ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Psychoanalyse: Seelische Schwerarbeit

THEMEN DER ZEIT

Psychoanalyse: Seelische Schwerarbeit

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 404

Moser, Tilmann

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Es gibt missglückte und unvollendete Abschiede von den Eltern, die ein schmerzliches Vakuum hinterlassen können. Genaues Nachfragen seitens des Therapeuten ist für das Erkennen bewusster und unbewusster Beziehungen sehr hilfreich.

Trennungen und Abschiede sind ein großes Thema in der Psychotherapie. Foto: Fotolia/JackF
Trennungen und Abschiede sind ein großes Thema in der Psychotherapie. Foto: Fotolia/JackF

Trennung, Abschied, Trauer und Erleichterung sind ein großes Thema der Psychotherapie. Sie können dauern von Minuten über Jahre bis ans Lebensende. Es gibt geglückte Abschiede, die eine Beziehung beenden, missglückte und unvollendete, die ein schmerzliches Vakuum hinterlassen können. Um ein solches Vakuum geht es im folgenden Fallbeispiel:

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Eine circa 60-jährige Patientin aus einer weit entfernten Stadt fragte zum Ende einer einwöchigen Serie von Stunden, für die sie sich für einige Tage eingemietet hatte, nachdenklich und schon ein wenig aufgeregt über unseren bevorstehenden Abschied für einige Monate, ob wir uns dem Thema Abschied noch zuwenden können. Sie habe den Eindruck, dass da etwas Unbearbeitetes in ihr schwele. Ich stimmte zu und fragte, welche schwierige und unabgeschlossene Trennung ihr einfiele. Sie nannte zuerst die „feige Trennung, die mir mein erster Freund am Telefon ganz unvorbereitet mitteilte. Wir haben nie mehr darüber gesprochen. Und bei einem zufälligen viel späteren Zusammentreffen kam immer noch Groll hoch.“ Bei einer „Abrechnung“ mit ihm auf dem leeren Stuhl konnte sie ihm ihre Enttäuschung und ihre Wut noch einmal unter die Nase reiben.

Freudige Aufbruchsstimmung und traurige Leere

Danach fragte ich sie nach ihrem Abschied von den Eltern und aus dem Elternhaus, was nicht unbedingt das Gleiche ist. Denn auch eine Wohnung, ein Haus, ein Garten, eine Umgebung, Räume und Erinnerungen an Gerüche, einzelne Zimmer und deren Einrichtung werden ja verlassen. Sie wurde diesmal nicht zornig, sondern traurig und war erstaunt, wie viele konkrete Details ich wissen wollte: die Stimmung, die Worte, die Gesichter, das Wetter, die letzten Gesten, der Aufbruch, Geschenke, Ermahnungen und Aufträge; und ihre Perspektiven und Erwartungen. Sie hatte zunächst Mühe, sich an vieles zu erinnern, wusste gar nicht, wie viele Aspekte sie doch wahrgenommen hatte, obwohl die Verliebtheit in ihren helfenden Freund, der sie mit seinem alten VW sozusagen entführte, alles überglänzte. Und an der Oberfläche half weiter eine neugierige und erleichterte Aufbruchsstimmung mit der Vorfreude, eine gewisse Enge und Leere der Familie verlassen zu können.

Sie erinnerte sich aber allmählich und trauriger werdend, wie teilnahmslos und geschäftig die Mutter sich gab, wie wortkarg der Vater war – zwei ältere Geschwister hatten das Haus schon verlassen –, wie weggedrückt alle Gefühle schienen und wie wenig man sich anblickte. Sie wusste nicht einmal, ob sie am Auto beim Einsteigen verabschiedet wurde oder, was ihr wahrscheinlicher schien, es ein knappes Winken vom Balkon gab. Es überfiel sie eine Leere, vor der es sie fast schauerte, und dann zum Schluss fast schreiend vor plötzlichem Erstaunen, ein Bild: Der Vater, der hinter allem strengen Poltern und gefährlicher Unberechenbarkeit ohnehin der an Gefühlen der reichere war, tritt auf sie zu, halb weggedreht, wohl um eine Verlegenheit oder sogar eine Träne zu verbergen, und überreicht ihr eine kostbare kleine Vase, die sie dann lebenslang bei allen Umzügen begleitet hat.

Sie selbst hatte noch beim Erzählen Tränen in den Augen und meinte: „Da war ja doch eine Beziehung, er spürte den Einschnitt und den Verlust und überreichte mir ein Symbol seiner Empfindung, und die hat insgeheim getragen, obwohl ich sie so tief vergessen hatte.“

Peter Weiss’ langwieriger Trennungskampf

Es war seelische Schwerarbeit gewesen, und wir schöpften die volle Zeit der Doppelstunde nicht mehr aus, wir umarmten uns, selbst ein wenig nüchtern gegen das Ergriffensein. Sie schloss die Praxistür hinter sich, froh, dass ich noch ein Telefonat eine Woche später erbeten hatte, um etwas von den Nachwirkungen dieser Häufung und Schichtung von Abschieden zu erfahren.

Abschiede von den Eltern sind Thema vieler Therapien und Analysen, seien sie noch am Leben oder längst gestorben. Der Schriftsteller Peter Weiss hat in seinem Buch „Abschied von den Eltern“ (edition suhrkamp) seinen Trennungskampf, der sich lange hinzog, in ergreifender Weise geschildert. Anlässlich eines Jahrzehntes nach dem Tod der Eltern erinnert er sich an die Stimmungen des Zerfalls der Familie und die unverblassten Bilder: „Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinanderzusetzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung. Nie habe ich das Wesen dieser beiden Portalfiguren meines Lebens fassen und deuten können. Bei ihrem fast gleichzeitigen Tod sah ich, wie entfremdet ich ihnen war. Die Trauer, die mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum … „Und als er den plötzlich verstorbenen Vater in einer provisorischen Leichenhalle einer fremden Stadt aufsucht, erlebt er überrascht bei diesem aufgezwungenen Abschied einen anderen Vater: „Sein mageres Gesicht war entspannt, das kaum ergraute, dünne Haar lag in einer weichen Locke um seine Stirn, etwas Stolzes, Kühnes, das ich früher nie an ihm wahrgenommen hatte, prägte seine Züge. . . . Ich erinnerte mich an meinen Vater, so wie ich ihn zuletzt gesehen hatte, unter einer Decke auf dem Sofa im Wohnzimmer liegend, nach der Beerdigung meiner Mutter, sein Gesicht grau und undeutlich, von Tränen verwischt, sein Mund den Namen der Verstorbenen stammelnd und flüsternd.“ Er ruft das Bild der Familie herauf: „Der Mann, der jetzt verloren vor mir lag, hatte nie davon abgelassen, an das Ideal des bestehenden Heims zu glauben, . . . “ Und: „Von meinem Vater wusste ich nichts. Der stärkste Eindruck seines Wesens war seine Abwesenheit.“ Die Erinnerung an die Mutter ist lebendiger, gleichzeitig glücklich und doch voller Angst vor ihrer ungestümen Vitalität: „Alles dröhnte und wogte um die Gestalt meiner Mutter. Ich versuchte, ihrer Gewalt zu entgehen, indem ich die Augen schloss und die Lippen über meiner Stimme zusammenpresste. Doch dann konnte ich es nicht länger ertragen, musste nach dem Gesicht der Mutter schreien, musste bestätigt sehen, dass es noch da war. . . .  Um die Mutter war alles unbeständig, kochend, wirbelnd.“

Der Abschied zog sich über Jahre hin, auf der Flucht vor den Nazis, über zwei Emigrationen, Trennungen, Wiedervereinigungen, gemeinsames Überleben und ein Losreißen in eine wilde Malerexistenz, Zerstörung der ersten Bilder durch die Mutter, eine wilde sexuelle Flucht vor der inzestuösen Bindung an Mutter und Schwester, Visionen von rauschhafter Freiheit und demütigende Rückkehr in den düsteren Schoß der Familie, Verfluchungen und Tröstungen aus den gleichen Mündern, mit denen es doch keine reifenden Konflikte gab. Abschied als eine Reihe von Konvulsionen, nahe am Wahnsinn, bis er schließlich am Ende des Buches als Schriftsteller schreiben kann: „Und die innere Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit, nahm ich Abschied von den Eltern. . . . Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben.“

Insistierendes Nachfragen kann sehr wichtig sein

Ein ganz spezielles Thema ist der oft bewegende Moment, die Minute oder Stunde oder der Tag, in dem ein Kind aufbricht von den Eltern in eine andere Stadt, in den Beruf, eine Ausbildung, das Studium, eine erste Beziehung, eine Heirat, und so weiter. Es geht also um das ganz konkrete Auseinandergehen, vom Händedruck, der Umarmung, dem Winken, der Begleitung zum Bahnhof oder Bahnsteig oder Flughafen, wo man so viele Abschiede, schmerzliche oder leidenschaftliche, beobachten kann. Die letzteren sind meist nicht unterscheidbar in ihrer Bedeutung und Endgültigkeit. Es geht um die anderen, die Trennungen aus dem Nest im Augenblick des leibhaftigen Vollzugs mit den meist dazugehörigen Gefühlen, sowohl die ganz akuten wie die untergründigen bilanzierenden, die durch das Sich-Losreißen ebenfalls aktiviert werden.

Mir wurde erst allmählich deutlich, wie hilfreich genaues, ja insistierendes Nachfragen für das Erkennen bewusster und unbewusster Beziehungen ist. Konkret, wie oben erwähnt, die Stimmung, die Affekte, die Gesten, die räumliche Szene, das Zurückschauen, das Winken, das Lachen oder die Tränen. Was ist erinnerlich an sichtbaren oder vermuteten Affekten bei allen Beteiligten, „letzte Worte“, Ermahnungen, Versprechen, Verabredungen zu Briefen oder Telefonaten, man könnte auch von den die Gefühle ausdrückenden, überdeckenden, verschleiernden, dramatisierenden oder stimmlich gebrochenen Sätzen sprechen: alles ist wichtig, um eine aufgeladene Momentaufnahme zu erforschen, die den Augenblick deuten, aber auch die Vergangenheit und eine noch ungewisse Zukunft andeuten oder illustrieren.

Genauso wichtig kann das Nachfragen nach den Stunden nach der Verabschiedung sein, der Nachhall, die Verarbeitung, zwischen Freude, Erleichterung, Verzweiflung, Leere, Neugier auf Bevorstehendes und die berühmten Bilanzierungserlebnisse, die die Reise und die neuen getrennten Tage begleiten. Meist erlebt man ein Staunen, wie viel jeder wahrgenommen und aufbewahrt hat, das zum ersten Mal mit einem wohlwollenden Zeugen wie ein leuchtender oder düsterer Reichtum besichtigt wird. Der Zeuge muss gewärtig sein, dass es zu Gefühlen zwischen Fremdheit, Kälte und Erschütterungen kommt, zu nachträglichem Jubel oder nie zugelassener Trauer, von Gelächter über heftiges Weinen, von Lobpreis oder nachgetragenen Schmähungen. Der Therapeut wird zum Container oft vergessener, verdrängter oder verleugneter Gefühle, die den Stoff bilden können für ganz neue Abschnitte der therapeutischen Arbeit.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2014; 12(9): 404–6

Anschrift des Verfassers
Dr. phil. Tilmann Moser, Aumattenweg 3,
79117 Freiburg, tilmann.moser@gmx.de,
www.tilmann.moser.de

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