ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Interview mit Prof. Dr. med. Martin Schäfer, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V.: „Viele Künstler sind bipolar“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Martin Schäfer, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V.: „Viele Künstler sind bipolar“

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 409

Bühring, Petra

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Martin Schäfer ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Suchtmedizin der Kliniken Essen-Mitte. Foto: Udo Geisler
Martin Schäfer ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Suchtmedizin der Kliniken Essen-Mitte. Foto: Udo Geisler

Die Selbsttötung des Schauspielers Robin Williams schockierte die Welt. Neben seinem bekannten Alkohol- und Kokainkonsum litt der 63-Jährige vermutlich an einer bipolaren Störung.

Der weltberühmte US-amerikanische Schauspieler Robin Williams wurde am 11. August leblos in seiner Wohnung im kalifornischen Tiburon aufgefunden. Die Polizei geht von Suizid aus: Robin Williams hat sich erhängt. Der 63-Jährige hat zuletzt unter schweren Depressionen gelitten. Bekannt waren auch seine Alkoholabhängigkeit und sein Kokainkonsum. Zahlreiche Hinweise ließen die Vermutung zu, dass Williams an einer bipolaren Störung litt, teilte die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) kurz nach seinem Tod der Presse mit. Bipolare Störungen führen unbehandelt häufig zu Suizidversuchen und Suizid.

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Wie kommen Sie darauf, dass Robin Williams an einer bipolaren Störung erkrankt war?

Prof. Dr. Martin Schäfer: In den USA gibt es schon länger Aussagen darüber, dass Williams seit seinem 37. Lebensjahr an einer bipolaren Störung litt. Die Vermutung, dass es sich bei ihm um eine bipolare Störung handelt wird auf verschiedensten Internetseiten erwähnt, darunter die Daily News, Psych central oder die International Bipolar Foundation. Robin Williams selbst betonte aber in Interviews, dass bei ihm zumindest nie eine offizielle psychiatrische Diagnose gestellt wurde.

Wie kann es sein, dass ein Prominenter wie Robin Williams, der sicherlich in ärztlicher Behandlung war, nicht richtig diagnostiziert wurde?

Schäfer: Es ist nicht gesagt, dass er nicht korrekt diagnostiziert wurde. Es ist die Frage, wie weit er es zuließ und damit an die Öffentlichkeit gehen wollte. Bei der Schauspielerin Catherine Zeta-Jones ist die bipolare Störung in der Öffentlichkeit klar diskutiert worden. Robin Williams selbst machte nur Andeutungen und entschied somit, was über ihn an die Öffentlichkeit gebracht werden sollte und was nicht. Über die Alkohol- und Kokainsucht, die eine extrem häufige Begleiterkrankung bei der bipolaren Störung ist, gab es dagegen sicher keine Zweifel.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen bipolaren Störungen und Künstlern?

Schäfer: Ja. Viele Künstler und Prominente sind bipolar und besonders auch kreative Menschen. Es gibt dazu verschiedene Thesen: Natürlich braucht man keine psychische Störung, um Künstler zu werden oder ein guter Musiker. Aber möglicherweise gibt es biologische Zusammenhänge in dem Sinne, dass man bestimmte Dinge intensiver wahrnimmt, dass das Filterorgan, der Thalamus, andere Eindrücke durchlässt und man daher besser für künstlerische Tätigkeiten geeignet ist. Und umgekehrt birgt das Leben eines Künstlers, die unregelmäßige und häufig extreme Lebensführung, auch die Gefahr, dass bei entsprechender Veranlagung sich psychische Erkrankungen gehäuft klinisch manifestieren.

Werden bipolare Störungen generell bei uns hinreichend erkannt und die Betroffenen entsprechend versorgt?

Schäfer: Es ist immer noch so, dass wir teilweise mit einer Zehn-Jahres-Latenz rechnen bis bipolare Störungen bei den Betroffenen richtig diagnostiziert und behandelt werden. Häufig wird die Erkrankung auch nicht erkannt. In Deutschland sind rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung davon betroffen.

Was kann man tun, um das zu verbessern?

Schäfer: Die Kenntnisse über bipolare Störungen in der Bevölkerung müssten verbessert werden. Ein Weg kann dabei sein, anhand von solchen prominenten Fällen auf psychische Erkrankungen hinzuweisen. Außerdem gehören spezifische Kenntnisse über psychische Erkrankungen generell schon in das Medizinstudium, denn sie gehören zu den häufigsten Erkrankungen, die man heutzutage in einer Hausarztpraxis sieht.

Die Fragen stellte Petra Bühring

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