ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Körperpsychotherapie: Zusammenwirken von Geist und Körper

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Körperpsychotherapie: Zusammenwirken von Geist und Körper

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 423

Kuck, Bernd

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Die tief in das unbewusste Erleben und Leben eingegangene Aufspaltung des menschlichen Organismus in Körper, Seele und Geist geht nach allgemeiner Auffassung auf Renè Descartes zurück, der so den Körper der Kirche entriss und der medizinischen Forschung zugänglich machte. Diese Spaltung zeitigt jedoch mehr und mehr negative Folgen, da der Körper inzwischen zum Ding herabgesunken ist. Die Wiedergewinnung des Verständnisses einer ganzheitlichen Betrachtung der menschlichen Existenz ist bereits in der sogenannten psychosomatischen Medizin versucht worden und nur unvollständig gelungen. Fogel liefert einen Beitrag zu dieser Problematik, indem er das inzwischen angesammelte Wissen aus der neurobiologischen Hirnforschung zusammenträgt und die seelisch-geistigen mit den körperlichen Funktionen in einem ganzheitlichen Verständnis zusammenführt.

Fogel begegnete in den USA Marion Rosen, die durch Körperberührungen Muskelverspannungen löste. Ursprünglich Krankengymnastin, war sie erstaunt darüber, was ihr Patienten alles erzählten. Sie baute dies zu einer Methode aus, die sie dann auch anderen vermittelte. Einer von ihnen war Alan Fogel, der Professor für Psychologie an der Universität von Utah in Salt Lake City ist. Im Text legt er die neurophysiologischen Prozesse dar, welche die Wirksamkeit körpertherapeutischer Interventionen – hier speziell der Rosen-Methode – belegen. Dies ist nicht nur hinsichtlich der Akzeptanz körpertherapeutischer Verfahren vonseiten der Krankenkassen von Interesse, sondern grundsätzlich für das Verständnis des gesamtorganismischen Zusammenwirkens von Geist und Körper.

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Nach wie vor krankt das medizinische und psychologische Denken daran, den Organismus in einzelne Kompartimente aufzugliedern. Es fehlt das „differenzierte Verständnis, dass kein Teil unseres Körpers richtig funktionieren kann, ohne über die verkörperte Selbstwahrnehmung und das Gehirn Verbindungen zu anderen Teilen des Körpers zu erreichen oder aufrechtzuerhalten“. Dies wirkt sich zum Beispiel nachteilig auf die Genesung nach chirurgischem Eingriff aus. Es bleiben Irritationen etwa in Gestalt von Schmerzen ohne organischen Befund, die dann lediglich medikamentös oder gar mit Durchtrennungen von Nervenleitungen beantwortet werden. Dies entspricht einem funktional mechanistischen Verständnis mit all seinen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen im Umgang mit dem Lebendigen schlechthin.

Der lebendige Organismus ist besser als ein dynamisches System zu begreifen, dass man sich als einen sich entwickelnden Prozess vorstellen muss und „nicht als ein Gebilde von Zellen und Organen“. Diese hier kritisierte Sichtweise haftet auch der Betrachtungsweise der Neurowissenschaftler an, die mit den aus bildgebenden Verfahren gewonnenen Darstellungen leuchtender Flecken suggerieren, es ließen sich tatsächlich bestimmte
Hirnareale identifizieren, die für die Lösung bestimmter Aufgaben zuständig seien. Dies leistet der Annahme Vorschub, bestimmte Areale seien wichtiger als andere und unterstellt, das Gehirn sei Ausgangspunkt und Quelle der Körperkontrolle. Tatsächlich handelt es sich um ein äußerst komplexes Zusammenspiel zwischen Gehirn, Körper und Umwelt. Und dass im MRT wirklich erfasst wird, was im Gehirn geschieht, ist seit der Heisenbergschen Unschärferelation immerhin zu bezweifeln, bewegt man sich doch im mikrokosmischen Bereich.

Fogel kann zum Beispiel deutlich machen, dass die „verkörperte Wahrnehmung interozeptiver Gefühle“ nicht im orbitofrontalen Kortex oder in der Insula „sitzt“. „Eher entwickelt sich die Wahrnehmung als Phänomen eines gesamten Systems, als eine Konsequenz der Koaktivierung quer durch diese und andere Regionen des Gehirns und Körpers im interozeptiven Netzwerk“. Fogel leistet hier einen wichtigen Beitrag, das seit Wilhelm Reich in der Körperpsychotherapie angesammelte Wissen mit dem der Neurophysiologie und Traumaforschung zusammenzuführen, womit er einen interessanten Ansatz zur Aufhebung der Parzellierung verkörperter menschlicher Existenz liefert. Der Mensch wird wieder zur leiblichen Existenz, bekommt den vergessenen Leib als beseelten oder begeisterten Körper zurück. Bernd Kuck

Alan Fogel: Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart 2013, 384 Seiten, gebunden, 49,99 Euro

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