ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Körperökonomie: Diskurs mit Blick über die Grenzen

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Körperökonomie: Diskurs mit Blick über die Grenzen

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 422

Gerlach, Alf

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Dass der menschliche Körper und einzelne Körperteile zu einer handelbaren Ware geworden sind, schreckt uns zwar immer wieder auf, wenn in den täglichen Nachrichten einzelne Aspekte dieses Geschäfts thematisiert werden. Es fehlen aber eine grundsätzliche Aufmerksamkeit und eine Auseinandersetzung mit diesem Thema, in der nicht sofort moralisch argumentiert wird. Diesen Kurzschluss vermeidet der Band, indem er Beiträge von Biologen, Historikern, Humanmedizinern, Philosophen, Psychologen und Soziologen zusammenführt und so einen Diskurs eröffnet, der den Blick über die Grenzen des je eigenen Fachgebiets erweitert. Dabei muss allerdings der Leser bereit sein, sich auf die vertiefende Sicht der Einzelbeiträge einzulassen und aus der Gesamtschau verschiedener Beiträge zu seinen eigenen Bewertungen und Schlussfolgerungen zu kommen.

Der Begriff „Kommodifizierung des Körpers“ wird dabei zu einer Denkfigur, in der die Behandlung des Körpers als Ware in einem Marktgeschehen zu fassen versucht wird. Ein historischer Beitrag weist nach, unter welchen Bedingungen dies schon in der Frühen Neuzeit möglich war und wie heute in Biobanken und in der Transplantationsmedizin damit verfahren wird. Dabei wird auch deutlich, wie unterschiedliche historische, gesellschaftliche und juristische Gegebenheiten die konkrete Ausgestaltung des Umgangs mit dem menschlichen Körper als „Rohstoff“ prägen. Auch der darüber geführte gesellschaftliche Diskurs, zum Beispiel im Rahmen der ethischen Infragestellung bestimmter Praktiken, wird nicht als Resultat individueller ethischer Präferenzen verstanden, sondern als ein Aspekt sozialethischer und gesellschaftspolitischer Fragen diskutiert. Die aktuell sehr lautstarken liberalistischen Positionen, welche die Selbstvermarktung des eigenen Körpers als autonome Selbstgestaltung kennzeichnen, werden dadurch wiederum als ideologische Positionen erkennbar.

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Mehrere Beiträge diskutieren die Voraussetzungen und Folgen der Transplantationsmedizin. Auf spannende Weise tragen wissens- und diskursanalytische Untersuchungen, aber auch tiefenpsychologische Analysen zu neuen Einsichten bei, in der die öffentliche Diskussion um Organspende und Spendenbereitschaft als „virtueller Gabentausch“ betrachtet werden kann oder die gesellschaftliche Mythenbildung aus der Transplantation als „Spende“ plötzlich einen „Organraub“ werden lässt. Demselben ideologiekritischen Aspekt folgen auch andere Beiträge des Bandes, die sich mit dem Körper als zum Tausch angebotene Ware in der Prostitution oder mit dem Körper als Warenfetisch im Film beschäftigen. Alf Gerlach

Lea Schumacher, Oliver Decker (Hrsg.): Körperökonomien. Psychosozial-Verlag, Gießen 2014, 223 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

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