ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2014Musik für Kinder: Mehr als der „Mozarteffekt“

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Musik für Kinder: Mehr als der „Mozarteffekt“

PP 13, Ausgabe September 2014, Seite 425

Protschka, Johanna

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Wer von Kindesbeinen an gemeinschaftlich singt und musiziert, verbessert nicht nur kurzfristig seine kognitiven Leistungen, sondern fördert auch sein Einfühlungsvermögen. Ein Benefiz-Projekt will das Musizieren wieder in die Familien bringen.

Gemeinsames Singen und Musizieren fördert sowohl aus neurologischer als auch aus pädagogischer Sicht die Entwicklung eines Kindes. Foto: picture alliance
Gemeinsames Singen und Musizieren fördert sowohl aus neurologischer als auch aus pädagogischer Sicht die Entwicklung eines Kindes. Foto: picture alliance

Singen und Musizieren macht schlau und glücklich. Mit diesem Argument plädieren Pädagogen gerne für eine möglichst frühe musikalische Erziehung von Kindern.

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Dass das Singen positive Effekte für den Spracherwerb, das Gedächtnis und die motorischen Fähigkeiten eines Kindes haben kann, werden die wenigsten bezweifeln. Doch diejenigen, die sich auf wissenschaftlicher Basis mit diesem Themenfeld auseinandersetzen, haben noch einiges zu tun, um herauszufinden, wo und wie genau das Musizieren auf den Menschen wirkt.

Das bestätigt auch der Neurologe und Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH), Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller. Er ist Mitglied im Kuratorium des Projektes „Ganz Ohr! Musik für Kinder“, das sich zum Ziel gesetzt hat, das gemeinsame Singen und Musizieren wieder vermehrt in die Familien zu tragen. Das Benefizprojekt soll den Einstieg in das gemeinsame Singen erleichtern. Auf einer interaktiven Website finden Interessierte unter anderem Liedblätter zum Mitsingen, Fingerspiele und Kniereiter.

Altenmüller beschäftigt sich seit Jahren mit den neuronalen Auswirkungen musikalischen Lernens im Kindes- und Jugendalter. „Musizieren fördert die Entwicklung des Gehirns durch Vernetzung und durch die Vergrößerung bestimmter Nervenbahnen“, erklärt er. „Es werden besonders günstige Netzwerke zwischen dem Hören und Bewegen angelegt, also zwischen den Schläfenlappen, wo das Gehör repräsentiert ist, und den Planungs- und Bewegungszentren im Stirnhirnlappen.“ Der Neurologe geht davon aus, dass das gemeinsame Singen über den kurzfristigen, sogenannten Mozarteffekt hinausgeht. Jener Effekt beschreibt eine kurzfristige Verbesserung der kognitiven Leistungen durch bestimmte Stimuli, worunter nicht nur das Musikhören oder -machen, sondern auch sportliche Aktivitäten fallen können.

Die Wirkung des gemeinschaftlichen Musizierens, vor allem im frühen Kindesalter, sei aber nachhaltiger, erklärt Altenmüller. Es werden die rationale Planung und eine emotionale ganzheitliche Wahrnehmung gefördert, ein Mehrwert gegenüber dem Sport- oder Schachtraining. Obgleich neuere Studien belegen, dass gemeinsames Musizieren das Kooperationsverhalten bei Kindern positiv beeinflusst, sieht Altenmüller in diesem Bereich aber noch Forschungsbedarf: „Wir müssen genauer schauen, was an der Musik der wichtigste Effektor ist. Ist es das Emotionale? Oder sind es Rhythmus und Melodie?“

Aus pädagogischer Sicht ist vor allem das gemeinschaftliche Musizieren mit den Eltern wichtig. Doch gerade innerhalb der Familien werde immer weniger musiziert, sagt Prof. Dr. Hans Bäßler, Leiter und Mitinitiator des Projekts „Ganz Ohr! Musik für Kinder“ und Professor für Musikpädagogik an der HMTMH. Das könne man am besten vor dem geschichtlichen Hintergrund in Deutschland erklären, so Bäßler. In den Fünfziger Jahren wurde das Singen teilweise als präfaschistisch verstanden, und die darauffolgenden Generationen sind in den Schulen mit dem Singen nicht mehr so intensiv in Kontakt gekommen. Es gehe nicht um ein professionelles Musizieren vor Publikum, sondern vielmehr um ein Urbedürfnis des Menschen zu singen. Das werde jedoch immer weniger kultiviert. Hier gebe es Handlungsbedarf.

Johanna Protschka

@www.ganzohr.org

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