THEMEN DER ZEIT

Albanien: Böse Blicke

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 406

Kattermann, Vera

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Die albanische Gesellschaft leidet auch Jahrzehnte später noch unter der 45 Jahre andauernden sozialistischen Diktatur unter Enver Hoxha. Eindrücke aus einem nach-totalitären Land.

Mehr als 700 000 Bunker ließ der Diktator über ganz Albanien verteilt bauen. Die rund 30 Bunker pro Quadratkilometer sollten der Abwehr von Feinden dienen. Foto: iStockphoto
Mehr als 700 000 Bunker ließ der Diktator über ganz Albanien verteilt bauen. Die rund 30 Bunker pro Quadratkilometer sollten der Abwehr von Feinden dienen. Foto: iStockphoto

Albanien ist seit Mitte Juni offiziell Beitrittskandidat der EU, für viele aber weiterhin ein unbekannter Fleck auf der europäischen Landkarte. Die Jahrzehnte währende selbst gewählte Isolation des Landes hinterlässt bis heute ihre Spuren, auch wenn Wirtschaftsbeziehungen nach der Demokratisierung 1990 schnell geknüpft oder wieder aufgenommen wurden. Zudem zeigen sich in kaum einem anderen Land des ehemaligen Ostblocks die Folgen sozialistischer Diktatur ähnlich drastisch wie hier: Die radikale politische und wirtschaftliche Neuordnung des Landes hat zu sich verschärfender Armut und gesellschaftlicher Spaltung in Arm und Reich geführt. Der Verlust von Arbeitsplätzen und von vertrauten Strukturen und Werten schafft darüber hinaus ein bedrohliches soziales Vakuum. Das Versorgungssystem für psychisch Kranke hat den Vergleich zum europäischen Standard noch nicht aufgeholt, obgleich die vergangene politische Repression und Verfolgung zu weit verbreiteten psychischen Störungen geführt hat.Wie geht die albanische Gesellschaft mit den seelischen Spuren der Vergangenheit um? 2014, das sind knapp 30 Jahre nach dem Tod des Diktators Enver Hoxha und fast 25 Jahre nach der politischen Öffnung für die Bildung von Oppositionsparteien Ende 1990. Eine lange Wegstrecke für die psychische Integration der repressiven Erfahrungen? Demgegenüber stehen fünfundvierzig Jahre einer sozialistischen Diktatur, die es in sich hatte. Um das Ausmaß der Zerstörung bürgerlicher und demokratischer Werte zu verstehen, ist es nötig, ihre Geschichte näher zu betrachten.

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Verschanzung und Isolation

Enver Hoxha, einst kommunistischer Kämpfer gegen die faschistischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, suchte als Diktator der Volksrepublik Albanien den Schulterschluss mit den sozialistischen Großimperien und ihren überzeugtesten Ideologen. Doch je näher der Kontakt, desto enttäuschter zeigte Hoxha sich von den sozialistischen Bruderländern: So brach er 1961 die Beziehungen zur UdSSR ab, da er den sowjetischen Abfall vom Stalinismus nicht akzeptierte. Auch die darauf folgende Allianz mit dem maoistischen China kündigte er 1978 auf – ihm fehlte die hinreichende Leidenschaft der chinesischen Führung in der Auslegung der marxistisch-leninistischen Ideale. Noch kurz vor seinem Tod bekräftigte Hoxha: „Das heroische (albanische) Volk hat ohne Unterlass mit seiner mächtigen Stimme den Titoismus, die sowjetischen Sozial-Imperialisten und Mao Tse-tung und die ganze chinesische Führung, die den Marxismus-Leninismus verraten und den revisionistischen Kurs gewählt hat, unbarmherzig bekämpft.“ Es sagt viel aus über die seelische Verfasstheit eines Diktators, wenn ihm auch die Hardliner sozialistischer Ideologien als revisionistische Weicheier erscheinen. Hoxhas Antwort auf die Enttäuschung an den sozialistischen Bruderländern war die völlige Isolation, der Abbruch aller Auslandsbeziehungen, eine schizoid anmutende Verschanzung hinter den Grenzen des eigenen Landes. Die materielle Umsetzung seines wachsenden paranoiden Misstrauens waren die über 700 000 Bunker, überwiegend Ein-Mann-Bunker, die der Diktator über das ganze Land verteilt bauen ließ. Sie sollten der Abwehr von Feinden dienen, ein Bunker auf vier Einwohner oder 30 Bunker pro Quadratkilometer – eine extrem hohe Zahl für ein so kleines und ziemlich bergiges Land. Und die Herstellung eines Bunkers war teuer: Von den Kosten hätte jeder albanischen Familie eine Villa gebaut werden können, so der verbitterte Kommentar heutiger Albaner. Die exorbitante Betonproduktion und die für die Bunker notwendigen Stahlimporte marodierten die Wirtschaft nachhaltig – aber das albanische Volk sei für die Verwirklichung des Sozialismus auch bereit, Gras zu fressen, so Hoxha. Die paranoiden Züge seiner Persönlichkeit prägten Land und Landschaft gleichermaßen. Misstrauen wurde Staatssystem. Der Verfolgungswahn kehrte sich gegen sich selbst: das Bunkersystem kumulierte zur räumlichen Inszenierung totalitärer Beobachtung. Die letzten Bunker-Exemplare sind bis heute über das Land verteilt zu finden.

Natürlich infizierte der Verfolgungswahn auch das Zentralkomitee der Partei selbst: mehrere seiner Mitglieder wurden zum Rücktritt gezwungen oder ermordet. So starb etwa 1981 der langjährige Weggefährte und Stellvertreter Hoxhas, Mehmet Shehu, unter ungeklärten, auf Mord deutenden Umständen, seine Frau und sein Schwager wurden ermordet, seine Söhne ins Straflager gebracht. Die Memoiren Hoxhas mussten neu geschrieben und aufgelegt werden, war Shehu darin doch stets als engster und treuester Kampfgenosse beschrieben. Für einige Zeit seien die Regale in den Buchhandlungen Albaniens leer gewesen, waren hier doch fast ausschließlich die politischen Schriften Hoxhas zu kaufen. In Nationalmuseum und Nationalgalerie, vorübergehend wegen „Arbeiten“ geschlossen, wurden die Bilder des einst mächtigen Stellvertreters und seiner Angehörigen entfernt oder sie wurden von den Leinwänden wegretuschiert.

Bestrafung der Familie

Die Perfidie der politischen Verfolgung lag in der Ausweitung der Diskriminierung und Bestrafung jeweils auf das gesamte Familiensystem: So wurde den Oppositionellen eine Schicksalsverantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Familie aufgebürdet. Die Flucht oder Emigration auch entfernter Familienmitglieder führte zur Diskriminierung und Verfolgung aller Familienangehörigen. Häufig wurden betroffene Familien in einsame Gegenden zwangsumgesiedelt und beruflich degradiert. Der eigentliche Oppositionelle aber wurde im Regelfall in einem Straflager gefangen gehalten. In den Straflagern wurden Zehntausende gefoltert, viele Häftlinge verhungerten oder starben an den Folgen ihrer Misshandlungen. Man geht heute von über 100 000 Inhaftierten aus. Das Justizministerium wurde aufgelöst, da Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechte sowieso ausgehebelt waren. Mittels rigoroser Verfolgung wurde jegliche Religionsausübung verboten, religiöse Bauten zerstört und Albanien als erster atheistischer Staat der Welt ausgerufen. So war auch ein großer Teil der in den Straflagern Gefolterten Geistliche. Nur die Erfassung und Kontrolle der Träume blieb eine Fiktion – nach der politischen Wende ausgemalt vom albanischen Schriftsteller Ismail Kadare.

Die Diktatur Hoxhas, sie mutet an wie eine staatgewordene seelische Erkrankung. Was ist aus den Kindern dieser Kultur von Hass, Misstrauen und Verfolgung geworden, und was aus ihren Vätern und Müttern? Wie geht die Gesellschaft um mit dem Erbe der Diktatur? Symbolisch bringt es vielleicht das Mausoleum Enver Hoxhas im Stadtzentrum der Hauptstadt Tirana auf den Punkt: In seiner exzentrischen Architektur sieht es aus wie ein vor langer Zeit gelandetes und nun verwahrlostes Ufo. Die Eingänge sind – nachdem man einige Jahre versucht hatte, eine Disco im Innenraum zu beheimaten – zugemauert, Graffiti verschmiert die grau-abgerissenen Außenwände. Die Vergangenheit, weil nicht betanzbar, eingekapselt, ihre Dämonen eingemauert? Es hat keinerlei Form gesellschaftlicher Aufarbeitung der Verbrechen gegeben, eine juristische Verfolgung oder Verurteilung der Täter ist ausgeblieben. Auch die Rolle der Segurimi, des albanischen Äquivalents zur deutschen Stasi, bleibt gesellschaftlich unbeleuchtet – an ein Pendant zur ehemals Gauck-, heute Jahn-Behörde ist nicht zu denken. Immerhin setzt sich etwa das Albanian Rehabilitation Centre for Torture and Trauma Victims (ARCT) für die Veröffentlichung und die gesellschaftliche Diskussion der brutalen Verbrechen in den sozialistischen Gefängnissen und Straflagern ein und bietet psychologische Beratung an. Diese scheint bitter nötig in Anbetracht der prekären Versorgung psychisch Kranker in Albanien. Medikamente sind teuer oder erst gar nicht erhältlich. Neben einer basalen Versorgung in Wohnheimen, Tageszentren oder Allgemeinkrankenhäusern stehen nur vier psychiatrische Kliniken beziehungsweise Stationen, ansonsten aber nur Ambulatorien in den größeren Städten zur Verfügung.

Die Psychotherapie selbst ist noch eine junge Disziplin in Albanien: die ersten klinischen Psychologen wurden erst im Jahr 2000 zugelassen. So sind psychotherapeutische Behandlungen bis heute nur für einen Bruchteil der Bevölkerung zugänglich. Vergleichen wir die Situation Albaniens mit den Bemühungen zur Aufarbeitung des sozialistischen Erbes in Deutschland und mit den dafür vorhandenen Rahmenbedingungen, so ist zu ahnen, wie viel Schmerz, Verheerung und sozialer Konflikt unter der Oberfläche gärt. Heute ist Albanien ein Land in rasender Bautätigkeit. Glänzende Fassaden von Wolkenkratzern winden sich in den Himmel Tiranas und viele Bürger arbeiten an ihrem Traum vom Eigenheim. Es scheint, als wolle sich die Anomie der Gesellschaft in Stein und Beton festkrallen, um überhaupt Halt zu finden. Die emsige Bautätigkeit am Eigenheim ist wohl auch der Versuch eines Triumphs: der Triumph des privaten Glücks gegenüber dem Kontroll- und Kollektivierungszwang eines einst verrückten Despoten. Vielfach noch im Backstein-Zustand oder halbfertig hängen Kuscheltiere, Puppen oder Teddybären an ihren Brüstungen und Dachfirsten. Sie hängen dort gegen den bösen Blick, gegen Neid und Missgunst von Nachbarn und Freunden. Sie baumeln im Wind wie kleine Leichen.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2014; 12(9): 406–8

Anschrift der Verfasserin
Dr. phil. Vera Kattermann, Nollendorfstraße 20, 10777 Berlin, kattermann@arcor.de

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