ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Psychiatrische Versorgung: Obdachlose sind häufig psychisch krank

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Psychiatrische Versorgung: Obdachlose sind häufig psychisch krank

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 421

Meyer, Rüdiger

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Mehr als zwei Drittel aller wohnungslosen Menschen leiden unter psychischen Erkrankungen, aber nur ein Drittel erhält eine entsprechende Versorgung. Dies geht aus einer Untersuchung der Technischen Universität München hervor, deren Autoren die „Enthospitalisierung“ seit den 70er Jahren für die Obdachlosigkeit mitverantwortlich machen. Etwa 300 000 Menschen in Deutschland haben keine eigene Wohnung. Davon leben rund 25 000 Menschen ohne Unterkunft auf der Straße, mit steigender Tendenz.

Dies ist nach Ansicht von Josef Bäuml von der Klinik für Psychiatrie des Klinikums rechts der Isar nur eine Seite der Medaille. Die andere ist eine Versorgungslücke in der psychiatrischen Behandlung. Die Psychiatrie-Enquete 1975, die in Deutschland die Zahl der stationären Psychiatriebetten erheblich reduzierte, habe die Behandlung der Patienten teilweise „auf den Bürgersteig“ verlegt, schreibt Bäuml in der Zusammenfassung der SEEWOLF-Studie (Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Großraum München). So sehr vielen psychisch Kranken die „non-restriktive Lebensform“ außerhalb der Kliniken zunächst entgegenkomme, so sehr seien sie langfristig von Verwahrlosung und erhöhter Mortalität bedroht, findet Bäuml. Bereits in den 90er Jahren hatte die sogenannte Fichter-Studie festgestellt, dass psychische Erkrankungen bei wohnungslosen Menschen gehäuft vorkommen. Die SEEWOLF-Studie hat dies nach Ansicht der Autoren jetzt bestätigt.

Die Wissenschaftler hatten in einer zufälligen Stichprobe 232 Wohnungslose interviewt und psychiatrisch untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten Männer und Frauen bereits vor dem Verlust der Wohnung psychisch labil und verwundbar waren. 55 Prozent litten laut SKID-II, einem international anerkannten Untersuchungsinstrument, unter Persönlichkeitsstörungen. In den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebrachte Menschen zeigten zudem im Mittel eine eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit. Ihr mittlerer IQ lag mit 85 signifikant unter dem Durchschnitt von 100.

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Bei zwei Dritteln der Teilnehmer diagnostizierten die Autoren aktuell psychische Krankheiten: Rund 14 Prozent litten unter Schizophrenien; etwa 40 Prozent hatten eine Depression und bei rund 20 Prozent lagen Angsterkrankungen vor. Bei 80 Prozent wurde eine Suchterkrankung diagnostiziert. Während die körperliche Verfassung vieler Studienteilnehmer gut war, stellten die Wissenschaftler Defizite in der psychiatrischen Versorgung fest. Nur rund 30 Prozent gaben an, Psychopharmaka einzunehmen. Aus Sicht der Forscher muss deshalb die psychiatrische Betreuung der Wohnungslosen verbessert werden. Viele würden die Angebote aber auch ablehnen, warnten die Autoren. Sie schlagen deshalb die Bildung von „Schutzräumen ohne forcierte Therapieanforderungen“ vor. Die Betroffenen benötigen ein vorübergehendes „Time-out“, um materiell und psychisch den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Für diese Art der fürsorglichen Begleitung gebe es derzeit jedoch noch kein eindeutig definiertes Versorgungskonzept, gestehen die Wissenschaftler ein. rme

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