ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Rituelle Gewalt: Nicht jenseits aller Hoffnung

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Rituelle Gewalt: Nicht jenseits aller Hoffnung

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 424

Drexler, Katharina

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Die Arbeit mit Opfern von ritueller Gewalt und Mind-Control birgt in vielerlei Hinsicht Fallstricke. Die Klienten sind in viele Teilsysteme gespalten, die aufeinander einwirken – ohne dass sie eine Übersicht oder eine Vorstellung von ihrem System hätten. Es dauert lange, sich den Klienten so zu nähern, dass sich für Therapeuten und Klienten ein gangbarer Weg abzeichnet.

In der Ausbildung sind die meisten Psychotherapeuten auf eine solche Klientengruppe nicht vorbereitet worden. Absichtsvoll aufgespaltene Systeme (Menschen mit angelegten Teilidentitäten in Form von DIS oder DDNOS) unterscheiden sich deutlich von anderen dissoziativen Störungen der Identität. Beide haben massive Gewalt erlebt, aber die Gruppe, die Alison Miller hier beschreibt, hat noch weitere Erschwernisse auf den Weg bekommen. Jeder Versuch des Annehmens von Hilfe, jedes Vertrauen kann teuer bezahlt werden. Die Tätergruppen haben Fallen angelegt, die ein Aussteigen und Herauskommen nachhaltig erschweren. Therapeuten, die nicht auf diese spezifischen Probleme eingerichtet sind, können Klienten nur unzureichend helfen. Es gilt an unterschiedlichen Programmierungen zu arbeiten, wie Anti-Hilfe und Anti-Schlaf, Rückkehr- und Suizidprogramme, angelegte Selbstverletzungen und immer wiederkehrende Verfolgung und erneute Gewalt.

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Miller hat ein eindrückliches und sehr kenntnisreiches Buch verfasst, das interessierten Therapeuten aufzeigt, wie sie ihren Klienten in dieser Situation helfen und selbst eine klar strukturierte Therapie entwickeln können, angesichts dieser extremen Form von Gewalt. Die Autorin beschreibt aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Vorgehen der Täter und erläutert die praktische Arbeit an vielfältigen Beispielen. Betroffene, die ausgestiegen sind und sich heute als kompetente Fachfrauen selbst äußern, sind eine weitere wertvolle Informationsquelle.

Neben dem Handbuch „Rituelle Gewalt“, das von Igney und Fliß herausgegeben wurde, ist dieses Buch ein Meilenstein in der Behandlung von Problemen, die man nicht wahrhaben will in einer zivilisierten Welt. Der Autorin gebührt der Verdienst, dass sie sachlich über ein fast unvorstellbares Maß gezielter Gewalt gegen Menschen berichtet und ihre alltägliche praktische Arbeit in verständlicher und klarer Sprache beschreibt. Sie entlarvt die Lügen der Programmierer und der Tätergruppen, und hilft, sich im Dickicht angelegter Dissoziation nicht heillos zu verstricken. Sie lässt Betroffene zu Wort kommen, die schonungslos ihre eigenen Verstrickungen aufzeigen. Berührend berichtet eine Überlebende, wie sie die Freundschaft zu einem anderen Kind erlebte, das sie dann schließlich töten musste.

Das Buch zu lesen ist „harte Kost“ – es ist aber auch ein Buch, das rituelle Gewalt für behandelbar erklärt. Jenseits aller Vorstellbarkeit – aber nicht jenseits aller Hoffnung. Valerie Sinason schreibt in ihrem Vorwort: „Ein Handbuch zum Lesen und immer wieder lesen und nachschlagen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Katharina Drexler

Alison Miller: Jenseits des Vorstellbaren. Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind-Control. Asanger, Kröning 2014, 464 Seiten, gebunden, 49 Euro

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