von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung zu Status quo und Perspektiven der Ärzteschaft.

Kritischer Diskurs zur aktuellen Lage im Gesundheitswesen: Andreas Gassen und Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit der DÄ-Redaktion. Fotos: Svea Pietschmann
Kritischer Diskurs zur aktuellen Lage im Gesundheitswesen: Andreas Gassen und Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit der DÄ-Redaktion. Fotos: Svea Pietschmann

Herr Prof. Montgomery, der jüngste Ärztemonitor von KBV und NAV-Virchow-Bund belegt, dass Deutschlands Ärzte gerne in ihrem Beruf arbeiten, aber mit den Rahmenbedingungen ziemlich unzufrieden sind. Was ist vordringlich nötig, um die Lage im Gesundheitswesen zu verbessern?

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Montgomery: Erfreulich ist zunächst einmal, dass – trotz aller Probleme und Dotierungsbedingungen und trotz vieler Klagen – die Grundzufriedenheit mit dem Arztberuf unverändert hoch ist. Das kommt ja manchmal in der Öffentlichkeit nicht so durch. Lieber wäre den Ärzten aber noch die Befreiung von überflüssigen Dingen wie der Bürokratie und eine ausreichende Unterstützung durch kompetentes Personal. Ganz entscheidend ist zurzeit aber die zum Teil fehlende Wertschätzung für die Tätigkeit des Arztes. Wir müssen dafür sorgen, dass allen klar wird, dass es ohne Ärzte überhaupt nicht geht, und dass wir hochmotivierte Ärzte haben, die ihren Beruf gerne ausüben.

Frank Ulrich Montgomery: Nicht Geld allein, sondern Arbeits- und Lebensqualität helfen gegen regionalen Ärztemangel.
Frank Ulrich Montgomery: Nicht Geld allein, sondern Arbeits- und Lebensqualität helfen gegen regionalen Ärztemangel.

Wie kann der Bundes­ärzte­kammerpräsident die Wertschätzung des Berufsstandes in der Bevölkerung steigern?

Montgomery: Nun, da gibt es ganz verschiedene Ansätze, die man alle parallel fahren muss.

Ich finde zum Beispiel Imagekampagnen durchaus hilfreich. Es geht aber auch um die Einordnung sogenannter Skandalisierungsthemen. Da hilft nur maximale Transparenz, Offenheit und Aufklärung. Wir haben durchaus einige schwierige Situationen in der Vergangenheit erlebt. Dann werden schnell alle Ärztinnen und Ärzte in Sippenhaft genommen. Hier muss man einfach analysieren, aufklären, ermitteln und die Probleme benennen, immer wieder, um der Bevölkerung die Gewissheit zu geben, dass die Selbstverwaltung der Ärzteschaft funktioniert und dass die Ärztinnen und Ärzte zu Recht von 85 Prozent der Bevölkerung auf den höchsten Platz in der sozialen Skala gesetzt werden.

Herr Dr. Gassen, der Ärztemonitor zeigt auch, dass jeder vierte Arzt seine Praxis in den nächsten fünf Jahren aus Altersgründen abgeben will. Das macht den Sicherstellungsauftrag zur noch größeren Herausforderung für die KBV und die KVen. . .

Gassen: Das Faktum, dass rund ein Viertel der Praxen in absehbarer Zeit schließt, ist sicherlich ernüchternd. Dies gilt umso mehr, wenn man die wachsenden Ansprüche der Bevölkerung an eine medizinische Versorgung betrachtet und die Erfordernisse einer deutlich älter werdenden Bevölkerung vor Augen hat. Zudem haben wir es mit einer jungen Medizinergeneration zu tun, die andere Schwerpunkte setzt und auch eine andere Auffassung von der Arbeit hat. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Die jungen Ärztinnen und Ärzte machen ihre Arbeit unverändert gerne und engagiert. Aber es ist für sie nicht mehr selbstverständlich, 50 bis 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Wenn jetzt 25 Prozent der Ärzte, die noch eine 50- bis 60-Stunden-Woche pflegen, ausscheiden, dann tut sich – selbst wenn numerisch die gleiche Zahl dazukäme – ein Delta auf, wenn die nachrückende Generation sagt, bei 40 Stunden ist Schluss.

Wir müssen jetzt schauen, ob wir das überbrücken können – und wenn ja, wie. Hier ist neben der immateriellen Wertschätzung auch eine wirtschaftliche Wertschätzung vonnöten. Dabei geht es nicht nur um eine angemessene Höhe der Vergütung, sondern auch um wirtschaftlich planbare Sicherheit. Das ist etwas, was viele Kollegen noch viel mehr nervt als das unangemessene Honorar.

Die Techniker Krankenkasse hat jüngst vorgeschlagen, anstelle von Pauschalen wieder Einzelleistungsvergütungen einzuführen. Reicht das?

Gassen: Das allein reicht nicht, aber der Ansatz ist richtig. Es ist schon ein gewisser Paradigmenwechsel für eine gesetzliche Krankenkasse, wenn sie anerkennt, dass ein Budget nicht nur leistungs-, sondern auch versorgungsfeindlich ist. Weil sie anerkennt, dass das Budget an dieser Stelle aufgebohrt werden muss, kalkuliert die TK ganz offen einen Mehrbedarf an Finanzmitteln ein und sagt offen, dass dies auch leistbar ist. Ich denke, dass ist eine ganz wichtige Botschaft.

Der Sachverständigenrat Gesundheit will Versorgungsengpässe mit einem Landarztzuschlag bekämpfen: 50 Prozent mehr für die Ärzte in unterversorgten Regionen, bezahlt von den Ärzten in überversorgten Gebieten. Was halten Sie von dieser nicht neuen Idee?

Gassen: Die Anerkennung der Tatsache, dass es unterversorgte Regionen gibt, begrüßen wir ausdrücklich. Umgekehrt wird aber nicht automatisch ein Schuh daraus, dass ich also von überversorgten Regionen spreche, denen ich sozusagen Honorar wegnehme, um es in die unterversorgten zu geben. Landärzte verdienen heute schon mehr als ihre Kollegen in städtischen Räumen – das zeigen unsere Erhebungen durchgängig. Sie arbeiten auch mehr, insofern ist das völlig in Ordnung. Es ist aber zu kurz gedacht, wenn ich sage, ich definiere einen Überversorgungsgrad von 200 Prozent und wenn der erreicht oder überschritten ist, dann hat es eine Honorarverschiebung vom überversorgten zum unterversorgten Bezirk zu geben. Denn wir wissen aus verschiedenen Analysen, dass es erhebliche Mitversorgungseffekte in den Ballungszentren gibt. Jeder dritte Patient in Hamburger Praxen kommt nicht aus Hamburg.

Wir wissen zudem, dass Geld alleine die Kollegen nicht dazu bewegt, in Regionen zu gehen, die für sie unattraktiv sind. Zur Attraktivität tragen eben auch Antworten auf Fragen bei wie: Wie kann der Partner seinen Beruf ausüben? Wie ist die Situation für Kinder, die in so einer Familie groß werden? Ärzte sind nicht so geldgierig, dass sie nur mit dem Stimulus Geld irgendwohin zu locken wären, wo sie eigentlich nicht hin wollen.

Montgomery: Da gab es ja schon 2010 eine interessante Untersuchung der Uni Leipzig, die dargelegt hat, wie viel Geld man bräuchte, um jemanden zu bewegen, aufs Land zu gehen. Da kamen außerordentliche Summen heraus. Es wurde aber auch klar, dass sich das erheblich reduzieren würde, wenn es nur gelänge, statt einen gleich zwei Ärzte aufs Land zu holen. Dann wäre gewährleistet, dass der einzelne Arzt nicht mehr sieben Tage die Woche 24 Stunden lang Dienst machen muss, sondern sich das mit seinem Kollegen teilen kann.

Die Politik regt an, Versorgungsengpässe in der Fläche über die Versorgung in Medizinischen Versorgungszentren zu lösen. Ist das der richtige Ansatz?

Gassen: In einem MVZ arbeiten angestellte Ärzte, die nach 36,5 Wochenstunden nach Hause gehen. Damit ist der Wegfall einer Kassenarztpraxis nicht zu kompensieren.

Montgomery: Man könnte ja auch mal modifizierte Niederlassungsformen testen. Wie wäre es, eine Praxis vorzuhalten, in der am Montag der Augenarzt, am Dienstag der Gynäkologe, am Mittwoch der HNO-Arzt und so weiter Sprechstunde hat? Auf die Art und Weise würde man die Versorgung für die Menschen vor Ort vorhalten. Allerdings nicht fünf Tage die Woche, sondern, was die Spezialitäten angeht, in einer selteneren Frequenz. Man muss entweder an die Frequenz oder an die Entfernung oder an die Leistungsdichte.

Was die Versorgung in der Fläche betrifft, so fehlen ja vor allen Dingen Hausärzte. Herr Prof. Montgomery, mit welchen Argumenten würden Sie eine Medizinstudentin motivieren, eine Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin, zur Hausärztin anzugehen. Was macht diesen Beruf attraktiv?

Montgomery: Zunächst glaube ich, dass die medizinische und soziale Betrachtung ganzer Familien in einer Region tiefe Berufszufriedenheit bereiten kann. Jedoch müssen wir auch zur Kenntnis nehmen, dass die Attraktivität des Hausarztberufes durch die sich verschlechternden Rahmenbedingungen immer mehr gelitten hat. Aber wer einmal erlebt hat, wie sehr ein Hausarzt gebraucht wird und was er den Menschen geben kann, den lässt das nicht mehr los. Das kann man nicht verbalisieren, das kann man nur erfahren.

Das heißt, Sie wünschen sich mehr hausärztliche Lernanteile im Studium?

Montgomery: Genau. Wir müssen den Studierenden mehr Gelegenheit geben, die hausärztliche Praxis zu entdecken. Und wir müssen zugleich für eine bessere wissenschaftliche Verankerung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen sorgen.

Und nach dem Studium?

Montgomery: Dann kommt die zweite Schiene: Nach dem Studium muss man die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin so gestalten, dass sie leistbar ist. Da haben wir einfach ein großes Problem. Es ist eines der wenigen Fächer, die echt curricular organisiert sind. Sie können nicht Weiterbildung in der Allgemeinmedizin nur in einer Praxis machen. Wir müssen also diesen Übergang von den stationären Systemen in die allgemeinmedizinische Praxis in der Peripherie schaffen. Und zwar ohne Nachteile für die Assistenzärzte.

Gassen: Wir haben zwei Punkte, die für die ambulante Weiterbildung wichtig sind. Das ist einmal das finanzielle Erfordernis, dem man Rechnung tragen muss. Und es müssen natürlich auch die Inhalte definiert sein. Wir haben da eine gewisse Arbeitsteilung. Für die Weiterbildung ist originär die BÄK zuständig. Wir sind wie immer für das Geld zuständig.

Unser Ärztemonitor zeigt übrigens auch, dass die Nachbesserungen im hausärztlichen Bereich wirklich dazu geführt haben, dass die Zufriedenheit beim Honorar bei den Hausärzten jetzt eigentlich da ist. Da hat man ordentlich Zuwächse erreichen können. Mittlerweile haben wir, was die Versorgung betrifft, aber auch Sorge um einzelne Facharztbereiche, die nicht so hoch spezialisiert sind, und sehen da auch erheblichen Nachbesserungsbedarf.

Welche Facharztbereiche meinen Sie?

Gassen: Pauschal gesagt sind es die patientennahen, wohnortnahen Fachärzte, die eigentlich jeder Bürger persönlich kennt: Augenärzte, Gynäkologen, Hals-Nasen-Ohrenärzte, Urologen, Orthopäden.

Wenn man zu meinen Studienzeiten gesagt hätte, irgendwann werden die Humangenetiker bedarfsplanungsmäßig erfasst, hätten wir entgeistert mit dem Kopf geschüttelt. Es gibt also eine extreme Bandbreite, die sich in ihrer Fächervielfalt den Absolventen der Universitäten anbietet. Das sind zum Teil hochspannende Fächer, und insofern ist es völlig natürlich, dass hier eine Ausdünnung in den Einzelfächern stattfinden muss, weil sehr viele Subspezialitäten hochinteressant sind. Wir werden einen gewissen Wandel in der Versorgung erfahren: Wir müssen die Versorgung über die Hausarzt/Facharzt-Diskussion hinweg als eine komplementäre verstehen. Wir werden Situationen bekommen, in denen in dem einen Bereich vielleicht der Hausarzt der erste Ansprechpartner ist, und in einem anderen ist es der Facharzt. Dafür müssen wir Konzepte erarbeiten. Ich denke, man kann das wirklich nicht mehr in rein haus- und rein fachärztliche Themen auseinanderdröseln.

Der Ärztemangel in den Krankenhäusern wird ein Stück weit aufgefangen durch ausländische Ärztinnen und Ärzte. Die Ländergesundheitsminister haben jetzt eine Empfehlung zur Vereinheitlichung der Sprachtests gegeben. Ist das eine vernünftige Lösung?

Montgomery: Die Ausbildung der ausländischen Ärzte ist zum Teil hervorragend. Die Kollegen helfen uns, den Ärztemangel zu bewältigen, den wir akut in manchen Krankenhäusern spüren. In den Kliniken kommt es aber auch zu Kommunikationsproblemen, weil die Ärzte zwar die Medizin gut beherrschen, aber nicht die deutsche Sprache. Das normale Umgangssprachniveau, das früher für die Zulassung als Arzt und für die Einwanderung genügte, das B2-Niveau, reicht heute einfach nicht mehr aus. Gemeinsam mit den Ge­sund­heits­mi­nis­tern haben wir deshalb überlegt, was man machen kann. Es sollte eine Fachsprachenprüfung her, die im Kern zwei Dinge prüft: die Kompetenz des Arztes, mit einem anderen Arzt medizingerecht zu kommunizieren, und die Kompetenz, in den Fächern mit einem Patienten kommunizieren zu können, in denen dies wichtig und erforderlich ist. Deswegen haben wir uns darauf verständigt, dass man das Niveau einer ärztlichen Fachsprachenprüfung nach dem C1-Niveau einführt.

Sieht Fortschritte bei der Zufriedenheit von Hausärzten, aber Nachholbedarf für bestimmte Facharztgruppen: Andreas Gassen.
Sieht Fortschritte bei der Zufriedenheit von Hausärzten, aber Nachholbedarf für bestimmte Facharztgruppen: Andreas Gassen.

Im niedergelassenen Bereich sollen Versorgungslücken auch durch nicht-ärztliches Personal gefüllt werden. Herr Dr. Gassen, wie schätzen Sie da die Entwicklung ein?

Gassen: Das Thema Delegation ist ein Thema, dem wir uns stellen müssen. Nach unserem Ärztemonitor wünschen viele Ärzte, Leistungen delegieren zu können, insbesondere jene verwaltungstechnischer Natur. Leider wird es gerade da etwas schwieriger. In der Versorgung mit delegierbaren Leistungen zu arbeiten, ist sicherlich eine je nach Fachbereich praktikable Variante. Wir müssen schauen, dass diese Delegation dann tatsächlich ärztlicherseits überwacht und organisiert wird. Aber wir müssen schon eine klare Abgrenzung zur Substitution treffen. Denn aus der Sicht der Patientensicherheit ist eine Substitution eigentlich originär ärztlicher Leistungen an nicht ärztliche Berufe problematisch. Vor allem wird es kritisch, wenn ich in schwach versorgten Regionen mit akademischen Hilfsberufen substituiere. Wie will man es hinterher rechtfertigen, wenn Teile der Bevölkerung durch Ärzte versorgt werden und andere durch Nicht-Ärzte? Und das in einer solidarisch finanzierten Kran­ken­ver­siche­rung, die auch noch pflichtweise erfolgt.

Stichwort Ungleichbehandlung. Die Bundesregierung mutmaßt, dass gesetzlich versicherte Patienten länger auf einen Facharzttermin warten als privat versicherte. Deshalb werden demnächst Terminservicestellen eingerichtet. Oder lässt sich dies noch abwenden?

Gassen: Wir als Körperschaft sehen den grundsätzlichen Regelungsbedarf nicht. Minister Gröhe will das als „Schärfung des Sicherstellungsauftrags“ trotzdem in eine Gesetzesvorlage einbringen. Ich habe ihn so verstanden, dass diese Servicestelle in ärztlicher Hand, also bei den Körperschaften, verbleibt. Das ist, wenn man überhaupt so etwas machen will, der einzig denkbare Ort.

Montgomery: Aus meiner Sicht ist das Wartezeitenthema vor allem ein populistisches, ein großes Problem ist es sicher nicht.

Gassen: Minister Gröhe hat dazu gesagt: „Wenn das kein so großes Problem ist, wie Sie es als Körperschaft immer behaupten, dann ist das ja überhaupt keine Arbeit für die Servicestelle.“ Das würde ich so in der Form unterschreiben.

Montgomery: Vielleicht kommt uns diese Entwicklung ja sogar irgendwann zugute, nämlich dann, wenn es um die vermeintlichen Versorgungsunterschiede in der gesetzlichen und der privaten Kran­ken­ver­siche­rung geht. Denn das ist doch das einzige, was heute noch übrig geblieben ist von der ganzen Debatte einer angeblichen Zwei-Klassen-Medizin: die unterschiedlichen Terminwartezeiten. Wenn es gelingt, hier ein gleiches Warteniveau hinzukriegen, hätten wir ein weiteres Argument für eine Bürgerversicherung aus der Welt geschafft.

Entscheidend für die Zukunft der privatärztlichen Versorgung ist auch die Reform der Gebührenordnung. Wie weit sind die Verhandlungen mit dem PKV-Verband über die GOÄ-Reform?

Montgomery: Die Verhandlungen laufen gut. Die Bundes­ärzte­kammer hat ja schon einen Entwurf für eine neue GOÄ vorgelegt. Und auch das Verfahren, wie wir auf dieser Grundlage mit der PKV die Leistungslegenden ausgestalten, steht. Wir kommen gut voran. Weiterhin klären wir gerade Detailfragen des Rechtsgebildes um die GOÄ herum. Wenn wir uns mit der PKV und der Beihilfe einig werden, dann – und da haben wir die Zusage von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe – dann wird dieses Modell zur Grundlage von verordnungsgeberischen Überlegungen gemacht. Dann könnten wir noch in dieser Legislaturperiode fertig werden.

Sie sprachen gerade die Bürgerversicherung an. Glauben Sie wirklich, dass die SPD-geführten Länder über die Beihilfe eine GOÄ-Reform abnicken und insofern das duale System zementieren? ►

Montgomery: Minister Gröhe hat uns signalisiert, dass die Länder, auch die SPD-geführten Länder, eingebunden sind.

Kommen wir von den Vertragsärzten noch kurz zu den Klinikärzten. Die Bund-Länder-Kommission für die Krankenhausreform hat soeben ihre Arbeit aufgenommen. Welche Baustellen sollte diese Kommission abarbeiten?

Montgomery: Es gibt zwei große Baustellen: Da ist erstens die Investitionsfinanzierung. Es gibt Länder, die ihre Investitionsverpflichtung mit acht Prozent der Gesamtsumme hervorragend erfüllen. Der Durchschnitt über die ganze Bundesrepublik ist in den letzten zehn Jahren aber von zehn Prozent auf drei Prozent gesunken. Das ist schändlich. Hier kommen die Ländern ihrer Verpflichtung, aus der sich ja auch ableitet, dass sie das Recht haben, Krankenhausplanung zu betreiben, nicht nach. Krankenhäuser brauchen Planungssicherheit für die Zukunft.

Die zweite große Baustelle ist das Vergütungssystem. Das DRG-System ist ein lernendes System, das sich aber gerade selber zu Tode lernt durch den 100-Prozent-Ansatz. Man kann mit Pauschalen nur das regeln, was man auch pauschalieren kann – also Standardleistungen, die auch oft vorkommen. Wir plädieren seit längerem dafür, Leistungen, die eher selten sind, oder die eine breite Spreizung in der Art und Weise, wie man sie ausführt, haben, aus dem DRG-System herauszunehmen. Hier muss mehr Flexibilität in das System.

Es müssen auch bestimmte ökonomische Anreize entfernt werden, denn ein Teil der Debatte um Leistungsveränderungen hängt auch mit den ökonomischen Anreizen zusammen, die aus dem DRG-System resultieren. Es ist in meinen Augen völlig absurd, ein ökonomisches System zu implementieren, um den Krankenhäusern dann hinterher vorzuwerfen, dass sie genau das machen, was der gedankliche Inhalt dieses Systems ist – nämlich, sich wettbewerbsgerecht zu verhalten. Wir haben vor der Öko­nomi­sierung gewarnt. Jetzt ist sie da. Jetzt muss man mit den Folgen leben, aber nicht die Krankenhäuser an den Pranger stellen.

Eine Frage an den Orthopäden Dr. Gassen: Laut Koalitionsvertrag soll gute und schlechte Qualität in den Krankenhäusern künftig unterschiedlich vergütet werden. Geht das überhaupt?

Gassen: Das ist zunächst einmal griffig. Klar, will man für gute Qualität lieber Geld bezahlen als für schlechte. Die Frage ist nur, wo machen wir die gute und die schlechte Qualität fest. Die Orthopäden sind da ein gutes Beispiel, weil wir uns das früh auf die Fahnen geschrieben haben und mit der Implementierung eines Endoprothesenregisters den ersten Schritt gegangen sind. Aber die Medizin hat ja neben rein technisch messbaren Parametern auch weniger prüfbare Parameter. Und gemeinhin sind das sogar die, die vom Patienten als besondere ärztliche Qualität wahrgenommen werden: Soft Skills, die sie weder in der Gebührenordnung abbilden noch qualitativ überprüfen können. Nehmen Sie die Empathie. In Arztbewertungsportalen liest man eher selten, dass die Behandlung nicht in Ordnung oder nicht sachgerecht war. Sie finden aber ganz oft: Der Arzt hatte keine Zeit, der war im Stress.

Die durchschnittliche Qualität in deutschen Krankenhäusern ist doch wirklich nicht schlecht. Im Regelfall verlässt der Patient die Klinik deutlich gesünder und dann rückt für ihn in den Vordergrund: Wie waren die Zimmer, wie war das Essen, hatten die Kabelfernsehen und WLAN? Das sind doch die Dinge, an denen Qualität festgemacht wird. Deshalb tue ich mich mit der Pay-for-performance-Diskussion schwer, ohne sie pauschal ablehnen zu wollen. Dafür müssten wir belastbare Parameter haben. Die haben wir für mein Gefühl aber nur sehr unvollständig. Es gibt Bereiche in der Medizin, wo sie eigentlich nie eine Performance im Sinne einer Heilung oder einer wirklichen Besserung erfahren werden. Gerade deshalb sind diese besonders wichtig und vielleicht sogar besonders förderungswürdig. Denken Sie mal an die Palliativmedizin.

Sollten denn dort, wo die Sicherstellung der ambulanten Versorgung durch Vertragsärzte gefährdet ist, die Krankenhäuser einspringen dürfen?

Gassen: Ich glaube nicht, dass wir einfach sagen können: Da, wo wir keine Ärzte in der Niederlassung haben, machen es halt die Krankenhäuser. Denn da, wo wir keine niedergelassenen Kollegen mehr haben, haben auch die Krankenhäuser erhebliche Schwierigkeiten, Ärzte für ihre Häuser zu bekommen. Wir müssen sicherlich schauen, ob es in Regionen, in denen Versorgung nicht mehr gut dargestellt ist, Möglichkeiten gibt, kooperative Versorgungsoptionen zwischen Krankenhäusern und Niedergelassenen zu schaffen. Das werden wir auch tun. Mein Petitum in dieser Hinsicht wäre, dass man uns weniger ordnungspolitische Vorgaben macht und dafür mehr Flexibilität zugesteht.

Was heißt denn in dem Sinne „uns“?

Gassen: „Uns“, das ist die Ärzteschaft mit ihren Selbstverwaltungsorganen. Ich glaube, dass die das gut hinkriegen.

Das Interview führten Jens Flintrop
und Egbert Maibach-Nagel.

zur person

Seit 31 Jahren engagiert sich der Hamburger Radiologe Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery (62) in der Gesundheitspolitik – 1983 wurde er Vorsitzender des Marburger Bundes in Hamburg. Die Bundes­ärzte­kammer führt er seit 2011 als dezidiert politischer Präsident.

Seit knapp fünf Monaten steht der Düsseldorfer Orthopäde Dr. med. Andreas Gassen (52) der KBV vor. Seine Ziele sind unter anderem der Erhalt der ärztlichen Freiberuflichkeit und faire Wettbewerbsbedingungen zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern.

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