ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Neuroimmunologie: Frühzeitig präventiv eingreifen

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Neuroimmunologie: Frühzeitig präventiv eingreifen

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 403

Strathaus, Regine Schulte

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In Mainz wurde vor Kurzem das erste Resilienz-Zentrum in Europa gegründet. Erforscht werden soll, wie die Resilienz-Schwelle gegen äußere Stressoren zu beeinflussen ist und mit welchen Interventionen die Stärkung der Resilienz möglich ist.

Mit der Gründung des ersten Deutschen Resilienz-Zentrums in Europa wird an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz eine Forschungslücke geschlossen. Im Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften werden die Kompetenzen von 17 Instituten und Kliniken interdisziplinär gebündelt und mittels Forschungsgeldern gefördert.

Nach der Devise „Verstehen, Vorbeugen, Verändern“ sollen auf dem Gebiet der Neuroimmunologie Mechanismen intensiver erforscht werden, wie die individuelle Resilienz-Schwelle eines Menschen gegen äußere Stressoren in Beruf oder Alltag zu beeinflussen ist und mit welchen evidenzbasierten Interventionen die Stärkung der Resilienz möglich ist. Denn wie ausgeprägt die Widerstandskraft gegenüber Stress sowie die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung oder Rückgewinnung der psychischen Gesundheit bei einer stabilen und gesunden Hirnfunktion beschaffen ist, hängt von individuellen, genetischen und neurobiologischen Umweltfaktoren ab. Prof. Dr. med. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, betonte bei der Eröffnungsveranstaltung im Juli, dass „Angststörungen, Burn-out, Depressionen, Suchtverhalten und weitere psychische Erkrankungen häufig erst dann diagnostiziert und therapiert werden, wenn sich die chronischen Verläufe bereits gefestigt haben“. Diese Chronifizierung des Stresszustandes werde durch eine nicht ausgeprägte Resilienz aufrechterhalten, das psychische Gleichgewicht der Patienten dauerhaft gestört. „Daher sehen wir es als unsere Aufgabe an zu erforschen, auf welche Art und Weise die (neuro)biologischen, psychischen und sozialen Ressourcen von der Adoleszenz an als Schutzfaktoren (re)aktiviert werden können.“ Die strategische Umsetzung der Forschungen im Resilienz-Zentrum beinhalten: die Einrichtung einer Resilienz-Ambulanz, die Entwicklung neuer manualisierter Trainings zur Resilienz-Stärkung, die Initiative zur Neurobiologie der Resilienz sowie die Langzeitstudien im Mainzer Resilienz-Projekt zur Adoleszenz und die Gutenberg Brain Study (GBS).

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Ziel der Resilienz-Forscher ist es, möglichst frühzeitig präventiv eingreifen zu können, um das durch Stressoren fehlgeleitete Gleichgewicht bereits im Ansatz zu erkennen und mittels bestimmter Trainingsmethoden die Widerstandsfaktoren zu aktivieren. In der seit Februar laufenden GBS wurden bereits an 250 Personen Untersuchungen durchgeführt.

Funktionen des Gehirns bei Stresssituationen verstehen

Unter der Leitung von Prof. Dr. rer. nat. Raffael Kalisch vom Neuroimaging Center sollen letztendlich 5 000 Personen teilnehmen. Um die Funktionen des Gehirns bei unterschiedlichen Stresssituationen zu verstehen, werden die Hirnstrukturen der Probanden mittels MRT-Scan, die Hirnströme mittels EEG untersucht und die Ergebnisse mit den genetischen Tests verglichen. Die Hautleitfähigkeit wird mittels psychophysiologischen Methoden im Verhaltenslabor getestet sowie durch Fragebögen zum Verhalten und Hirnleistungstests aus der Neuropsychologie ergänzt.

„Wir hoffen, bald in der Lage zu sein, Tests anbieten zu können, die eine Voraussage möglich machen, ob jemandem eine psychische Erkrankung droht oder nicht“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Oliver Tüscher, ärztlicher Leiter des Studienzentrums für Psychische Erkrankungen. Zu den Methoden gehören seiner Aussage nach das Training zur Selbstregulierung bei stressauslösenden Faktoren bei schwach ausgeprägter Resilienz. Dieses soll bei jüngeren Menschen mittels Handy und speziellen Apps zu steuern sein. So kann mit mobilen Technologien im Rahmen der Ecological Momentary Intervention die Hautleitfähigkeit und die Atemgeschwindigkeit in Echtzeit gemessen und mit einer App-Anleitung zur Gegenregulation unmittelbar agiert werden. Dazu zählen Verhaltenstipps zur positiven Imagination oder zu einer distanzierten Betrachtung der Vorgänge (zum Beispiel wenn der Vorgesetzte lautstark kritisiert). Dieses Impulskontrolltraining kann durch Tastendruck schnell abgerufen und jede Stunde für ein bis zwei Minuten durchgeführt werden. Bei älteren Menschen, die nicht Handy-affin sind, werden, so Tüscher, evidenzbasierte Achtsamkeittrainings zur Emotionsregulation eingesetzt. Hier wird eine Kooperation mit großen Unternehmen angestrebt, die in den Stressabbau und die Resilienzstärkung ihrer Mitarbeiter investieren wollen.

Regine Schulte Strathaus

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